Dieser Eintrag stammt von Christina Jürs (*1983) aus Hamburg

1932-1949
Erlebnisse einer Tochter

Frau Z. erzählt:

Meine Mutter stand 1932 hochschwanger mit mir vor den Bergedorfer Geschäftsauslagen.  Sie hatte besonderen Appetit auf Schokolade und frische Pflaumen, konnte es sich aber nicht leisten, denn es herrschte in Bergedorf-Lohbrügge und im übrigen Deutschland große Arbeitslosigkeit. In Bergedorf  konnte man sich zu der Zeit mittags aus der Gulaschkanone eine warme Mahlzeit holen. Viele Familien hatten nicht einmal Geld für ein Mittagessen.

1939 kam ich zur Schule in die heutige Chrysanderstraße. Dann brach der Krieg aus. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich keine Bananen oder andere Südfrüchte. Es gab sie einfach nicht. Das Essen war knapp. Wir lebten von unserem Schrebergarten und von dem, was wir durch langes Schlangestehen ergatterten. Das waren unter anderem farbstoffreiche Heißgetränke,
vierfache Leberwurst, Kuheuter usw. Die Leberwurst war vierfach durch undefinierbare Füllmittel verlängert  worden. Später gab es dann Lebensmittel-Bezugsmarken. Die Wochenration war bitterwenig. Mein Vater arbeitete in einem wichtigen Betrieb, und abends wurden von ihm und mir selbst ausgegrabene Holzstubben zersägt, um Brennholz zum Kochen zu haben. Es gab auch die Erlaubnisscheine zum Holzsammeln, die man mit Mühe von der Behörde bekam. Um den Wasserturm in Lohbrügge herum, wo heute Häuser stehen, durften wir uns Baumstümpfe ausgraben.

Auf dem Frascati-Platz in Bergedorf lagerten während des Krieges Bohlen zwecks Erneuerungen auf der Bahnlinie Bergedorf-Geesthacht. Diese Bohlen wurden ständig von einem bewaffneten Mann bewacht. Die frierenden Familien in der Umgebung waren erpicht auf wenigstens eine dieser Holzbohlen, auch wenn bei Entwendung eine hohe Strafe darauf stand. So wurde eines Abends per Telefon der Wächter in sein Holzhaus gelockt, dort eingeschlossen und verbarrikadiert. Die Familienväter handelten. In zahlreichen Haushalten wurden die gestohlenen Bohlen zunächst in Abseiten und Schränken versteckt.

Im kleinen Geesthachter Elbhafen lag im Krieg eine Schute mit braunem Zucker. Es sprach sich schnell herum. Die Männer radelten bei Nacht und Nebel mit der Todesgefahr im Nacken nach Geesthacht, um wenigstens einige Pfund Zucker zu ergattern, denn zum Süßen gab es nicht viel. Wir hatten im Kleiderschrank dann auch eine Tüte mit braunem Zucker versteckt, und ab und zu gab es in der Pfanne hergestellte Karamellbonbons.

Mit 10 Jahren zur Hitlerjugend eingezogen, erzählte man uns jungen Mädchen nur Gutes von Adolf Hitler. Wir lernten Zucht und Ordnung und strickten für die Frontsoldaten warme Handschuhe. Von Tür zu Tür mussten wir gehen, um Lumpen und Knochen zu sammeln. Außerdem gab es für einen Korb voll Bucheckern etwas Margarine.

Zum Ende des Krieges verbreitete sich durch Hungersnot die Tuberkulose auch in Bergedorf. Einer unserer Nachbarn hatte offene Schwindsucht und spuckte durch die Gegend. Die halbwüchsigen Kinder in seiner Umgebung bekamen alle etwas ab von der Tbc und mussten verschickt werden.

Am Bergedorfer Schleusengraben, gegenüber dem heutigen TREFF-Hotel, befanden sich mehrere große Lagerhallen. Diese wurden zum Kriegsende plötzlich geöffnet und von einer großen Menschenmenge geplündert. Darin befanden sich Fallschirme in rot, grün und weiß aus Seide, sowie Holzkoffer mit Technik-Zubehör für Flugzeuge. Von dieser Fallschirmseide wurden Kleider, Nachtwäsche und vieles mehr gefertigt, denn es gab ja sonst kaum Textilien zu kaufen. Aus den Fallschirmschnüren wurden Strümpfe gestrickt.

Nach der Kapitulation rollten die Panzer der Engländer aus Richtung Geesthacht in Richtung Bergedorf. Einige Hitlerjungen glaubten, die Panzer durch Gewehrbeschuss aufhalten zu können. Daraufhin flogen die englischen Geschosse Richtung Bergedorf. Ich hielt mich gerade mit anderen Jugendlichen vor den Wohnhäusern auf und musste zusehen, wie der Kugelhagel einige junge Menschen tödlich traf. Das war neben den Luftangriffen im Krieg ein schreckliches Erlebnis für mich.

1949 begann ich eine kaufmännische Lehre auf der Veddel. Hamburg lag zu der Zeit noch in Schutt und Asche. Mein Arbeitsweg ging von Rothenburgsort durch die Trümmerlandschaft über die große Elbbrücke zur Veddel. Damals brauchte ich keine Angst vor einem Überfall zu haben. Die Menschen hatten alle mit sich selbst und dem Aufbau zu tun. Es gab noch keine guten Bus- und Bahnverbindungen. Also war zu großen Teilen Schusters Rappen angesagt.

Durch viel Fleiß, Kraft und noch ernährungsmäßige Entbehrungen wurde langsam vieles  wieder aufgebaut oder erneuert. Es ging wieder aufwärts.