Dieser Eintrag stammt von Hans M.

  Erlebnisse während des Krieges

Hans M. (73 Jahre alt im Jahre 2000)
Lehrlinge aus der Kriegszeit trafen sich nach über 50 Jahren; trotz alter Freundschaft mit Karlheinz erfuhr ich erst jetzt von ihm, wie er einen grausamen Nahkampf im Russlandfeldzug überlebt hatte.
Meine Lebensgeschichte mit Karlheinz ist auch Zeitgeschichte unserer Generation, und wir können es schwer als Lebensweisheit unseren Kindern und Enkelkindern weiter vermitteln.

Unser Lehrmeister hatte von 1935 - 1950 ca. 25 Lehrlinge ausgebildet. Wir bekamen nur 7 ehemalige Lehrkollegen zum Treffen zusammen, denn 6 waren im Krieg geblieben, 5 waren zwischenzeitlich verstorben, 3 waren im Altersheim und schwer transportfähig und 4 waren schwer zugänglich (Wegzug u. z.T. auch alkoholische Probleme). 2 unserer Lehrkollegen waren nur kurz im Betrieb gewesen, denn ihr Lehrmeister musste 1942/43 zum Wehrdienst. Ich habe meinen Lehrmeister in der Zeit von 1941 - 1944 als 14 bis 17-Jähriger nur mit dem Parteiabzeichen auf der Brust laufen gesehen. Fachlich war er aber ein Vorbild für uns.

Beim Lehrkollegentreffen 1999 hatten wir 7 uns alle in Zufriedenheit an einen Tisch gesetzt. 3 an dem Tisch kannte ich nicht, denn kaum ausgelernt, musste man bei Hitler den Soldatenrock anziehen. Im Krieg gab es keine Partys und Gesellenfeiern. An dem Tisch hatten wir einen Betriebsdirektor mit Jahresgehalt, das wohl nicht ganz an die Fußball-Idole in der heutigen Zeit heranreicht. Er hatte aber nach dem Krieg ausgelernt und war auf die Technische Hochschule gegangen. 2 hatten wir mit Ingenieurschulabschluß dabei, und 2 Kollegen hatten ihre Meisterprüfung gemacht.
Wir 7 hatten uns alle nach dem Kriege beruflich gut entwickelt, und Junggeselle war keiner geblieben.

Jetzt zu meinem alten Freund Karlheinz

Karlheinz war gerade 16 Jahre alt geworden und im 2. Lehrjahr, mit 14 Jahren und 2 Monaten war ich der Stift im 1. Lehrjahr (mein anderer Kollege des 1. Lehrjahres fiel im Krieg).
Karlheinz hatte mit mir auch seinen Spaß, denn der Kurbelinduktor war zu erproben mit hohen ungemütlichen, aber ungefährlichen unverhofften Stromstößen....man wollte ja Elektriker werden. Karlheinz war auch froh darüber, dass er nicht mehr für die Hygiene verantwortlich war. Die Stifte im 1. Lehrjahr mussten im Hinterhof die Toiletten 2x wöchentlich reinigen und 3x täglich den Eimer mit Waschwasser erneuern. Nur die Kriegs-Handwaschpaste gab es reichlich, Klopapier aus Zeitungen mussten auch die Stifte schneiden sowie abends die Werkstatt im Hinterhof ausfegen. Zum Wochenende musste dann gewischt werden. "Meister, dürfen wir Feierabend machen," hieß es schließlich zwischen 17 und 19 Uhr.

Karlheinz wusste vieles aus dem Betrieb. Ein Geselle hatte nur noch ein Auge und kam nicht zum Wehrdienst, und ein anderer Obermonteur keuchte immer so sehr, dass auch er war kaum kriegsverwendungsfähig war.

