Dieser Eintrag stammt von Gehrd Fahl *1928

Kriegsbeginn 1939

Ich, Gehrd Fahl, seit 2 Jahren Mitglied im Deutschen Jungvolk der staatlichen Jugendorganisation für 10 bis 14jährige Jungen, wuchs zusammen mit meinem 9 Jahre jüngeren Bruder auf der Elbinsel Veddel unter geordneten Verhältnissen auf, wenn man davon absieht, dass es in unserer Wohnung weder ein Führerbild noch eine Hakenkreuzfahne zum Beflaggen unserer Wohnung an einem der Fenster gab. Mein Vater war am Deichtormarkt, dem damaligen Gemüsegroßmarkt der Stadt Hamburg, in der Verwaltung beschäftigt.

Ich hole bewusst etwas weiter aus, da die Anzeichen eines kommenden Krieges sich schon sehr früh anbahnten. Nicht für mich erkennbar. Aber wenn man alle Vorkommnisse der damaligen Zeit zusammennimmt und aus heutiger Sicht betrachtet, so deutete doch vieles daraufhin. In meinem Beisein wurde im Haus nicht darüber gesprochen. Sicher eine Vorsichtsmaßnahme. Obwohl der Anschluss Österreichs und die Besetzung der Tschechoslowakei bereits vorangegangen waren, vermied man das Wort Krieg. Auch in der Schule wurden wir nicht besonders beeinflusst.

Zwei Nachbarn aus unserem Haus, gelernte Handwerker, wurden für mehrere Wochen an den Westwall dienstverpflichtet, um dieses „stolze Bauwerk der Verteidigung“ - so die Propaganda - zu vollenden.

Unser Thema als Pimpfe war in diesem Frühjahr das geplante Sommer-Zeltlager im Teutoburger Wald, in der Nähe von Örlinghausen. Dass zwischendurch die Flugabwehr auf der Veddel die Abwehr von Tieffliegern gegen die strategisch wichtigen Elbbrücken übte, hatte für uns mehr einen abenteuerlichen Charakter. 

Unser Zeltlager fand statt. Mit einem Sonderzug wurden wir in den Teutoburger Wald transportiert. Unsere Unterkünfte waren große 12-Mann Rundzelte. Das Lagerleben glich dem eines militärischen Lagers. Wir waren etwa 300 bis 400 Jungen, wuschen uns am eiskalten Bach und machten Märsche in die Umgegend oder erwarben Grundschwimmerscheine usw. Sogar ein Zeppelin überflog eines Tages unser Lager.
Alles in allem eine friedliche und für uns Jungen eine spannende und interessante Zeit.

Nach unserer Rückkehr durfte ich gleich weiterfahren zu unseren Verwandten, nach Mecklenburg, aufs Land. Dort wurde ich schon von meinen Spielgefährten aus den vorangegangenen Ferien erwartet. Es war wie immer schön, denn wir hatten ja schon Hochsommer und die Erntezeit stand vor der Tür. Auch die polnischen Schnitterfamilien (Erntehelfer, die in jedem Jahr mit Familien anreisten und beim Einbringen der Ernte auf den großen Gütern halfen) waren schon da und hatten ihre Schnitterkaserne bezogen.

Auf den schon abgeernteten Feldern übten hin und wieder kleinere Einheiten der Wehrmacht. Es waren Reservisten, die wohl wieder auf den neuesten Stand der Ausbildung gebracht werden sollten. Wir versorgten sie, wenn es sich so ergab, mit zusätzlicher Verpflegung und Getränken. 

An jedem Werktag gegen 17 Uhr kam der Postomnibus aus Rostock und brachte Fahrgäste und Post und die Tageszeitung. Meine Aufgabe war es, die Zeitung für meinen Onkel abzuholen. Und hierbei kam ich ja nicht umhin, zumindest die Schlagzeilen und die Bilder der Titelseite zu lesen, bzw. anzuschauen. Jeden Tag war etwas zu lesen und zu sehen, wie die Polen die dort wohnenden Deutschen oder Deutschstämmigen drangsalierten und quälten.

Einen Kommentar der Erwachsenen zu den Zeitungsberichten erinnere ich nicht. Dass vom drohenden Krieg gesprochen wurde, lag wohl an den sich täglich zuspitzenden Ereignissen. Mein Onkel, ein Mensch, der mit seiner Meinung selten hinter dem Berg hielt, äußerte sich sehr zurückhaltend. Dieses sollte sich im Verlauf des Krieges jedoch ändern. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Wir schrieben noch den Monat August 1939 und die Ferien gingen ihrem Ende entgegen. Nach der gemeinsamen Rückkehr mit meinem Eltern nach Hamburg - am nächsten Tag sollte wieder Schulbeginn sein - empfing uns eine Überraschung: Schulkameraden oder Nachbarn erzählten uns, dass es mit dem Schulbeginn nichts würde. Grund: Unsere Schule war im wahrsten Sinne des Wortes vollgestopft mit Soldaten. Dieses Schauspiel wollten wir uns nicht entgehen lassen. Also machten wir uns gemeinsam auf den Weg, um leider zu erleben, dass ein gestürztes Soldatenpferd erschossen werden musste. Da ich die letzten Wochen während der Ernte fast ausschließlich mit Pferden umgegangen war, warf mich dieser Vorgang ziemlich um. Am nächsten oder übernächsten Tag machten die Post- und Telegrammzusteller Überstunden, um die Einberufungsbefehle an die Reservisten und künftigen Soldaten zuzustellen. Auch mein Vater erhielt so eine „Einladung“.

Rundherum gab es in betroffenen Familien Tränen und traurige Abschiedsszenen.
Ich kann mich nicht erinnern, den Spruch: „In 4 Wochen oder so sind wir wieder zu Hause“ gehört zu haben. Mit dem Tag des Kriegsbeginns ging es auch los mit der absoluten Verdunkelung, dem Umbau der Hauskeller zu behelfsmäßigen Luftschutzkellern und der Ausgabe von Lebensmittelkarten für den zugeteilten Erwerb von Grundnahrungsmitteln. Es war der 1. September 1939. Wir befanden uns im Krieg.