Dieser Eintrag stammt von Frau Stahmer

Erinnerungen (1917- 1943)

Im Januar 1912 bin ich in Hamburg-Eilbek geboren. Eine langwierige Angina plagte mich 1917. Als es mir wieder besser ging, war ich sehr hungrig, die Labensmittelkarten eng bemessen; das einzige, was reichlich vorhanden war: Steckrüben in Wasser gekocht. Das war der berüchtigte Steckrüben-Winter! Noch heute kann ich keine Steckrüben essen!

Mein Vater war im 1. Weltkrieg verwundet worden, dann aber nach Hamburg entlassen. Nach längerem Krankenaufenthalt im St. Georg-Krankenhaus durfte er nach Hause, musste sich aber zweimal wöchentlich im Militär-Krankenhaus in Wandsbek melden. Er wurde dann mit einer Taxe abgeholt - und nun kommt das Kuriosum: mitten auf der Hammerstrasse gab es einen gepflasterten Querstreifen: Hier endete Hamburg! Er musste die Taxe verlassen und auf die Taxe aus Schleswig-Holstein warten. Dabei konnte man das Krankenhaus von der "Grenze" aus sehen.

Erst 1938 mit dem Groß-Hamburg-Gesetz kamen Wandsbek, Harburg, Altona, Blankenese und Stellingen zu Hamburg.

Im April 1918 wurde ich im Paulsenstift (heute Charlotte-Paulsen-Gymnasium) eingeschult. Es war eine 10-klassige Schule, ab 1928 mit Abiturzug und befand sich in der Bülaustraße, gegenüber dem St. Georg-Krankenhaus. Leider brannte sie 1943 völlig aus. Übrigens: hervorgegangen war das Paulsenstift aus der Kinderbewahranstalt von Charlotte Paulsen, gelegen im Innenteil der Stadt.

Wir waren im 1. Schuljahr 52 Schülerinnen und haben innerhalb eines Jahres Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt.
Unsere kleine zierliche Lehrerin kam wohl aus dem Osten Europas und hatte ein Gesicht voller Pockennarben.
Wir hatten nur Lehrerinnen, erst 5 Jahre später kamen stundenweise 2 Herren.
Ab 4. Schuljahr gab es Französisch und ab 6. Schuljahr Englisch. Wir hatten eine hervorragende Direktorin. Es herrschte Disziplin, und ich bin heute noch dankbar für alles, was ich in dieser Schule gelernt habe.

Nebenan war das St. Georg-Gymnasium für Knaben. Mittags hatten wir Mädchen eine Viertelstunde eher Schulschluss als die Knaben, um evtl. Treffen zu unterbinden.

Bald nach dem Krieg begann die Inflation, die bis 1925 währte; zuletzt hatte eine Billion den Wert von einer Reichsmark.

Mein Vater war seit fast 20 Jahren bei einer deutsch-amerikanischen Firma (Därme und Gewürze) in der Spaldingstraße, wo die Waren per Schute hinten über das Fleet angeliefert wurden. Darum hatten wir während der Inflation insofern Glück, dass meinem Vater ein Drittel seines Gehalts in wertbeständigen Dollars ausgezahlt wurde. 1925 löste die amerikanische Firma ihre Filiale in Hamburg auf, und mein Vater hatte verschiedentlich Stellungen bei neu gegründeten Unternehmen, die aber immer bald in Konkurs gingen. Es war eine schwere Zeit.

1928 musste ich mit blutendem Herzen die Schule verlassen, meine Eltern konnten das Schulgeld nicht länger bezahlen. Das hat mir damals fast das Herz gebrochen. Ich wollte doch einmal Geschichte studieren! Meine Schulfreundinnen, die dann das Abitur machten und anschließend ein Studium begannen, fanden aber später 1932-1935 keinen Arbeitsplatz.

Ich fand eine Lehrstelle in einem Kunstgewerbehaus auf den Grossen Bleichen, gegenüber dem heutigen Ohnsorg-Theater, damals waren es die Kammerspiele.

Neben dem Geschäft befand sich das "Trocadero", wo es jeden Nachmittag Tanztee gab. Dort spielte Bernhard Effé.

Auf der anderen Seite der Straße führte ein ca. 10 m langer Torweg auf einen Hof, wo 2 alte Fachwerkhäuser mit einem Treppenaufgang standen. In dem einen Haus wohnte der Buchdrucker Ernst Kabel - der Vater von Heidi Kabel, - der dort auch auf dem Hof seinen Betrieb hatte. Ich kann mich gut an das blonde Mädchen erinnern, das immer durch den Torweg kam.

