Dieser Eintrag stammt von Christopher Kamphenkel (* 1983) aus Hamburg.

  

 Wie meine Oma die Zeit von 1933 bis 1945 in Berlin empfunden und erlebt hat

Es fing am 30. Januar 1933 an. Hitler war Reichskanzler geworden.

Mein Mann kam mit glänzenden Augen nach Hause. Er schien ganz außer Rand und Band zu sein. Ich kann mich noch an seine Worte erinnern: " Was habe ich gesagt? Die neue Zeit marschiert. Papen, Hugenberg sind im Kabinett, Pour-le-mérite-Träger Göring ist dabei. Ein Hauptmann Röhm führt die SA, ein Diplomlandwirt die SS  und Hindenburg ist einverstanden. Deutschland wird wieder ein Staat! ..."

Ich entgegnete ihm nur: "Durch einen Gefreiten?"

Diese Bemerkung war ihm, als Hauptmann deutlich peinlich. Am Abend standen wir am Brandenburger Tor. Er starrte auf die Zwölferreihen der SA, die singend mit ihren Fackeln einhergingen. Die Begeisterung riss uns mit. Auf einmal ging er mit ihnen mit. Er verfiel unbewusst in seinen Marschtritt.
Mich riss es auch mit. Auf einmal sangen wir alle.

"Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen..."

Dann sahen wir ihn am Fenster stehen, dunkel, nur erkennbar an der Haarsträhne. Er hob die Hand und grüßte. Von allen Seiten her klang es. " Heil! Heil! " In mir wurde es urplötzlich kalt. Ich wusste, an ihm kommt man nicht vorbei. Die Zeit ging weiter, und es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Immer mehr Geschäfte wurden geschlossen, die Kinder mussten in die HJ. Alles wurde immer mehr "durchorganisiert".  Es war auf eine Art schrecklich, aber uns ging es relativ gut. Wir hatten etwas zu essen und konnten uns auch sonst nicht beklagen, da wir ja Deutsche waren. Mein Mann bekam am 12.6.38 den Versetzungsbefehl in den Harz. Von da an wurde es schlagartig düsterer. Die politischen Spannungen wurden jetzt deutlich spürbar. Am 20.Juni traten wir in die Partei ein. Am 14.7.39 bekam mein Mann den Befehl Richtung Osten auszurücken. Nur zur Übung versteht sich. Aus der Übung wurde um 10 Uhr des 1. Septembers ein Krieg.

Von da an begann das Zittern um ihn für mich.

20.4. 1945 wurden wir von den Russen besetzt. Die Ostfront war zusammengebrochen, und die Russen drangen nach Westen (bis an die Elbe) . Wir haben den Krieg im Luftschutzkeller verbracht.

Eines Tages kam ein Lehrling unseres Ladens und warnte uns vor den Russen. Daraufhin packten wir unsere Sachen und verließen den Ort zu Fuß mit dem Handwagen! Die Straßen waren voller Menschen, Panzer und Lkw .

Unser Auto konnten wir nicht benutzen. Die Straßen waren ohnehin viel zu voll.

Es war Abend. Nach 15 Kilometern konnten wir nicht mehr weiter. Es war zu gefährlich. Wir gingen ins Ferienhaus eines Freundes, das dort war (ein Eisenbahnwaggon ohne Räder.) Unterirdisch unter dem Waggon konnte man in einen Luftschutzkeller hinein! Schwere Geschosse flogen. Alles war laut! Als es leiser wurde, guckten wir hinaus - und dort standen schon die Russen! Sie raubten uns die Armbanduhren und aus unserem Handwagen etwas Silberbesteck.

Da wir keinen Sinn mehr sahen, gingen wir die 15 Kilometer zurück und wieder nach Hause .

Unser Laden und unsere Wohnung wurde leergeräumt. Wir mussten unsere Nahrung auf Feldern holen. Die Gebiete waren verteilt. Wir wohnten in Gebieten, in denen die Deutschen noch bleiben durften.

Eines Tages haben wir einen Brief von meinem Onkel aus Rendsburg erhalten, der uns anbot, zu ihm zu kommen, um uns satt zu essen. Nachts machten wir uns zu Fuß auf den Weg über die grüne Grenze. Das war die Grenze zwischen sowjetischer- und englischer Besatzungszone. Wir mussten Geld bezahlen, um zu erfahren,  wie wir am besten und unerkannt über die Grenze konnten. Wir sind mit dem Zug bis zur Grenze gefahren, auf die andere Seite gelaufen und von dort aus mit dem Zug zu meinem Onkel gefahren.

Dort angekommen, haben wir erst mal gestaunt, was es alles zu essen gab. Wir haben uns so vollgegessen, dass wir danach eine Woche lang krank waren. Als wir wieder auf den Beinen waren, musste meine Mutter nach Hause zurück, ich blieb in Rendsburg. Meinen Mann habe ich nie wieder gesehen. Es heißt, er soll bei Stalingrad gefallen sein.