Dieser Eintrag stammt von Ch. Z.

  Erinnerungen eines sehr alten Mannes

Interview von Ch. Z.

Als ich am 2. Juni 1914 auf die Welt kam (meine arme Mutter hatte schon vorher, sage und schreibe, ein Dutzend Kinder geboren), war es genau neun Stunden nach Pfingstmontag. Pfingsten war bei uns aktiven Christen ein hochwohllöbliches Kirchenfest, weil nach den Überlieferungen damals die christliche Kirche sich endgültig vom Judentum ablöste.

Mir als Säugling waren noch einundsechzig friedvolle Tage und Nächte beschert, bis am 1. August desselben Jahres die Trompeten bliesen, und alle Männer (in ganz Europa), soweit sie noch laufen und schießen konnten, mit Begeisterung zu den Waffen eilten, um - geschart um ihre Fahnen - den Feind, den sie nicht kannten, aufs Haupt zu schlagen, bis er als Held tot ins Grab fiel. Die Pastoren, Priester und Popen segneten feierlich die Waffen, damit diese auch ordentlich beim Feind Tod und Verderben brachten.

Ich war schon als Säugling stolzes Mitglied des Kaiserlichen Deutschen Reiches, wenngleich ich noch nicht ahnen konnte, was später auf mich einbrechen sollte. Genau vier Jahre später ging das stolze Kaiserreich ohne Glanz und Gloria unter, und ich wurde, wie man mir erzählte, stubenrein und brauchte keine Windeln mehr.

Mein Bruder Bruno, der älteste und intelligenteste unserer Sippschaft, fiel als hoffnungsvoller Student acht Tage vor dem Waffenstillstand für Reich und Kaiser, der Tage vorher sich schon bei Nacht und Nebel nach Holland abgesetzt hatte. Man könnte heute sagen, dass Kaiser Wilhelm der Zweite der erste deutsche politische Asylant im Königreich Holland wurde.

Als ich sieben Jahre alt war, zogen bei uns, im deutschen Westpreußen, die Polen ein, die aufgrund des Versailler-Vertrages (Versailles ist eine Vorstadt von Paris) große deutsche Ostgebiete annektieren durften.

Als bei uns die polnischen Ulanen mit ihren Lanzen, rot-weißen Fähnchen und klingendem Spiel vorbeizogen, klatschte ich begeistert in meine Hände, was meine Mutter als Polenfreundlichkeit deutete und mir eine saftige Ohrfeige gab und ich unpatriotisch brüllend an den üppigen Busen meiner Kinderfrau eilte.

Deutsche Schulen gab es dann hier in unserem Städtchen nicht mehr mit einer Ausnahme. Die polnische Schulbehörde gestattete ein sog. deutsches Progymnasium bis zur Obersekunda (Primarreife). Das war so ein Mittelding zwischen Realschule und Gymnasium, würde man heute sagen.

Mein Vater, zur deutschen Zeit reich und erfolgreich als Straßenbaumeister und Tiefbauunternehmer, konnte bei den polnischen Behörden hin und wieder einen Auftrag bekommen, Strassen zu reparieren oder Bodenentwässerungen durchzuführen. Seine Ländereien, der Hausbesitz und seine Arbeitspferde ernährten uns bis zur Weltwirtschaftskrise schlecht und recht. Während dieser Zeit verkaufte er alles, was da noch übrig war, und zog mit dem Rest seiner Familie ins benachbarte Danzig, wo meine Eltern auch eigentlich herstammten.

Er versuchte sich als Delikatess-Kaufmann mit seinem Sohn Leo. Beide hatten von der Führung eines solchen Geschäftes keine Ahnung und gingen ohne Glanz und Gloria Pleite.

Meine erträumte akademische oder großkaufmännische Ausbildung war gestorben und ich musste, mehr oder weniger auf mich allein gestellt, mit zwanzig Lebensjahren eine Versicherungslehre eingehen, wobei es mir noch gelang, durch Abendkurse eine Verwaltungsakademie erfolgreich zu besuchen und abzuschließen.

Das Verhältnis der Volksdeutschen zu den Polen wurde seit 1934 von beiden Regierungen absichtlich getrübt, und man überbot sich gegenseitig mit chauvinistischen Parolen, die früher bei uns nicht üblich waren.

Schon als junger Mensch empfand ich die Abkehr von Vernunft und Toleranz als besonders boshaft und ahnte, dass der Hass und die Gewalt zum Kriege führen mussten. Als dann "endlich" der Krieg ausbrach, kannte unsere Begeisterung keine Grenzen. Mein Vater aber, alt und ein bissel weise geworden, dämpfte unseren Optimismus, indem er sagte: Hört mal, die deutschen Truppen, die uns befreien, sind nicht mehr die kaiserlichen von früher. Heute kommen sie zu uns mit der Hitlerparole des germanischen Herrenmenschen und des tödlichen Judenhasses...

Viele Polen, mit denen ich freundschaftlich aufwuchs, hatten das Pech, zur polnischen Elite zu gehören und wurden liquidiert, was hinter der Front die SS-Totenkopfverbände besorgten.

Generaloberst von Blaskoswitz, der militärische Oberbefehlshaber in Polen, beschwerte sich bei Hitler über die marodierenden SS-Verbände, was er nicht hätte tun sollen, denn er wurde abgesetzt und Hitlers SS-Reichsführer Himmler bekam in Polen absolute Vollmachten.

Uniform, Kriegsdienst und ziviler Kriegsverwaltungsdienst wechselten bei mir in chaotischer Folge. Das Attentat auf Hitler sah mich zu dieser Zeit in den Wäldern Oberschlesiens beim Panzergraben ausheben. Hochdekorierte Offiziere mit Arm- oder Beinprothesen begutachteten unsere patriotischen Arbeiten. Da Hitler das Attentat überstand, bedankte er sich bei der Vorsehung (Vorsehung war sein Lieblingsausdruck anstelle von Gott) dadurch, dass er eine Reihe von Marschällen, Generalen und Obersten erschießen bzw. aufhängen ließ.

In der Heimat, wo ich ziviler Kriegsdienstverpflichteter war, traute kein Mensch mehr dem nächsten. Kinder oder Jugendliche verpfiffen ihre Eltern bei der Gestapo, weil diese feindliche Sender abhörten oder sich politische Witze erzählten.

Es gab viele Angehörige der deutschen Wehrmacht, die lieber an die Front gingen,  als in der "Frontheimat" dem Luftkrieg der Alliierten ausgesetzt zu werden und der deprimierenden Heimatstimmung.

Heimatlos, arm wie eine Kirchenmaus und als Vollwaise erlebte ich das Ende dieses anfänglich so glorreichen Krieges, der dann für uns Deutsche zum Untergang des Reiches führte. Moralisch eingeknickt, erlebte ich den totalen Zusammenbruch allerdings über der Erde und nicht in der Erde, wo sich die Führung des Reiches feige eingegraben hatte und sich selbst richtete.

Ich aber und mit mir Millionen Davongekommener, hungerte mich durch, bis das Deutsche Wirtschaftswunder in den sechziger Jahren sich bemerkbar machte und wir uns anschickten, alles zu vergessen.