Dieser Eintrag stammt von Lena Ellenberg (*1990)


Der 2. Weltkrieg aus 
der Sicht von Werner Z.

Als Adolf Hitler 1933 die Macht übernahm, war ich gerade mal 10 Jahre alt. Bei Kriegsausbruch war ich 16 Jahre alt. Mit 18 wurde ich eingezogen. Ich wollte meine Fliegerausbildung beginnen. Doch leider fiel ich durch den Einstellungstest, weil ich farbenuntüchtig bin. So kam ich nach Frankreich zur Rekrutenausbildung. Ich war sehr verwundert, welche Kriegsfreude bei uns Soldaten herrschte. Wir konnten es kaum erwarten, uns für den Führer einzusetzen. Nach meiner Rekrutenausbildung wollte ich Offizier werden. Dafür ließ ich mich von Frankreich nach Polen abkommandieren zur Offiziersausbildung.

In Polen begann ich meine Offiziersausbildung gemeinsam mit einigen alten Kameraden. In dem Lager, in dem wir untergebracht waren, wurden wir von polnischen Jüdinnen bedient, die sehr abgemagert waren. Sie waren für die Verpflegung und die Reinlichkeit unseres Lagers zuständig. Diese Frauen hausten in sogenannten Gettos und hatten kaum etwas zu essen. Sie waren zu unterernährt, um die viele Arbeit, die anfiel, leisten zu können. Deswegen ließen meine Kameraden und ich nach den Mahlzeiten bewusst Brotreste auf unseren Tellern liegen, oder wir steckten ihnen heimlich etwas zu. Natürlich war uns bewusst, dass wir dadurch gegen die Bestimmungen verstießen. Dieses wurde einem meiner Kameraden zum Verhängnis. Er wurde eines Tages von einem Offizier ertappt, als er gerade einer der Frauen Brotreste zustecken wollte. Von diesem Tag an sah und hörte ich nie wieder etwas von diesem Kameraden. Später erfuhren wir, dass die Frau, der er das Brot hatte geben wollen in ein Konzentrationslager gebracht worden war. Das sollte als Abschreckung dienen, damit wir den Jüdinnen keine Brotreste mehr gaben.

In Polen beendete ich meine Ausbildung schließlich erfolgreich als Unteroffizier. 
Als Unteroffizier wurde ich von Polen nach Russland abkommandiert.

Die Deutschen Truppen unter General Paulus drangen in Russland sehr schnell bis Stalingrad vor. Doch sie waren nicht auf den harten Winter vorbereitet. Den Russen gelang es die deutschen Truppen einzukesseln, die jetzt nur noch durch die Luft mit Verpflegung versorgt werden konnten. Ich musste auf dem Flugplatz, der 60 km vor Stalingrad lag, Flugzeuge betanken und mit Nahrung und Decken beladen. 
Die ganze Fläche war vereist, und die Lebensmittel wurden langsam knapp. 

Von Russland wurde ich an die Westfront von Frankreich kommandiert, weil im Sommer 1944 die Engländer und Amerikaner von Westen her angriffen. In Frankreich musste ich mit anderen Soldaten im Schützengraben an der Front liegen. Wir wussten nicht, wie weit die Engländer schon zu uns vorgedrungen waren. Wir hörten ununterbrochen Schussgeräusche. Ich hatte große Angst und Hunger. Es war schon lange her, dass ich etwas zu essen bekommen hatte, und meine Trinkvorräte gingen zu Ende. Ich wusste nicht, was aus meinen Kameraden und mir werden sollte, wenn die Engländer vor uns stünden. Ich war müde und total erschöpft, als einer meiner Kameraden nur noch schrie: „Raus hier …Weg hier…“. Ich begriff, dass die Front schon längst hinter uns war und wir uns auf feindlichem Boden befanden. Wir mussten so schnell wie möglich aus dem Schützengraben fliehen. Ich konnte in diesem Moment keinen klaren Gedanken fassen und machte mich daran, den Schützengraben schnell zu verlassen. In diesem Moment achtete keiner mehr auf den anderen. Wir rannten alle nur um unser Leben. Auf unserem Fluchtweg mussten wir unter Stacheldrahtzäunen hindurch kriechen. Wir hatten es fast geschafft. Doch plötzlich kam ich nicht weiter, meine Uniform hatte sich im Stacheldrahtzaun verfangen. Die Kugeln flogen mir um die Ohren, und in diesem Augenblick konnte ich noch nicht einmal Angst verspüren. Ich versuchte mich loszureißen - doch es klappte nicht. Es war wie ein Wunder, nicht eine einzige Kugel traf meinen Körper, sie flogen alle an mir vorbei. Jedoch drei meiner Kameraden starben direkt vor meinen Augen. Sie wurden erschossen, brachen im Laufen zusammen und sanken zu Boden. Nach einiger Zeit konnte ich mich endlich befreien. Ich war wie benommen von dem, was sich einige Sekunden vorher abgespielt hatte. Ich zog mit anderen Überlebenden weiter, darunter waren etliche verletzt. Das ganze Gras war schon blutrot, und wir alle wussten nicht, ob auch wir so enden würden wie unseren Kameraden, die wir jetzt tot hinter uns im Gras liegen lassen mussten. Diese Erinnerung wird mich mein ganzes Leben lang verfolgen.

Als wir weiter zogen, wurden einige Kameraden und ich von Engländern überwältigt und in ein Zeltlager gebracht. Wir waren in englischer Gefangenschaft. Wir mussten hungern und hatten den ganzen Tag nichts zu tun. Ab und zu fragte ich mich in den vielen leeren Stunden, was aus mir werden würde. Noch immer habe ich an den Sieg geglaubt. Ich hätte mein Letztes gegeben, damit wir noch siegten. 
Nach der Kapitulation Mai 1945 waren wir doch alle sehr erleichtert, obwohl wir bis zur letzten Sekunde an den Sieg geglaubt hatten. Bei Kriegsende war ich 22 Jahre alt und freute mich schon auf mein zu Hause. Ich konnte jedoch nicht in meine Heimatstadt zurückkehren, da die Russen Görlitz eingenommen hatten und die Gefahr zu groß war, dass ich als Gefangener nach Sibirien geschickt werden würde. 
Also blieb ich im Westen und ließ mich von den Engländern für Fassberg, in der Nähe von Hannover einteilen, wo die Engländer eine neue Einheit, die GSO (German Service Organisation), gegründet hatten. In dieser Einheit fanden entlassene deutsche Soldaten Arbeit bei den britischen Besatzungstruppen. 

Berlin war seit 1945 von der russischen Besatzungszone vollständig umschlossen. Als die Russen 1948 Berlin mit einer Blockade belegten, war ich in Fassberg auf dem Flugplatz damit beschäftigt, Flugzeuge mit Lebensmitteln und Versorgungsgütern für Berlin zu beladen. 

Meine Kriegserlebnisse und die Zeit danach werde ich mein Leben lang nicht vergessen können.