Dieser Eintrag stammt von Mario Christ (*1988)

2. Weltkrieg - ein Lebenseinschnitt

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Gehrd Fahl (*1928)

Gehrd Fahl ist im Jahre 1928 in Hamburg geboren, sein Vater war Polizist und seine Mutter war Hausfrau.

Am Tage, an dem Adolf Hitler die Macht über das deutsche Volk in die Hand bekam, war Herr Fahl gerade einmal 5 Jahre alt. Er bekam noch nicht all zu viel mit, von dem ,,Führer". Das einzige nationalsozialistische in seinem Haus oder seiner Umgebung war das Parteilokal der NSDAP, welches direkt auf der anderen Straßenseite angesiedelt war.
Es gab keine Flagge und auch kein Führer-Bild in der Familie Fahl, deren Haus in der Nähe der Elbbrücken stand.

Er lebte dort und machte dort auch seine Grundschul-Ausbildung. Nach 4 Jahren Grundschule, besuchte er 2 Jahre lang die Volksschule. Nach dieser Zeit kam er 4 Jahre auf den ,,Oberbau". (Heutzutage - Realschule) Seine Lehrer beschränkten sich in aller Regel auf den Schulunterricht. Es wurde in weltanschaulicher Hinsicht zwar das getan was gemacht werden musste, aber auch nicht mehr. Zu den Pflicht-Bräuchen gehörte z.B. das Flagge hissen am ersten Schultag oder das Flagge einholen am letzten. Mit 10 Jahren kam er zu den Pimpfen, dem Deutschen Jungvolk. Er ging dort
hin, weil das DJ so aufgebaut war, dass es besonders Kinder ansprach. Man ging dort nicht wegen des Führers hin, sondern weil es einfach toll war. Es gab dort Spiele, Sportfeste, usw. einfach Dinge, die für Kinder attraktiv erscheinen. Diese Aktivitäten waren aber allesamt so angelegt, dass sie auf den bald anstehenden Krieg vorbereiten sollten. (Was aber die Kinder natürlich nicht wussten.)

Man fand dort auch neue Freunde und war mit den Freunden aus der eigenen Straße zusammen. Es standen dort auch alle Türen offen. Keine verschlossenen Türen, durch die man nicht schreiten durfte. Es gab auch öfters Veranstaltungen, zu denen man erst einmal aus der Stadt heraus musste. Aber eben dieses aus der Stadt herauskommen, war sehr spannend, da man dort sonst nur mit seinen Eltern zusammen hinfahren konnte. Es gab dort aber natürlich auch nationalsozialistische Bräuche. Zum Beispiel musste, jeden Mittwoch, der Heimabend besucht werden. Bei dieser Gelegenheit wurde u.a. auch der Lebenslauf des Führers und andere Daten über den Nationalsozialismus gelernt. Diese Daten waren sogar für Einstellungsgespräche wichtig. Herr Fahl musste natürlich auch marschieren und zum Flaggen-Appell antreten. Das waren aber nur Nebensachen zu dem großen Spaß, den man dort haben konnte.

1942 erfolgte seine erste Kinderlandverschickung nach Reith im Winkel in Oberbayern. Diese Aktionen wurden auf Befehl des Führers Adolf Hitler durchgeführt für Kinder in den bombengefährdeten Städten. Den Rest des Jahres 1942 verbrachte er wieder in Hamburg. 

1943 kam er mit 15 Jahren durch die Kinderlandverschickung nach Ungarn, wo er bei einer Volksdeutschen Familie wohnte. Das sogenannte KLV-Lager (Kinderlandverschickungs-Lager) bestand aus zwei Hamburger Schulklassen. Die beiden Lehrer kamen von den Schulen der Klassen. Sie hatten die Aufgabe, den Schulunterricht vor Ort durchzuführen. Außerdem hatten die beiden Klassen einen von der HJ zugeordneten Lagermannschaftsführer. Dieser war für die Durchführung des HJ-Dienstes verantwortlich.


Herr Fahl blieb dort von April '43 bis Dezember '43 und kam nach 5 Tagen Fahrt wieder in Hamburg an. Von 2. Januar '44 bis Januar '45 war er Flakhelfer, in der Zeit musste er die ersten 6 Woche Grundausbildung an Waffen und Gerät machen. Sein erster Einsatz war in Fischbeck - Tempelberg auf dem Segelfliegerplatz, von dem aus man ganz Hamburg überblicken konnte. Im Frühjahr '44 wurde er dann nach Rönneburg in Harburg versetzt. Es folgte noch einmal ein Stellungswechsel nach Hamburg - Sülldorf, wo er aber nur bis Anfang '45 blieb. Denn im Januar wurde er entlassen.

