Dieser Eintrag stammt von Alexandra Donarski (*1989)

Kriegszeiten in der Hansestadt Danzig

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn E.( *1934)

Ich wurde am 7.6.1934 in Danzig direkt am Hafen, wo wir später auch wohnten, geboren. Danzig war damals eine freie Stadt, gehörte also weder zu Polen noch zu Deutschland oder sonst zu irgendeinem Land. Demnach gab es viele verschiedene Nationalitäten in Danzig. Meine Mutter war Deutsche und mein Vater, obwohl er fließend Deutsch sprach, Pole. Wir sprachen aber alle Deutsch.

Als der Krieg begann (1939) musste mein Vater, weil er Pole war, in das KZ Stutthoff. In Danzig begann nämlich der zweite Weltkrieg. Die ersten Schüsse fielen nicht weit von unserem Haus (ca. 300m, an der Westernplatte, einem Teil des Hafens). Wir hatten natürlich alle riesige Angst. Aber jedes Haus hatte einen Luftschutzkeller. Dort fühlten wir uns einigermaßen sicher. Schließlich wurde Danzig von den Deutschen eingenommen. Die schickten alle Polen in Konzentrationslager. Mein Vater hatte Glück und war dort nur ½ Jahr. Das hatte er meiner Mutter zu verdanken, denn - wie gesagt – sie war Deutsche und hatte gute Kontakte zu deutschen Soldaten. So holte sie meinen Vater aus Stutthoff wieder heraus. Sonst wäre er wahrscheinlich gar nicht oder erst am Ende des Krieges wiedergekehrt. 

Zu der Zeit war ich 6 Jahre alt und kam gerade in die 1. Klasse. Ich ging auf eine Deutsche Schule. Jede Nationalität hatte nämlich eine eigene Schule. 
Als mein Vater aus Stutthoff ''entlassen'' wurde fing er an, auf einem (deutschen) Schiff in der Kantine zu arbeiten, was er auch unserer Mutter zu verdanken hatte. Aber nur so lange, bis der Krieg zu Ende war, weil das Schiff am Ende des Krieges bombardiert wurde und unterging. Als wir das hörten, hatten wir natürlich alle Angst um ihn, denn keiner von uns wusste, ob er überlebt hatte. Umso schöner war dann die Nachricht, dass es ihm gut geht. Die 5 ½ Jahre ging es uns finanziell gut. Doch landesweit gab es viele Mängel, vor allem an Essen. Viele Menschen waren unterernährt. Uns selbst ging es aber glücklicherweise nicht so schlecht.
Zur HJ oder in den Krieg musste zum Glück keiner aus unserer Familie, denn meine Geschwister und ich waren alle noch zu jung.

Schlimm waren die so genannten „Bombennächte“. Öfters mussten wir sogar bis zu 6 mal nachts aus den Betten und in den Luftschutzkeller, wenn es Fliegeralarm gab. Mal flogen die Russen und mal die Engländer über uns hinweg. Meine Schule wurde bei einem dieser Luftangriffe halb zerstört. Das war allerdings eher zum Ende des Krieges.

Als der Krieg zu Ende war, war ganz Danzig zerstört. Alle halfen, um die Stadt wieder aufzubauen. In der Schule mussten wir jeden Tag nach dem Unterricht alle noch ein paar Stunden Aufräumarbeiten verrichten. Alle Schulen und alle Firmen waren dazu verpflichtet. Nach dem Ende des Krieges war ich in der 6. von 7 Klassen auf der Deutschen Schule. Doch nun gehörte Danzig zu Polen, was bedeutete, dass nun alle polnisch lernen mussten. Auch die Schulen wurden zusammengelegt, so dass viele verschiedene Nationalitäten (die alle ihre eigene Sprache hatten) in einer Klasse waren. Deswegen wurden sie in den Klassen auch getrennt (z.B. saßen in einer Reihe die Polen, in der anderen die Deutschen,...). In den Pausen gab es fast immer Schlägereien. Das lag vor allem daran, dass zwischen den Polen und den Deutschen ein regelrechter Hass wegen des Krieges lag. Die Deutschen wurden gehasst, weil sie die Polen angegriffen hatten und die Polen, weil Deutschland den Krieg verloren hatte. Wir haben sozusagen den Krieg ''nachgespielt''. Es gab eigentlich keinen Tag, an dem nicht mindestens einer ein blaues Auge hatte. Das war wirklich schlimm.

Nach dem Krieg engagierten sich viele Hilfsorganisationen für Kriegsgeschädigte.
So gab es z.B. von der Organisation Unra, einer amerikanische Organisation, Kleidung oder andere Hilfsgüter per Schiff. Familien mit vielen Kindern, so wie wir, bekamen auch von der Regierung etwas Unterstützung. Wir erhielten z.B. jeden Tag ein warmes Mittagessen oder auch Brot. Später gab es das Mittagessen aber auch in der Schule.

Doch das Ende des Krieges brachte keine wirkliche Erlösung, denn die wirtschaftliche Lage in Polen war weiterhin sehr schlecht. Außerdem übernahm eine kommunistische Regierung die Macht in Polen, welche ja bekannter Weise nicht immer im Sinne des Volkes handelt. Wegen der schlechten Verhältnisse wanderten wir schließlich 1980 aus Polen aus. 

Zum Glück gab es in unserer Familie keine Trennungen und alle sind heil durchgekommen und leben auch heute noch alle (bis auf unsere Eltern).