Karlheinz wusste auch etwas aus meinem Privatleben. Wir schlugen uns mit einem Kleingarten durch den Krieg. Karlheinz's Eltern hatten einen kleinen Bauernhof, den aber der ältere Bruder übernehmen sollte. Wenn ich Karlheinz als "Vorturner" auf der Baustelle hatte, brachte er auch immer ein Stück Wurst für mich mit. Als Karlheinz im 3. Lehrjahr war, musste er im jetzigen Neu-Wulmstorf eine Kaserne mit aufbauen. Er erzählte mir hinterher, wenn sein mithelfender französischer Kriegsgefangener sich auf die Genfer Konvention berief. Da Hunger aber wehtut, wurden immer ein paar Kleinigkeiten vom Bauernhof seiner Eltern für André abgezweigt.

Karlheinz brauchte auch nicht mehr die Materialrückgänge von den Baustellen für die Altgesellen auszusortieren. Er flüsterte mir einmal zu, "der Werner im 3. Lehrjahr lässt manchmal einen unsortierten Karton" von den Harburger Elbbrücken plumpsen, das rettet den späten Feierabend.

Durch die vielen Bombenzerstörungen im Jahre 1943 gewöhnten wir uns an viele Dinge.......
z. B. "RÄDER MÜSSEN ROLLEN FÜR DEN SIEG" stand groß an den Lokomotiven,
Spucknäpfe an allen Durchlaufstellen am Harburger Bahnhof.

Die 60 Stundenwoche wurde eingeführt, denn der Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels hatte am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast gerufen: ......"WOLLT IHR DEN TOTALEN KRIEG?"

Ohne dass ich davon wusste, hatte sich Karlheinz 1944 freiwillig zur Waffen-SS gemeldet; er hatte wohl noch Hoffnung auf den Endsieg. Die meisten Hamburger, die 1943 die schweren Bombenangriffe miterlebt hatten, glaubten nach Stalingrad nicht mehr an den Endsieg. Die letzten 20 Kriegsmonate war das Hitler-Deutschland völlig ausgeblutet und alle 100 m las man in großen Buchstaben "FEIND HÖRT MIT".

Nachdem Karlheinz in den Wehrdienst wechselte, musste ich 1943/44 als 16jähriger im 3. Lehrjahr viele Dinge übernehmen. Zur Hilfe bekam ich mal einen holländischen Zwangsarbeiter, ein anderes mal einen italienischen Kriegsgefangenen (Marschall Badoglio hatte 1943 gegen Deutschland gekämpft). Der Holländer wurde einigermaßen verpflegt, mein großer ITALIENER bekam organisierte Kartoffeln, die er sich zu Pellkartoffeln kochte. Wie man mit Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen umzugehen hatte, bekam ich auch zu 50 % von Karlheinz beigebracht. Die schwersten Arbeiten mussten ohne Geräteeinsatz bewältigt werden. Es gab viel Hornhaut an den Händen; denn im Kriege waren Arbeitshandschuhe nicht verfügbar. Bei Arbeiten mit Säuren hatte ich mal Gummischutzhandschuhe kennen gelernt.

1946 im Sommer sah ich Karlheinz wieder. Wir begrüßten uns stillschweigend mit zurückgehaltenen Tränen. Ich war als 19-Jähriger mit einem Arm aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Die Wohnung meiner Eltern war während meiner Wehrdienstzeit TOTAL AUSGEBOMBT. Bei Karlheinz war der ältere Bruder noch in Russland vermisst, und der Verlobte seiner Schwester war 1942 "GEFALLEN FÜR GROßDEUTSCHLAND". 1942 gab es noch Todesanzeigen in den Zeitungen, wo "IN STOLZER TRAUER" zu lesen war.

Wohl 25x wurde ich mit einer Sonderration von Karlheinz's elterlichem Bauernhof versorgt. Bei 1,91 m Größe war ich mit 46 kg "Lebendgewicht" aus der Russland-Gefangenschaft gekommen. Als ich dann einigermaßen wieder auf den Beinen war, durfte ich das Erntedankfest mit SELBSTGEBRANNTEM KORN mitfeiern. Es gab alle möglichen Getränken, z.B. Molkebier und Heißgetränk. Wir würden uns im Jahr 2000 damit bestimmt den Magen verderben.

