Dieser Eintrag stammt von Gerd Fahl, geb. 1928

So schließt sich ein Kreis

Am 15. März 1931 wird Ernst Henning, Mitglied der Hamburger Bürgerschaft, auf der Heimfahrt von einer Parteiveranstaltung der KPD in Fünfhausen, im Hamburger Landgebiet, von Faschisten ermordet.

Der Hintergrund: Nachdem Adolf Hitler vor dem Reichsgericht im Jahre 1930 geschworen hatte, die Macht nur mit legalen Mitteln erringen zu wollen, musste er notgedrungen der SA den Waffengebrauch verbieten und sich von Gewalttaten distanzieren. Trotzdem ging der Kampf um die Macht auf der Straße weiter. Antisemitische Ausschreitungen sowie Grabschändungen waren an der Tagesordnung.

Am Abend des 14. März 1931 hatte Ernst Henning in Kirchwerder über die "Ausplünderung der Werktätigen in Stadt und Land " referiert. Um Mitternacht bestieg er zusammen mit seinem Genossen Cahnbley den letzten Bus nach Bergedorf. Im Bus wird er von 3 jungen Nationalsozialisten überfallen . Sie halten ihn fälschlicher Weise für den KPD-Bürgerschaftsabgeordneten Etkar André. Ernst Henning wird tödlich getroffen, Cahnbley nur verletzt. Die Täter werden am 16. März verhaftet und im November zu sechs bzw. 7 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Soweit die Vorgeschichte. Ich wohnte zu der damaligen Zeit mit meinen Eltern auf der Elbinsel Veddel. Mein Vater war bei der Schutzpolizei und tat entweder auf dem Revier Rothenburgsort oder Veddel seinen Dienst. Da mein Vater 1934 aus dem Polizeidienst entlassen wurde, muss sich die Sache, über die ich berichten möchte, entweder im Jahr 1933 oder Anfang 1934 zugetragen haben. Ich war damals 5 Jahre jung und war auf der Suche nach Spielkameraden auf der alten Veddel  "on tour", wie man heute zu sagen pflegt. Plötzlich stand ich in der Niedernfelder Straße meinem Vater gegenüber. Er hielt sich vor einem bestimmten Haus auf und ging dort immer auf und ab. Meine Frage, was er dort machte, wurde, auch aus der Sicht eines 5-jährigen Jungen, nicht hinreichend beantwortet. Ich kannte ihn während des Dienstes nur als Verkehrsposten auf der Kreuzung Veddeler Brückenstraße - Tunnelstraße, um entweder in den frühen Morgenstunden oder ab 15.00 Uhr den Verkehr entweder in oder nachmittags aus dem Hafen heraus zu lenken.  

Es strömten zur damaligen Zeit morgens wie nachmittags um die 16.000 Menschen zur Arbeit oder wieder nach Hause und zwar nicht mit dem Auto, sondern zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit der Straßenbahn. Letzteres war die Ausnahme, denn das Fahrgeld hatte man entweder nicht oder sparte es für andere Gelegenheiten. Kurz und gut, ich vergaß diese Begegnung. Für einen 5-jährigen gab es schließlich wichtigeres. Erst nach Beendigung des Krieges, mein Vater war gesund heimgekehrt, kam die Sprache auf die damalige Begegnung mit meinem Vater. Auslöser dieses Gespräches war aber nicht das Zusammentreffen mit meinem Vater.  

Vielmehr ging es darum, dass einer meiner engen Freunde der Neffe des Täters war. Ein Gespräch über solche Dinge war ja erst jetzt ohne Gefährdung des eigenen Lebens möglich. Wir hatten die gesamte Schulzeit miteinander verbracht , einschließlich der Zeit als Flak-Helfer. In diesem Zusammenhang fiel mir dann ein, dass mein Freund einmal von einer Einladung eben dieses Onkels nach Sotschi am Schwarzen Meer sprach. Sein Onkel sei dort als Divisionskommandeur mit seiner Einheit . Eine, auch für damalige Verhältnisse, ungewöhnliche Einladung. Wenn man nur an das Transportproblem unter Kriegsbedingungen in der damaligen Zeit denkt mit all den anderen Schwierigkeiten drum herum. Ob er dieser Einladung gefolgt ist, weiß ich nicht, denn 1943 ging unsere Klasse in die Kinderlandverschickung nach Süd-Ungarn. Mein Freund fuhr nicht mit. Interessant ist der Lebensweg des Mörders während des Hitlerregimes vom rechtskräftig verurteilten Täter zum Truppenführer einer SS-Einheit mit sehr großen Machtbefugnissen. Aus dem Krieg ist besagter Onkel nicht zurückgekommen, oder sollte man vielleicht besser sagen, nach all dem was man heute weiß, „er ist nicht zu seiner Familie zurückgekehrt.“