Dieser Eintrag stammt von Christiane Schmidt 

Alles machte Spaß.....
aus Sicht eines Kindes und Jugendlichen

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Rolf S. (*1925) aus Hamburg-Bergedorf

Wir waren drei Jungs, ich war der Jüngste. Im Elternhaus wurde nie ein Wort über Politik gesprochen. Sie erlebten das Kaiserreich, den ersten Weltkrieg, den Zusammenbruch und die Inflation. 1932 war mein erster Schultag. Ich ging in die Volksschule "Am Brink"" in Hamburg-Bergedorf. 

Wir waren etwa 50 Schüler in der Klasse und saßen zu zweit auf der Schulbank. Wenn der Lehrer ins Klassenzimmer trat, mussten wir alle mucksmäuschen still sein und links und rechts aus der Bank treten. Wenn uns der Lehrer mit "guten Morgen" begrüßte, antworteten wir im Chor "gu-ten-Mor-gen-Herr-Mül-ler!" Danach hieß es "Setzt Euch" und der Unterricht begann. Nach der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 veränderte sich etwas in der Schule. An einem Tage mussten sich alle Schüler auf dem Schulhof vor dem Fahnenmast aufstellen. Eine Gruppe von etwa 10 SA-Männern standen dort in ihrer braunen Uniform und hissten mit erhobenem rechten Arm die Hakenkreuzfahne. Es wurde ein Lied angestimmt, das ich damals noch nicht kannte: Das Deutschland- und das Horst-Wessel-Lied, die zusammen unsere künftige Nationalhymne bildeten. Beide Lieder mit Text lernten wir später im Schulunterricht. Das Horst-Wessel-Lied lautete wie folgt:

"Die Fahnen hoch, die Reihen fest geschlossen. SA marschiert mit ruhig festem Schritt. /: Kameraden, die Rotfront und Reaktion erschossen, marschieren im Geist in unsren Reihen mit. "

Die morgendliche Begrüßung der Lehrer veränderte sich; nicht mehr mit "guten Morgen", sondern mit: "Heil Hitler", und wir antworteten ebenfalls im Chor: "Heil Hitler", das war später auch in der Hansa-Schule so. Fortan musste jeder nur noch mit "Heil Hitler" grüßen, auch wenn man nur zum Einkaufen ging. Jede Familie, so auch meine Eltern, mussten eine Hakenkreuzfahne besitzen, die zu besonderen Anlässen aufgezogen wurde. Wenn die großen Sommerferien begannen, traten alle Schüler und Lehrer zur Flaggenparade auf dem Schulhof in Hufeisenform an. Der in SA-Uniform gekleidete Schulleiter verlas "ein Wort des Führers aus: "Mein Kampf" und gab das Kommando: "Hol nieder Flagge!" Anschließend wurde gemeinsam das Deutschland- und Horst-Wessel-Lied gesungen, und wir konnten abtreten in die Ferien. Nach den Sommerferien wiederholte sich das Zeremoniell in umgekehrter Reihenfolge: die Fahne wurde wieder gehisst. Ab 1933 sollte jedes deutsche Kind der Jugendorganisation in der NSDAP angehören, so die 10- bis 14-jährigen Jungen im deutschen Jungvolk (DJ) und die 14- bis 18-jährigen in der Hitler-Jugend (HJ). 

Da ich gesundheitlich geschwächt war, kam ich erst mit 12 Jahren in das Jungvolk, nachdem ich vorher eine Pimpfenprobe (Prüfung) ablegen musste. Nun konnte ich auch das Braunhemd mit Schlips und Knoten, Schulterriemen und Koppel, und das Fahrtenmesser tragen wie die anderen Jungen. Und seitdem gehörte ich nicht mehr zur Krüppelgarde, als die wir verspottet wurden, wenn auf dem Schulhof in Uniform angetreten werden musste. Im Jungvolk und in der Hitler-Jugend war ich in der Gruppe der Feldscher (Jugendsanitäter) eingeteilt, wo mir der zweimal wöchentliche Nachmittagsdienst viel Spaß machte. Wir bekamen von einem Arzt eine Ausbildung in erster Hilfe und durften dann die auf das Braunhemd genähte Lebensrune tragen sowie eine Verbandtasche am Koppel. An Geländespielen, Luftgewehrschießen auf dem Bergedorfer Schützen-Schießstand, Marschübungen, Landkartenlesen, Heimabenden mit Liedersingen nahmen wir ebenfalls teil. 