Da die Familie 1944 auf der Veddel ausgebombt wurde, ging seine Mutter nach Mecklenburg-Vorpommern. Dorthin ließ sich Herr Fahl entlassen und arbeitete dort bei seinem Onkel auf dem Lande. Nach 6-8 Wochen fragte ihn der ,,böse Ortsbauernführer" ob er nicht seinem Vaterland dienen wolle. Dies fasste Herr Fahl als Drohung auf und verließ das Dorf. Er fuhr nach Neubrandenburg und meldete sich dort bei der Frontleitstelle, da er nicht zum Arbeitsdienst wollte. Nachdem er dort angab an welchen Waffen er ausgebildet wurde (1. Karabiner 98K, 2. Sturmgewehr 44 (deutsche Kalaschnikov), 3. LMG (Leichtes Maschinengewehr) 34, 4. 8,8 cm Flak 18/36), wurde er bei der Heeresflak eingezogen. (Flak = Luftabwehr am Boden)

Er und ein Bekannter sollten '45 nach Berlin zur Unteroffiziersausbildung, was aber zu dieser Zeit ziemlich ,,schwachsinnig" war, da Berlin kurz vor dem Fall stand. Sie rochen den Braten und entschlossen sich, nach Lübeck zu fliehen. In Lübeck traf Herr Fahl einen alten Nachbarn aus Hamburg, der den beiden neue Papiere besorgte.

Da die beiden aber nun irgendeinen Dienst machen mussten, entschlossen sie sich nach Oksböl in Dänemark zu fahren und dort ihren Dienst zu leisten. Die beiden fuhren auf einem LKW der Wehrmacht, der Pistolen in ,,Gulasch - Kanonen" (Sehr große Töpfe in denen man auch während der Fahrt kochen konnte) beförderte. Sie waren in einem Dänischen Truppenlager untergebracht, mit normalem Dienst und gutem Essen in den von Dänen geführten Kantinen.

Dort erlebte Herr Fahl auch das Ende des Krieges. In der Nacht des 8. Mai 45 ließ die Stellung Oksböl so richtig die Sau raus. Sie verschossen Munition in den Himmel. Wie ein Feuerwerk ließen sie die Schüsse durch den Nachthimmel fliegen. Aber es war nicht nur ein Feuerwerk... endlich konnten alle mal wieder richtig erleichtert sein, dass der Krieg zu Ende ist.

Nach dem Waffenstillstand musste Herr Fahl und seine Batterie bis zur Deutsch-Dänischen Grenze laufen. Da sie eine bestimmte Frist hatten, wann sie in Deutschland sein mussten, liefen sie um die 50 km am Tag. Da aber passendes Schuhzeug für einen so langen Marsch nur selten zu bekommen war, trugen viele schmerzhafte Fußverletzungen davon. An der Grenze wurde die Batterie bereits von den Briten erwartet, die sehr korrekt aber nicht unfreundlich zu den deutschen Soldaten waren. Bei dieser
Begegnung war auch eigentlich nichts Militärisches dabei - alles Locker.
Herr Fahl und seine Kameraden mussten natürlich ihre Waffen abgeben, dafür gab es extra dafür vorgesehene Haufen. Ein Haufen für jede Waffenart. In der ersten Nacht, nach der Waffenabgabe bemerkte Herr Fahl, dass noch ein LMG 34 in einem Transportanhänger war, was aber nicht gerade gut war, da auf Waffenbesitz die Todesstrafe stand. Diese ließen er und seine Kameraden umgehend verschwinden.

Er und seine Kameraden wurden auf einem Hof in Westerdeichstrich (Nähe Büsum) untergebracht. Eines Tages kam die Frage von Herr Fahls Batterie-Führer, ob er nicht Lust hätte mit einem Kameraden namens Heinz auf dem Hof von ,,Bauer Johannsen" zu arbeiten. Beide waren begeistert von der Idee und sie fingen dort an für 15 Reichsmark pro Monat und Versorgung zu arbeiten.

Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft, mussten Herr Fahl und Heinz weg von Bauer Johannsen, da sie alle nach Kellinghusen gebracht wurden. Dort wurde die Sichtung der Papiere durch englische Verhöroffiziere vorgenommen. Als auch dies geschafft war, wurde er nach Bad Segeberg gebracht und dort endgültig entlassen. Herr Fahl ging nach Schleswig Holstein zurück, da er noch nicht nach Hamburg zurückkehren konnte, da Hamburg Zuzugssperre hatte. Dort arbeitete er wieder bei Bauer Johannsen bis 1946 sein Vater aus Norwegischer Gefangenschaft zurückkehre. Da dieser immer noch die Vollmacht über Herrn Fahl hatte (Volljährigkeit mit 21 Jahren) konnte er seinen Sohn nach Hamburg bringen. Dort arbeitete dieser in verschiedenen Betrieben bis er schließlich im Oktober '46 einen Job bei der Post fand und dort 48 Jahre blieb.