Dieser Eintrag stammt von Konrad Ferfecki (*1988)

Als kleiner Junge
zog ich durch Deutschland (1934-1945)

    Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Stefan Tiedchen (*1934)

Ich bin 1934 geboren und habe zwei jüngere Brüder. Meine Mutter ist 1902 geboren. Sie arbeitete nicht, sondern war Hausfrau. Mein Vater wurde 1901 geboren und arbeitete als Schiffsingenieur. Als Schiffsingenieur bei der Marine war er so gut wie nie zu Hause.
Zu Kriegsbeginn wohnten wir in Hamburg/ Wandsbek. Doch der Wohnort änderte sich nicht nur einmal.

Erste Erfahrung in einer Schule
Es war im Herbst 1941, als ich eingeschult wurde. Ich kann mich noch genau erinnern, dass wir der erste Jahrgang waren, der anfing, die Lateinische Schrift zu schreiben und lesen zu lernen (fröhlich).
Doch die Schultage verliefen nicht ohne Störungen. Denn es gab oftmals Fliegeralarm, bei dem wir uns alle in den dunklen und sicheren Keller der Schule verstecken mussten, damit wir, wenn wir bombardiert wurden, nicht sterben mussten. Doch die Angst empfand man während des Flüchtens in den dunklen Raum nicht. Sie kam erst später auf.

Wer das Land regierte, wurde uns als Schüler schon deutlich gemacht, denn es fand zu Wochenbeginn in der Schule ein Fahnenappell statt. Die Schüler stellten sich in einer bestimmten Reihe auf dem Schulplatz auf und die Hakenkreuzfahne wurde vor uns gehisst. Natürlich hatten die jungen Schüler keine Ahnung, worum es dabei ging. 
Es wurden Hasstiraden, Siegesparolen und politische Sprüche gegen die Juden und Feinde gesprochen.

Suche nach einer neuen Heimat
Doch schon nach einem Jahr war diese Schule keine Lehrstätte mehr für mich, denn unsere Wohnung wurde bombardiert und wir hatten keinen Ort zum Wohnen mehr. Es war eine Zeit für mich und meine Familie gekommen, in der wir durch das von Rauch erfüllte Hamburg herumzigeunern mussten. Doch nach einer Zeit retteten uns Verwandte und nahmen uns bei sich zu Hause auf. Hier ging ich eine kurze Zeit in die Schule. Doch von der Schule bleiben mir nur schlechte Erinnerungen, da ich als „Evangele“ oft von den überwiegend katholischen Kindern verprügelt wurde. 
Ein langer Wohnort blieb uns jedoch nicht, da die Familien aus Hamburg evakuiert wurden. Das hieß also, sich einen neuen Lebensort zu suchen, und wir zogen in ein kleines Dorf namens Wittingen (Lüneburg), Landkreis Salzwedel. Dort wohnten wir bei einer netten Bauernfamilie, die uns ausreichend verpflegte. Wir lebten von den Nahrungsmitteln, die dort angebaut wurden, und mussten somit nicht hungern.
Auf dem Bauernhof gab es viele Zwangsarbeiter, die aus Polen und Russland kamen. Sie waren sehr nett und ich unternahm sogar manchmal heimlich etwas mit denen. Was ich damals nicht verstand war, warum die Zwangsarbeiter nicht mit uns am Tisch essen durften.

Ein neuer Wohnort eine neue Schule
An diesem Ort konnte ich nun wieder zur Schule gehen. Ich besuchte dort eine Dorfschule mit nur einem Raum, in dem alle Schüler untergebracht wurden. Der Lehrer war ein penetranter Nazi, der uns Wehrmachtsberichte als Diktate vorgab. Meine Mutter, die gegen die Nazis war, hielt jedoch nichts von dieser Schule und so musste ich in eine andere Schule wechseln. Sie war 4 km vom Dorf entfernt und als Verkehrsmittel diente mir eine Kleinbahn. Diese Kleinbahn verband mich mit vielen Ängsten und Gefahren, die ich überstehen musste (ernst). Denn die Alliierten flogen oftmals mit einem höllischen Gedröhne von Westen. Wenn dies der Fall war, mussten wir bei Sirenenalarm so schnell wie nur möglich aus der Bahn steigen und uns weiter von der Bahn auf den Boden legen und warten. Nach dem Alarm konnten wir wieder in die Bahn steigen. Wenn ich heute nachdenke, wie gefährlich dies damals war, finde ich es schrecklich. Ich kann heute keine Sirenengeräusche mehr hören.

Kriegsende
Bei Kriegsende (8. Mai 1945) gab es bis zum September 1945 keine Schulen mehr. Die alliierten Panzer rollten an unserem Dorf vorbei. Als wir Kinder zu den Soldaten gingen, gaben sie uns oftmals ein Kaugummi (lächelnd). Die ganzen Zwangsarbeiter in unserem Dorf wurden endlich befreit, doch wussten diese oftmals nicht, wohin sie gehen sollten. Sie hatten einen langen Weg vor sich.

Hiermit bedanke ich ( Konrad Ferfecki) mich bei Herrn Stefan Tiedchen für ein nettes und informatives Interview, bei dem ich viel Interessantes erfahren habe. Ich habe einen guten Einblick in das Leben eines Menschen auf der Suche nach dem nächsten Wohnort bekommen.