Dieser Eintrag stammt von Fabrizio Rojas

Kindheit in den Vierlanden
Interview mit Frau Kristel Mohr (geb. 26.12.1935):

1. Wie war deine Kindheit während des 2. Weltkriegs?
Am 30.8.1939, kurz vor dem Ausbruch des Krieges, wurde meine Schwester Anke geboren. Im Februar 1940 musste mein Vater in den Krieg ziehen, wo er bei der Flugabwehr tätig war. Da auch die anderen Männer im Krieg mitkämpfen mussten, bestand unsere Nachbarschaft während des Krieges hauptsächlich aus Frauen. Dadurch hatten wir Kinder kaum noch Zeit zum spielen, weil wir durch das Fehlen der männlichen Arbeiter und Bauern auf dem Land und in den Betrieben helfen mussten.

In dem Betrieb meiner Familie wurden viele Sachen angebaut, wie z.B. Salat, Bohnen, Tomaten, Kohlrabi, Kartoffeln, Blumenkohl, Erdbeeren, Stachelbeeren, Himbeeren und Brombeeren. Oft musste ich mit meinen Schwestern mit der Fähre über die Elbe fahren, um unser Obst und Gemüse auf der anderen Elbseite zu verkaufen. Zweimal im Jahr sah ich meinen Vater für 14 Tage, wenn er Urlaub bekam und nach Hause kommen konnte. Am 26.12.1944, meinem neunten Geburtstag, wurde mein Vater durch einen Kopfschuss verwundet und starb Anfang Januar 1945 in einem Lazarett bei St. Wendel. 

2. Wie war deine Schulzeit während des 2. Weltkriegs?
Ich ging von 1942 – 1951 in die Zollenspieker Schule. In jeder Klasse waren ca. 35 bis 38 Kinder. In den ersten Schuljahren schrieben wir alle mit Griffeln auf Schiefertafeln, doch später gab es auch Hefte, Bleistifte, Feder und Tinte. Laut Stundenplan hatten wir jeden Tag 6 Stunden Unterricht, doch durch den häufigen Fliegeralarm fielen viele Stunden aus. Es musste immer ein Lehrer im Lehrerzimmer sitzen und auf die Durchsagen im Radio achten. Wenn die Alarmsirenen losheulten, liefen alle Schüler sofort nach Hause. Manchmal kam es auch vor, dass die Tiefflieger schon sehr bald in Sicht-weite kamen und so mussten wir uns in die Gräben schmeißen oder an den Kantstein legen. Im Winter war es in der unbeheizten Schule oft so kalt, dass wir in Gruppen aufgeteilt wurden und den Unterricht abwechselnd in den Wohnzimmern der anderen Schüler abhielten.

3. Wie war das Leben mit den Kriegsgefangenen?

Wir hatten 2 Kriegsgefangene, die nacheinander in unserem Familienbetrieb arbeiteten, zuerst den Franzosen René Ailin und später den Serben Heinrich Tamm. René kam im Sommer 1944 zu uns, war sehr fleißig und man konnte ihm vertrauen. Er spielte mit mir und meinen Schwestern und zu Weihnachten baute er uns Puppenwagen und Puppenbetten. 

Um die Mittagszeit, wenn alle beim Essen saßen, kamen Kontrolleure, die nach den Gefangenen sahen. Die Gefangenen durften nicht mit der Familie an einem Tisch sitzen, doch da er sehr gut für sie arbeitete, wollte meine Mutter, dass er mit uns am Tisch saß. An seinem Extratisch deckten wir vorsichtshalber mit und wenn die Kontrolleure kamen, setzte er sich schnell um. Ein Jahr später wurden alle Franzosen wieder freigelassen und mit 3 Schiffen nach Frankreich gebracht. Von den 3 Schiffen kam nur 1 Schiff in Frankreich an, die anderen liefen vor Cuxhaven auf Minen. Unser Franzose René kam durch, wie er uns Jahre später durch einen Brief mitteilte.

Der zweite Gefangene der bei uns gearbeitet hat, war einer der wenigen Serben, die arbeiten durften, da die Serben sehr gefährlich und brutal waren. Die Serben wurden Tag und Nacht in der Scheune des Deichvogts gefangen gehalten und bewacht. 

4. Wie war das Leben während der Besatzungszeit?
Die Engländer kamen im Sommer 1945 und befanden sich auf der anderen Seite der Elbe, von wo aus sie die Häuser auf unserer Seite beschossen. Als Zeichen dafür, dass man sich ergeben hatte, musste man ein weißes Bettlaken auf das Dach des Hauses legen. Als auf unserer Seite kein Widerstand mehr bestand, kamen die Engländer bei Geesthacht über die Elbe und fuhren mit ihren Panzern nach Zollenspieker, wo sie die Schule besetzten. Von nun an wurde der Unterricht nur noch in der Stakmeisterei und in den Scheunen abgehalten. 

Die englischen Soldaten nahmen den SS-Soldaten ihre Waffen ab und überfuhren die Waffen demonstrativ mit ihren Panzern. Sie untersuchten auch alle Häuser nach Waffen und Bildern von Soldaten und Hakenkreuzen. Als sie bei uns das Bild eines Soldaten fanden, zerstörten sie es aber nicht, da es sich um ein Foto unseres verstorbenen Vaters handelte. Kurze Zeit später zogen die Engländer auch schon wieder in die Lokale um und wir konnten wieder in unser Schulgebäude zurückkehren. Die Engländer waren sehr freundlich und versorgten uns in der Schule mit Tee, Keksen und Schokolade. 1946 rückten die englischen Besatzer wieder ab und verließen die Lokale.