Dieser Eintrag stammt von Lena Ellenberg

Der 2. Weltkrieg aus der Sicht von Berta Z.


Mit 10 Jahren trat ich in den Jungenmädchenbund ein. Dort trafen wir uns jede Woche ein bis zweimal. Wir sangen und spielten verschiedene Spiele. Mit 14 Jahren trat ich in den BDM (Bund deutscher Mädel ). Dort trafen wir uns jede Woche einmal abends, da die meisten von uns schon berufstätig waren. Ich hingegen besuchte noch weiter die Schule. Wir empfanden diese Treffen nie als eine Verpflichtung, ganz im Gegenteil, wir hatten Spaß und lachten sehr viel.

Bild vom Führer
Viele Familien hatten zu dieser Zeit ein Bild vom Führer im Haus hängen, wir jedoch hatten keines. Ich habe meine Eltern sehr oft darauf angesprochen, dass ich es unmöglich fände, dass wir kein Bild vom Führer im Haus hätten. Ich habe sie so lange genervt, bis sie schließlich nachgegeben haben und wir auch eins im Hause hatten. Ich war sehr glücklich darüber. 

Kirche oder Kino?
Die Nationalsozialisten waren gegen die Kirchen und boten jede Woche einmal eine Filmvorstellung an. Man musste sich dann zwischen der Filmvorstellung und dem Kirchenbesuch entscheiden. Wir waren jung, und wer hätte sich in unserem Alter nicht für die Filmvorstellung entschieden. Jedoch durfte man uns bei der Entscheidung nicht beeinflussen. Weder der Pfarrer noch die Nationalsozialisten. Aber in unserem Alter musste man das auch gar nicht, eine Filmvorstellung machte viel mehr Spaß. So wie alles Spaß machte im BDM.

Flüchtlinge im Dorf
Auf dem Dorf bekamen wir nicht wirklich viel von dem Kriegsgeschehen mit. Ich sah nur mehrfach wie Leute, nur im Nachthemd bekleidet, morgens aus der Bahn stiegen. Meine Mutter erklärte mir, dass diese Leute aus Hamburg geflohen waren und sie nichts mitnehmen konnten außer den Sachen, die sie am Leibe trugen. Bei uns zuhause hatten wir auch schon zwei Flüchtlingsfamilien untergebracht. Es wohnte eine Mutter aus Essen mit ihrer Tochter und eine Mutter mit ihren drei Töchtern und ihrem Sohn aus Pommern bei uns im Haus.

Fliegeralarm
Auf dem Lande hatten wir es noch sehr gut und mussten nicht so hungern, wie die Leute in der Stadt. Deswegen kamen auch immer mehr Menschen aufs Land zum Hamstern.

Bei Fliegeralarm mussten wir immer in den Keller flüchten. War der Fliegeralarm jedoch vor 24 Uhr, musste ich eine Stunde später zur Schule. War er nach 24 Uhr, musste ich zwei Stunden später zur Schule. Also hoffte ich immer, dass der Fliegeralarm nach 24 Uhr war, damit ich 2 Stunden später zur Schule gehen konnte. Mein Vater wurde erst viel später eingezogen, da er in einer Schuhfabrik arbeitete, die Schuhe für Soldaten herstellte . Als er jedoch gegen Ende des Krieges eingezogen wurde, bin ich bei einem Fliegeralarm gar nicht mehr in den Keller gegangen. Ich hatte einfach keine Lust, so früh aufzustehen. Meine Mutter hat natürlich alles versucht, doch ich habe mich nicht dazu überreden lassen. Heute kann ich nur von Glück reden, dass alles gut gegangen ist. Ich habe mich einfach sicher gefühlt. 

Prüfung mit Hindernissen
Ich hatte zu der Zeit meine Mittlere Reife beendet und um einen besseren Abschluss zu bekommen, musste ich eine Prüfung ablegen. Als wir alle im Klassenzimmer saßen und schrieben, hörten wir auf einmal Schussgeräusche. Wir standen unter Beschuss. Es war vorher keine Flugzeugwarnung gekommen und wir konnten sehen, wie Flugzeuge auf unsere Schule schossen. Wir hatten alle Todesangst und einige verfielen sogar in Panik. Doch nach einigen Minuten war der Beschuss vorbei und unser Lehrer sagte nur: „So, jetzt ist es ja vorbei, jetzt könnt ihr weiterschreiben.“ Wir hörten auf ihn und schrieben mit einem sehr unguten Gefühl weiter.

Englische Besatzung
Als Ende April 1945 Schneverdingen von den Engländern eingenommen wurde, wussten wir nicht, was geschehen würde. Drei englische Soldaten standen vor unserer Haustür und fragten, wo sie schlafen könnten. Meine Mutter sagte:“ Auf dem Boden im Heu.“ Doch natürlich mussten wir im Heu schlafen und die Soldaten schliefen in unseren Betten. Der eine lag auf dem Sofa und hatte sein Maschinengewehr immer bei sich. Das war unheimlich. Gleich zu Beginn hatte er mir meine Armbanduhr weggenommen und ich hatte bemerkt, dass er schon den ganzen Unterarm voll mit verschiedenen Uhren hatte. Die musste er schon bei anderen Familien, auf dem Weg zu uns, eingesammelt haben. Diese Männer kamen mir sehr komisch vor. Sie wollten jedoch nichts von uns, außer unseren Betten und etwas zu essen. Drei Tage später sind sie bereits weiter gezogen.

Ende des Krieges
Als wir erfuhren, dass Deutschland kapituliert hat und ich eines Nachmittags im Radio hörte, dass Adolf Hitler sich umgebracht hatte, fing ich bitterlich an zu weinen. Die ganze Welt, an die ich geglaubt und die ich für wahr gehalten hatte, schien zusammenzubrechen. In diesem Moment konnte ich meine Eltern nicht verstehen, die erleichtert waren, dass alles nun ein Ende haben sollte. Ich war enttäuscht und tief traurig. Heute kann ich das selber nicht mehr verstehen.
Dies war eine sehr schlimme Zeit und ich hoffe nicht, dass Ähnliches noch einmal passieren wird.