Dieser Eintrag stammt von Helga Sieg

aufgeschrieben von Florian Kluth

Die Angst vor dem Tod – Der Sinn des Lebens

Wir hatten gehörlose Eltern. Die Fliegerangriffe spitzten sich immer mehr zu. So gut wie jede Nacht wurden Angriffe über Staßfurt in Richtung Magdeburg und Berlin geflogen. Wir als Kinder – ich war damals neun Jahre alt – mussten unsere Eltern wecken, da diese taubstumm waren und die Angriffe somit alleine nicht bemerkt hätten und nicht vor der Gefahr hätten flüchten können.

Wir mussten die Kleinen in den Keller bringen, der Jüngste war gerade mal zwei Jahre alt. Wir packten ihn in eine Zinnwanne mit Stroh ausgelegt. Die Älteren mussten auf Strohsäcken sitzen und zitterten meist die ganze Nacht, bis die Fliegerentwarnung kam.

Nach der Entwarnung brachten wir die Kleinen wieder in ihre Betten, unsere Eltern gingen wieder ins Schlafzimmer und wir blieben dann meist die Nächte über noch wach. Stundenlang nach der Entwarnung hörte man noch die Detonationen in Magdeburg und Umgebung. Den Kleinen erzählten wir, es seien Gewitter und sie sollen sich nicht fürchten – so hörte es sich damals jedenfalls an.

Staßfurt war dreißig Kilometer von Magdeburg entfernt, aber man spürte trotzdem die heftigen Explosionen der Bomben, die sie über der Stadt abwarfen. Teilweise schlugen Bomben fehl und wurden dann kurz hinter Staßfurt abgeworfen. Man sah sie dann wie einen Feuerstrahl vom Himmel stürzen. Es waren Phosphorbomben. Die Druckwellen waren so riesig, dass wir von der einen Ecke des Hauses in die andere flogen. Es war einfach nur schrecklich und beängstigend. 

Schulbesuch war sehr selten. Wenn wir dann doch mal zur Schule gingen, wurde meist auch in der Schule der Fliegeralarm ausgerufen. Zu diesem Zeitpunkt wurden dann alle Schüler in die Luftschutzkeller gebracht. Die einzigen, die nicht hinein gingen, waren wir. Wir mussten nach Hause und unseren Eltern die Mitteilung von den Angriffen überbringen, da diese ja nichts hörten. 
In dieser Zeit der Angst und des Zitterns hatten wir keine Menschen, die auf uns aufpassten. Wir wurden zu unseren eigenen Beschützern. Die Rolle, die eigentlich die Eltern haben sollen, auf ihre Kinder acht zu geben, ihnen Hoffnung zu geben und sie vor Gefahren zu beschützen, diese Rolle war nun auf uns übertragen worden und wir wurden auf einmal die Eltern unserer Eltern und unserer Geschwister.

Eine ganze Nation hörte damals auf die Worte eines Mannes. Der Krieg war schon lange verloren, aber wir ließen uns immer weiter antreiben, weiter zu machen, bis unser ganzes Land in Schutt und Asche gelegt war. 
Bis zur endgültigen Kapitulation wurde gezittert. Alle überlebten nur wegen der Hoffnung. War keine Hoffnung mehr vorhanden, so überlebte man nicht. Ich und meine Familie haben es geschafft, diese schwere Zeit zu überstehen. Wir hofften auf das Ende und hielten zusammen.

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