Uns war vieles verboten. Außer dem Abhören von Auslandssendern durften wir auch keine amerikanische Jazz- oder Swingmusik hören. Dennoch hatte eines Tages mein Bruder eine Swing-Platte, den Tiger-Rag, auf sein Grammophon gelegt, als er mit dem Paddelboot unterwegs war. In seinem kleinen Boot fühlte er sich sicher, doch dem war nicht so. Plötzlich standen sie vor ihm, die HJ, sie hatten ihn bespitzelt und forderten nun seine Swing-Platte. Bevor er sie ihnen jedoch gab, hat er sie selber zerbrochen und in die Bille geworfen. Mit Beginn des Krieges wurden viele unserer Lehrer eingezogen. Da mir die Schule wenig Spaß machte, fand ich es toll, dass unsere Klasse im Herbst 1941 zur Kartoffelernte nach Buxtehude geschickt wurde. 

Nach einem weiteren halben Jahr wurde ich mit anderen Gleichaltrigen als 17-Jähriger zu einem dreiwöchigen Lehrgang in ein Wehrertüchtigungslager nach Elmshorn beordert, wo wir eine vormilitärische Ausbildung von Frontsoldaten bekamen. Wir erhielten vor allem Gelände- und Waffenkunde, was mir schon vom DJ und HJ her bekannt war. Damals kam ein Ritterkreuzträger zu uns ins Lager, der uns spannend von seinem mutigen Fronteinsatz erzählte. Zu der Zeit ahnte ich noch nichts vom Ernst der militärischen und politischen Lage. 

Frühjahr 1943. Ich, immer noch schlechter Schüler, sah am Horizont einen Lichtschimmer, das Ende meiner Schulzeit. Und sie kam auch. Am 18. Mai 1943 wurde ich mit mehreren Jugendlichen gleichen Alters aus Hamburg für ein Vierteljahr zum Reichsarbeitsdienst in den Warthegau (heute Polen) eingezogen. Vom Arbeitsdienstlager aus waren wir an zwei Baustellen tätig: Weiterbau einer Straße mit Betonbrücke und Anlegen eines Entwässerungsgrabens. Daneben trieben wir Sport, exerzierten mit dem Spaten und unternahmen Marschübungen. Außerdem wurde auf kameradschaftlichen Geist, Gehorsam, Disziplin und Achtung vor einem Vorgesetzten viel Wert gelegt. 

Fern der Heimat erfuhren wir von der schrecklichen Zerstörung Hamburgs. Mein Elternhaus in Bergedorf blieb verschont. Mutter war allein zu Hause; denn mein Vater und beide älteren Brüder waren im Kriegseinsatz. Mitte August 43 wurde ich vom Arbeitsdienst entlassen. Nach einwöchigem Urlaub bekam ich die Einberufung zur schweren Artillerie und hatte meine Rekruten- und Geschützausbildung in Dänemark, wo es uns fernab der Kriegsschauplätze bei reichlicher Verpflegung sehr gut ging. Im September 1944 zogen sich die Kriegsfronten immer weiter zurück, und ich wurde von Dänemark an die Westfront bei Düren und später beim missglückten Ardennen-Vorstoß eingesetzt. Aber den erlebten Fronteinsatz möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen, denn der war grausam und ich lernte dort zum ersten Mal, dem Tod ins Auge zu schauen. 

Nur eines, den Fahneneid, den jeder Soldat zu leisten hatte, möchte ich hier niederschreiben, der laut und deutlich nachgesprochen werden musste: "Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem obersten Befehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jeder Zeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen." Diesem Eid hatte jeder Soldat und jeder Offizier bedingungslos Folge zu leisten. Vergehen dagegen wurden streng bestraft. Zwei Mal habe ich den vorgeschriebenen Befehl eines Offiziers nicht ordnungsgemäß ausgeführt und wurde zum Glück verhältnismäßig gering disziplinarisch bestraft.

 Ein drittes Vergehen bestand darin, dass ich unerlaubter Weise ein Flugblatt, das nahe dem Kriegsende von den Alliierten Flugzeugen abgeworfen wurde, heimlich bei mir trug. Das Flugblatt, ich besitze es heute noch, war von dem Oberbefehlshaber der alliierten Armeen D.D. Eisenhower abgezeichnet und beinhaltete unter anderem, dass demjenigen, der sich kampflos und ohne Waffen den alliierten Truppen ergibt, nach den Haager (1907) und Genfer (1929) Konventionen u.a. menschliche Behandlung und ärztliche Versorgung zugesichert wird. Der Besitz dieses Flugblattes hätte "Zersetzung der deutschen Wehrkraft" und als "Verleitung zur Fahnenflucht" gegolten und wäre mir dem Tode bestraft worden. 

Am 29. Mai 1945 kam ich unversehrt und ohne Kriegsgefangenschaft nach Bergedorf zurück.