Übrigens: auch meine Arbeitsstätte kam unter den Hammer, wie so viele Betriebe in dieser Zeit.

Noch gegen Ende meiner Schulzeit lernte ich meinen späteren Mann kennen. 1931 haben wir geheiratet.

Wir zogen an den Bahnhof Kornweg in die sog. Kriegsbeschädigten-Siedlung.

Mein Mann hatte sich im 1. Weltkrieg mit 16 Jahren freiwillig gemeldet, war ein Jahr später im Baltikum verwundet worden (zerschossener Fuß), hatte dann in Hamburg bei der Abwicklung des Militärs geholfen, wurde Mitglied im Kriegsbeschädigten-Verband, der am Bahnhof Kornweg ein Gelände kaufte (direkt am Eingang des Ohlsdorfer Friedhofs) und dort eine Siedlung errichtete.

5 Jahre haben wir dort gewohnt (inzwischen mit 2 Kindern); rundherum war alles grün, aber nach wenigen Jahren waren wir "eingebaut", und das gefiel meinem Mann nicht. Wir haben lange gesucht und fanden dann (dank einer aufgegebenen Anzeige) das jetzige Grundstück.

Inzwischen gab es das "Erbhofgesetz". Unser Grundstück gehörte zu einem Hof, der Erbhof-Grösse hatte. Bis die Behörden entschieden, dass der Hof Erbhof-Grösse, aber keine erbhof-fähigen Gebäude hatte, vergingen 1 1/2 Jahre, die wir sehr primitiv - Außenpumpe, Außen-Klo - verbringen mussten. Unser Haus in Klein Borstel war verkauft, wir mussten es verlassen (2 Bäder, 2 WC's). Es war eine harte Zeit.

Endlich im Dezember 1936 konnten wir in unser Haus einziehen.

Auf Grund von Hitlers Autarkie-Bestrebungen gab es keine Elektro-Kabel, so dass wir 6 Wochen bei Petroleum sitzen mussten.

Unser Grundstück ist 11.000 qm groß. Ein Teil wurde mit Korn abgesät, Futterrüben angebaut, denn wir hatten inzwischen 2 Schweine (wurden jeden Winter geschlachtet), 2 Ziegen, 4-5 Schafe, Gänse, Enten, Hühner und Kaninchen. Dazu kamen dann der Anbau von Gemüse und Kartoffeln.

Mein Mann musste jeden Morgen zu seiner Arbeitsstelle in der Hamburger Innenstadt.

Als Hilfe kam ab 1939 ein Pflichtjahr-Mädchen zu uns, die freiwillig noch ein Jahr länger blieb. Für Jungen gab es übrigens den Arbeitsdienst.

Ich wollte, es würde auch heute wieder ein soziales Jahr für beide Geschlechter geben, dadurch würde der Ichbezogenheit der Jugend vorgebeugt werden können.

1941 wurde mein Mann noch einmal Soldat.

27./28. Juli 1943 wurde meine Mutter in Hamburg ausgebombt. 2 Wochen vorher war mein 6. Kind geboren worden, und wir übernachteten nachts im Wald aus Angst vor Bomben.

Meine Mutter wurde nun der ruhende Pol im Haushalt. Sie war eine wunderbare Frau, musste dann aber elendig an Mastdarmkrebs zugrunde gehen. Sie hatte einen künstlichen Ausgang in der Bauchdecke, der oftmals eruptiv wirkte. Wir haben es aber gemeinsam durchgestanden.

Meine Tätigkeit war die Landwirtschaft.

Meine Kinder gingen in Bergedorf in die Schule (ein Weg von 3/4 Stunden), meine Älteste brauchte zur Luisenschule 1 Stunde und 10 Minuten. Da es im Krieg und danach Schichtunterricht gab (einige Schulen waren noch Lazarette), trafen sich meine älteste Tochter und mein ältester Sohn unterwegs, um die Fußbekleidung zu tauschen. Sie hatten zusammen nur ein Paar Schuhe und im Haus wurden Holzpantinen getragen.

In der schulfreien Zeit mussten sie draußen auf dem Land helfen; jeder bekam seine vorgeschriebene Arbeit. Sicher haben sie es nicht immer gern getan, aber es waren eben Notzeiten. Wenn sie mir heute sagen, dass sie eine schöne Jugend gehabt haben, bin ich zutiefst bewegt. Sie sind alle tüchtige Menschen geworden und haben ihr Pflichtgefühl an ihre eigenen Kinder weitergeben.