1948-68 verlor ich Karlheinz aus den Augen. Vielleicht etwas undankbar, aber Karlheinz hatte mit der Meisterprüfung zu tun, und als er heiratete, machte er sich um 1958 selbstständig. Ich als sein ehemaliger Lehrkollege bekam vom Staat die Ingenieurschule finanziert. Als Kriegsbeschädigter erhielt ich 1946 40 RM Rente monatlich. Mit nur Volksschulbildung musste ich als Oberarmamputierter das Studium an der Hamburger Ingenieurschule in den Griff bekommen. Das war nicht leicht nach der Ausbombung. Das Leben spielte sich tagsüber in einem Raum von 8 qm ab; darin wurde für 3 Personen gekocht - manchmal auch Sirup aus Zuckerrüben. Vater schnitt und trocknete seinen Eigenanbau-Tabak, Mutter hielt manchmal noch einen Klönschnack mit ihrer Schwester. In diesem Durcheinander musste ich dann per Integralrechnung einen Gleichstrommotor berechnen. Anmerkung: Tischrechner wie heute existierten noch nicht. Mit Logarithmentafeln und Rechenschieber wurde damals gerechnet.

Etwa 20 Monate hatte ich das durchzustehen, bis dann mit Steine putzen in den Trümmern Behelfswohnraum geschaffen werden konnte. Durch die extremen Arbeitsverhältnisse mit 3 Personen in dem winzigen Zimmer, musste ich die Nebengeräusche verdrängen. Wenn ich heute gedankenversunken Probleme zu lösen habe, muss meine Frau zwei- bis dreimal rufen, das ist nicht nur altersbedingt.

1949 hatte ich den Ingenieurschulabschluß. Mit 22 Jahren war ich auf einmal für 18 Monate Vorgesetzter von einem älteren ehemaligen Lehrkollegen. Werner kannte ich, bis er Soldat wurde, nur ein halbes Jahr von der Lehrzeit her. 1999 bei unserem Treffen war er bereits schon mit Kreislaufschwierigkeiten verstorben. Karlheinz war mir bis 1968 wohl 2-3mal über den Weg gelaufen. Zu seinem 10-jährigen Firmenjubiläum wurde ich mit meiner Frau eingeladen. Beruflich ergaben sich dann hin und wieder einige Berührungspunkte. Wir hatten 1968-1972 losen Kontakt. Man beriet sich bei rechtlichen, behördlichen und komplizierten fachlichen Problemen.

Karlheinz baute 1968 ein neues Betriebsgebäude für seine Firma mit inzwischen 25 Beschäftigten. Voller Stolz zeigte er mir die Dusch- und Waschräume und alles, was nach der neuesten Gewerbeordnung so vorgeschrieben war. Er kam voller Rührung auf die Waschverhältnisse bei unserem Lehrmeister ins Schmunzeln. Manche Auflagen der Gewerbeaufsicht hielt er für übertrieben, denn mit 10 Firmenfahrzeugen wurden die Arbeiten zu 80 % auf Baustellen und Einsatzorten in einem Umkreis von 30 km durchgeführt.

Ich warnte Karlheinz, sich noch mehr zu vergrößern; denn das konnte bei 2 Mitbeschäftigten Meistern auf Kosten der Qualität bei Konjunkturrückgang auch in die Roten Zahlen führen. Seine Frau hatte bis dahin noch Woche für Woche 25 Arbeitsanzüge gewaschen. Sie hat wohl nie Nagellack ausprobiert.

Rein privat kam ich mit Karlheinz selten zusammen, denn jeder hatte 2 Kinder im Studium (wir hatten beide nur Volksschulbildung als Grundlage, aber unsere Kinder besaßen alle das Abitur und hatten studiert). Unsere Frauen waren auch nur zu 20 % unter einen Hut zu bringen (meine Frau arbeitete für Rechtsanwälte).

