Dieser Eintrag stammt von Christina Jürs

Meine Jugend im 3. Reich

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Richert aus Hamburg-Bergedorf: 

Da ich im Jahre 1921 geboren bin, erlebte ich das sogenannte "Dritte Reich" als Schüler und später als Soldat im Alter zwischen 12 und 24 Jahren, also eigentlich durch meine ganze Jugendzeit. Wobei mir in der Erinnerung nachträglich diese "nur" 12 Jahre viel länger vorkommen, als jede andere gleichlange Zeitspanne späterer Jahre. Insofern ist die Erinnerung daran noch sehr intensiv, obwohl mehr als ein halbes Jahrhundert dazwischen liegt.

Ich wuchs in Frankfurt/Oder auf, einer Beamten- und Garnisonsstadt. An Sonntagen pflegte eine Militärkapelle Platzkonzerte zu geben, die ich häufig aufsuchte. Gelegentlichen Paraden der Reichswehr oder militärisch organisierter Verbände, wie des "Stahlhelm", eines Frontkämpferverbandes - sah ich mit Begeisterung zu. Mein 5 Jahre älterer Bruder gehörte dem "Jung-Stahlhelm" an, einer Jugendorganisation. Manchmal rückte er zu manöverähnlichen Nachtmärschen aus mit "feldmarschmäßig gepacktem Affen" (Tornister mit darum gelegter gerollter Militärdecke), Uniform, Breecheshose, Koppel, Schaftstiefel... von mir, der ich nicht mit durfte, um seine "Abenteuer" glühend beneidet. 

Damals boten sich überhaupt die politischen Parteien und Organisationen nach außen militärisch dar: das "Reichsbanner" der SPD, die von Schalmeienkapellen angeführten Kommunisten, ihr "Roter Kämpferbund", die SA und SS der Nationalsozialisten, der "Stahlhelm", der "Kyffhäuserbund" und die verschiedenen Kriegervereine. Einige wirkten beängstigend, andere begeisternd, jedenfalls auf mich Jungen, der da gerne mitmarschiert wäre. Aber ich galt meiner Mutter als "zu klein", "zu jung", "zu zart" oder "zu gefährdet". Eines Tages kam Hitler nach Frankfurt und stieg in der nur wenige Minuten von unserem Wohnhaus entfernten Standort-Kommandantur ab. Ich wollte unbedingt hin und ihn sehen, durfte es aber nicht, und ich heulte vor ohnmächtiger Wut. Ich hätte ihm gerne zugejubelt. Meine Eltern waren parteipolitisch inaktiv, aber politisch interessiert. Meine Mutter zur deutschnationalen Seite hin, mein Vater - ehemals Sanitätsoffizier - zur nationalistischen. 

Als an den Häusern zu "nationalen Feiertagen" mehr und mehr das "Flagge-Zeigen" aufkam, gab es zwischen den Eltern einen Streit, ob wir nun "Schwarzweißrot" oder "auch" die Hakenkreuzfahne zeigen sollten (die meine Mutter hätte verbrennen wollen); es setzte sich mein Vater für letzteres durch. Er trat 1933 als Mitglied der NSDAP bei. Meines Wissens hat er aber nie deren Versammlungen besucht. So gab es über meine eigene Position als 12-jähriger Junge Unsicherheiten. Von Klassenkameraden in der Schule wurde ich aufgefordert, einmal einen Heimatabend der "Pimpfe" zu besuchen, wie die Mitglieder des NS-"Jungvolks" genannt wurden. Das tat ich auch, wurde aber doch von deren rauhem und primitivem Ton abgestoßen. Mit der Zeit traten immer mehr Klassenkameraden der NS-Jugend bei und uniformierten sich, bis nur wenige "Zivilisten" übrig blieben, darunter auch ich. 

Als ich erneut zur Teilnahme aufgefordert wurde, war meine Mutter gerade für längere Zeit krank und bettlägerig, so dass ich keinen neuen Versuch starten konnte, Hitlerjunge zu werden. Ich hätte wohl gern einer werden wollen, wenngleich ich nicht sportlich und, meiner Veranlagung nach, nur der Theorie nach "militärfromm" war. Jedenfalls ging ich nicht "zum Dienst", und eines Tages eröffnete mir ein Klassenkamerad auf dem Schulhof, ich bräuchte nicht mehr zu kommen, da man mich "hinausgeschmissen habe". So blieb ich also "Zivilist", vor allem "schwarzes Schaf" an Staatsjugendtagen: während alle anderen außerhalb der Schule HJ-Dienst machten, musste ich mit einigen anderen zur Schule gehen und dort lernen. Dennoch habe ich nie Schikanen durch Lehrer oder Schüler erlitten und wurde weder gehänselt noch gemieden, auch nicht, als das Staatsjugendgesetz jeden zur Mitgliedschaft verpflichtete. Man schien mich einfach vergessen zu haben. 

Später, im Krieg, gab es für "solche" Zeitgenossen, die "Vormilitärische Wehrertüchtigung" bei der SA - und so wurde ich "SA-Mann" und durfte sogar Uniform tragen. Als Soldat brachte ich es darin noch auf weitere 4 Jahre, und dann begannen mir die Augen über das NS-Regime aufzugehen.