Dieser Eintrag stammt von Nicola Ecke (*1991)

Mein großer Bruder – eingezogen nach Russland
Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Werner Knolle (*1931)

Die Erzählung handelt von Werner Knolle, einem Jungen, der im Jahr 1943 miterleben musste, wie sein großer Bruder innerhalb weniger Wochen aus seinem Leben verschwand:

„Es war Anfang 1943, als mein Bruder die Wohnstube betrat. Stolz präsentierte er uns seine neue Uniform. „Wir werden eingezogen nach Russland“ – meine Mutter sah ihn auf diese Worte hin traurig an. Friedrich war voller Tatendrang. Sie hingegen war besorgt um das Wohlergehen ihres Jungen. 

Ich saß dabei, als sie ihn überredete zu dem nächstliegenden Fotografen zu gehen, denn sie hatte kein Foto als Erinnerung an ihren kleinen Fritz.
Ihr „kleiner“ Fritz war jedoch zu einem Mann mit beachtlichen 19 Jahren geworden. Den Gefallen tat er ihr jedoch gerne. 

Ein letztes Mal saßen wir drei am Abendbrotstisch, meine Mutter, mein großer Bruder und ich. 
Dann brach große Hektik aus, denn Friedrich musste den Sonderzug pünktlich erreichen. Meine Mutter wollte ihn noch begleiten, ihren Fritz. Doch er lehnte dies ab und verließ hastig und allein das Haus - mein großer Bruder war fort.

Dieses Foto zeigt Fritz, stolz in Uniform, kurz vor seiner Abreise

Vierzehn Tage später erreichte uns ein Brief von ihm. Oft las ich ihn mit meiner Mutter durch. Er drückte sich sehr merkwürdig aus und meine Mutter konnte dem Brief schließlich eine verschlüsselte Botschaft entnehmen. Verbotenerweise wussten wir dadurch, wo er war. Es war eine große Erleichterung, zu wissen, wo er sich befand.

Die Abwehrkämpfe dort in Bolchow/ Orel wurden aber sehr schlimm, das konnten wir seinem zweiten Brief entnehmen.
Noch heute sehe ich den Satz vor mir: 
„Ich weiß nicht, ob wir hier wieder rauskommen [...] aber ich habe es abgelehnt zur Waffen SS zu gehen.“ Er konnte uns noch mitteilen, dass er alles verloren hatte.

Meine Mutter schickte ihm ein Paket mit allen lebensnotwendigen Dingen, es sollte ihn jedoch nicht mehr erreichen. Viele Briefe schrieb ich, so viele, dass ich noch heute die Feldpostnummer im Gedächtnis habe „16053E“ ...
Alle kamen sie unbeantwortet zurück. Dieser letzte Kontakt riss auch ab, als wir hier in Hamburg ausgebombt wurden. Innerhalb weniger Wochen wurde mein Bruder vom Eingezogenen zum Vermissten. In ihrer Verzweiflung wandte sich meine Mutter noch an die NSDAP. Der Brief der Partei lautete wie folgt:

„Ihr Sohn, der Ogren. Friedrich Knolle wird seit dem 18.7.43 bei den Abwehrkämpfen bei Bolchow, nördlich Orel, vermisst.“

Bis heute habe ich nichts mehr von meinem großen Bruder gehört.