Dieser Eintrag stammt von Florian Schwarzenberger

Unfreiwillige Ortswechsel
Ein Interview mit Frau Gertrud O. (geb. 1935)

1943 wurde ich mit vielen anderen Kindern "verschickt".  Ich wusste nicht warum ich weg musste. Ich kam auf einen Bauernhof wo es sehr viele Tiere gab. Es war sehr interessant und ich fühlte mich wirklich wohl. Ich half bei der Ernte mit und wurde in einer Schule unterrichtet. In dieser Schule wurden ältere und jüngere Schüler unterrichtet.

Als eines Tages meine Mutter und mein Bruder auf diesem Bauernhof auftauchten, war ich sehr überrascht, da ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, warum sie mich da besuchen sollten. Sie standen mit einem kleinen Köfferchen vor mir und hatten sonst überhaupt nichts dabei. Sie wollten mich abholen. Auf dem Weg in Richtung Lohbrügge fuhren wir an den zerbombten Häusern der Hamburger Innenstadt vorbei. In diesem Moment wurde mir erst klar, was eigentlich los war. Wir hatten wirklich gar nichts, bis auf das kleine Köfferchen, in dem sich nur ein paar Papiere befanden alles andere haben wir bei dem großen Angriff auf Hamburg 1943 verloren.

1943 bekamen wir in der Waldstraße eine Einzimmerwohnung. Meine Tante unterstützte uns so gut es ging... .


Wir zogen 1944 in eine Kate in der Moltkestraße. Zu der Kate gehörte auch ein wenig Land hinter dem Haus. Hier stand ein Plumps-Klo, das hieß,  man musste,  um sein Geschäft zu verrichten,  immer erst 10m durch`s Freie laufen, egal bei welchem Wetter.

In der Küche, die ca.8m² groß war, hatten wir eine Gasuhr,  in die man Groschen werfen musste,  um überhaupt etwas kochen zu können oder den Kohleofen anheizen. Die Küche war sehr einfach eingerichtet, ich kann mich nur noch an einen kleinen Küchenschrank erinnern. Auch im Wohnzimmer war nicht viel, wir hatten noch nicht einmal einen Teppich, und an einen Fernseher war gar nicht zu denken. Es war noch Krieg und wir rannten jedes Mal in die Boberger Dünen wenn die Sirene heulte. Hier hatten die Erwachsenen einen Bunker gebaut. Den Fliegeralarm konnten wir im Radio (dem sogenannten Volksempfänger) immer schon hören, was verboten war. Zu dieser Zeit besuchte ich die Schule Lohbrügge (heute Leuschnerstraße).

Als 1947 mein Vater aus der Kriegs-Gefangenschaft frei kam, versuchte meine Mutter für uns ein  eigenes Haus zu bekommen, da die alte Kate so feucht war,  dass im Winter sogar die Wände glitzerten, weil das Wasser an ihnen gefror. Erst 1956 bekamen wir ein kleines Haus in der Bille-Siedlung in Moorfleet wo ich mit meinem Mann eine Familie gründete.