Dieser Eintrag stammt von Nicola Ecke (*1991)

Die Reichspogromnacht 1938

Eine Geschichte nach dem Interview mit Frau Steffi Wittenberg (*1926)

Das jüdische Mädchen Steffi Wittenberg, geborene Hammerschlag, lebte in Hamburg. Sie erzählt von der Reichspogromnacht vom 09. / 10. November 1938 und den unmittelbaren Folgen darauf. Dies ist ihre Geschichte:

Es war im Oktober des Jahres 1938 als Steffis Vater und ihr Bruder endlich auswandern konnten. Diese „Auswanderung“ war eine Flucht vor den Nationalsozialisten.Die Visa hatten sie nur durch Bestechungsgelder erlangen können, doch ihre Mutter, Margot Hammerschlag, und sie waren sehr beruhigt, denn die Männer waren in Montevideo/ Uruguay in Sicherheit. Steffi und ihre Mutter sollten im Dezember 38 folgen.

Margot Hammerschlag und Steffi blieben also vorerst in Deutschland. Sie wohnten in einem Haus im Mittelweg, in dem viele jüdische Familien, wie auch sie eine waren, lebten.
Als Steffi sich am 10. November wie jeden Tag auf dem Schulweg befand, kamen ihr in der Binderstrasse bereits Kinder entgegen die zu ihr sagten:
„Heute ist keine Schule die Synagoge brennt.“

Sie ging zurück nach Hause. Dort war bereits helle Aufregung, denn es hatte sich herumgesprochen, dass alle jüdischen Männer verhaftet werden sollten. Da bei den Hammerschlags in der Wohnung keine jüdischen Männer mehr lebten würde bei ihnen auch nicht mehr gesucht werden.
Aus diesem Grund nahmen sie zwei Männer aus den benachbarten Familien bei sich auf, denn in deren Zuhause waren sie nicht mehr sicher.

Drei Tage hielten sie sich bei den Hammerschlags auf, und auch Steffi hatte das Haus in dieser Zeit nicht verlassen. Alle hatten Angst vor der Gestapo und den Ausschreitungen auf den Straßen.

Sie erfuhren was in der Stadt passierte. Neben der Verhaftung der jüdischen Männer wurden zahlreiche jüdische Geschäfte zertrümmert und geplündert, die Synagogen standen in Flammen. Auch die Bornplatz- Synagoge in die Steffi ging wurde beschädigt. 

Die Talmud Tora Schule, eine jüdische Jungenschule am Grindelhof, wurde von der Gestapo umringt. Die ältesten jüdischen Schüler und die Lehrer wurden festgenommen und in das KZ Fuhlsbüttel und KZ Sachsenhausen überführt. Es lief eine Schreckenswelle durch die jüdische Bevölkerung, was zur Folge hatte, dass der Unterricht an den jüdischen Schulen für 10 Tage eingestellt wurde. 

Die Gestapo drang aber zur Wiederaufnahme des Unterrichts an den Schulen und veranlasste die Freilassung der inhaftierten Lehrer aus den KZs. Vor der Entlassung mussten sie noch unterschreiben, kein Wort über das zu verlieren, was ihnen in dem KZ widerfahren war und sich zur Emigration verpflichten. Die Mehrheit der festgenommenen Väter der Klassenkameraden Steffis wurde nach 6- 8 Wochen wieder freigelassen. 

Das Haus in dem Steffi mit ihrer Mutter lebte blieb verschont, doch man spürte die Ausmaße des Verbrechens sehr. Auch die verschärften anti- jüdischen Gesetze machten ihnen das Leben zunehmend schwerer.

Margot und Steffi Hammerschlag konnten zudem nicht wie geplant am Ende des Jahres ihre Ausreise nach Montevideo antreten, denn Uruguay ließ die Visa für ungültig erklären, weil die Bestechung des Konsulats bekannt geworden war.

Das Leben der Juden im Deutschen Reich verschlimmert sich. Kennkarten wie diese werden mir einem großen „J“ gebrandmarkt, zusätzlich müssen jüdische Frauen den Zweitnamen Sara annehmen, Männer den Namen Israel.

Nach einem Jahr des Wartens erteilte ihnen die uruguayische Regierung endlich die rettende Einreisegenehmigung. Das war im Dezember 1939. 

„Aus dieser Zeit heraus habe ich erkannt wie wichtig es für Menschen, die eine politische Verfolgung erleiden müssen, ist, dass sie ein Land finden, das bereit ist, ihnen Asyl zu gewähren.“ (Zitat: Steffi Wittenberg, geborene Hammerschlag)