Karlheinz beherrschte auch das "Klappern gehört zum Handwerk". Dreimal war ich bei ihm vorm 1. Advent zum Preisskat eingeladen. Er hatte dann ein kleines Lokal in der Nähe seines Betriebes gemietet. Wohl etwa 60 Personen kamen zum Grünkohlessen, dann wurde Skat gespielt oder geknobelt. Manchmal saß man dann mit dem Schuppenvorsteher von der Hamburg-Süd zusammen. Auch einige von Hafen- und Industriebetrieben spielten unverkrampft zusammen. Selbst an die Berufsschullehrer seiner Lehrlingen und die HEW-Bezirksmeister in seinem Tätigkeitsbereich hatte Karlheinz gedacht. Alle Gäste mussten etwa nach 1 1/2 Stunden die Tische wechseln. Es gab je nach Punkten Preise und Trostpreise; wer Kinder hatte, bekam noch eine Weihnachtstüte mit auf den Weg. Er hat auf diese Weise vielen Reibungsverlusten vorbeugen können; denn Liefertermine von einzubauenden Geräten verschoben sich hin und wieder. Es mussten Krankheiten von Monteuren ausgeglichen werden, und je nach Wetterlage mussten Außenarbeiten zeitlich vor- oder zurückgeschoben werden. Auch Dinge, die aus betrieblichen Gründen WIE DIE FEUERWEHR erledigt werden musste, waren die Spezialität seines Elektrobetriebes.

Anmerkung: Karlheinz war auch ein Organisationstalent. Der Schreiber dieser Zeilen möchte durch diese reichlichen Angaben das solide Wesen von Karlheinz schildern, denn in der Hitlerzeit ist er doch reichlich verblendet worden. 1963 z.B. war er zufällig in Bergedorf. Er fragte bei meiner Frau, kann ich Hans etwas helfen, was mit einer Hand nicht hinzukriegen ist. Er versetzte in 30 Minuten einen Wäschepfahl mit schwerem Fundament.

Zum Schluss das Dubiose mit Karlheinz. 
Sein wahres Innere lernte ich aber erst nach 58 Jahren Freundschaft kennen: Er erzählte mir von einem grausamen Nahkampf in Russland.

Folgendes hatte er an der Front erlebt:

"Russische Infanteristen waren durch unsere Linien gedrungen. Wir schossen bis zur letzten Patrone, die Russen ergaben sich. Ich hatte mit meiner Maschinenpistole einen kämpfenden Russen erwischt, der mit Magendurchschüssen im Inneren verblutete. Mit weißer Fahne hatte der russische Infanterist noch Pappyrossi gerufen. Ich rauchte für den Verblutenden eine Zigarette an ... nach wenigen Zügen schloss er die Augen."

Erst 1999 erfuhr ich von Karlheinz, dass er sich freiwillig zu einer Eliteeinheit der Waffen-SS gemeldet hatte.

Dieser alte Freund (den Namen Karlheinz habe ich geändert) erzählte mir beim Treffen 1999 voller Stolz: Ich habe 25 Lehrlinge durch die Gesellenprüfung gebracht, nur 1 Lehrling ist mir in 35 Jahren Selbständigkeit bei der Gesellenprüfung durchgefallen.

Karlheinz war auch jahrelang in der Prüfungskommission der Elektroinnung in Hamburg ehrenamtlich tätig; auch wenn ein Kollege starb und die Lehrlinge nicht mehr auslernen konnten, ist er eingesprungen.

Karlheinz und der Schreiber dieser Zeilen mochten sich.

Vieles wäre noch zu erzählen, z.B. dass ich einem russischen Arzt mein Leben zu verdanken habe. Er war sogar Jude und spendete für mich Blut, als ich völlig ausgemergelt im Lazarett des Kriegsgefangenenlagers lag.