Dieser Eintrag stammt von Felix Genth 

"Mein Wunsch für unsere große Familie: Frieden"

Opa Ernst berichtet: "Am 30. Januar 1933 verließen meine Eltern mit mir die Geburtstagsfeier der Freundin meiner Mutter. Ihr Mann hatte im Radio von der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler gehört und schaltete den Empfänger lauter, damit alle Gäste das Triumphgeschrei von Goebbels mithören konnten. Mein Vater protestierte und tobte: „Damit ist unsere Demokratie am Ende. Das ist ein Verrat von Hindenburg, den wir mit zum Reichspräsidenten gegen Hitler gewählt haben. Bei den letzten Wahlen hatten die Nazis nur 33,5% !“ Die Kriegerwitwe Frau Mirschka, mit ihren beiden Kindern, verließ mit uns die gespaltene Gesellschaft (Sie hat später eine jüdische Familie in ihrer Wohnung versteckt.).

Die Gewerkschaften wurden von der SA besetzt und die Angestellten entlassen. Mein Vater ( leitender SPD – Parteifunktionär und Vorsitzender der Reichskammer sowie Angestellter im Vorstand des Holzarbeiterverbandes ) hatte keine Einkünfte mehr und war vor Verhaftung fluchtbereit. Wir mussten in eine kleinere Wohnung umziehen, weil wir die Miete (RM 50,-) nicht mehr bezahlen konnten. Allmählich fand mein Vater Kunden in Kantinen und auf Rummelplätzen, für Kaffee und Süßigkeiten, die er mit dem Fahrrad ausfuhr. Meine Mutter nähte Uniformteile zusammen. Ich wurde bei Siemens als kaufmännischer Lehrling eingestellt und besuchte die Abendschule.

Mit zwanzig Jahren wurde ich eingezogen. Am 22.6.1941, beim Überfall auf Russland, zählte unsere 8. Maschinengewehr- Infanterie- Kompanie 230 Mann. Als ich vor Moskau verwundet wurde, waren wir nach fast pausenlosem Einsatz an allen Fronten, noch 37 Mann. Bei einer Begegnung mit meinem besten Freund dauerte es lange, bis wir uns fragten: „Bist du es?“. Er sah nach diesen Erlebnissen aus, wie sein eigener Großvater.

Nach Straßenkämpfen in Dünaburg sahen wir am Stadtrand auf einem weiten Übungsgelände Kasernen. Kompanieweise griffen die russischen Soldaten uns an. Beim Vormarsch sah ich das erste Mal die Wirkung unserer schweren Maschinengewehre. Das ganze Schlachtfeld war bedeckt mit jungen Soldaten, die kaum bewaffnet waren.

Die „Rassengesetze“ waren in unserer Schule angeschlagen. Die jüdischen Mitschüler verschwanden und mussten einen Davidstern tragen. Geschäfte wurden geplündert, Synagogen brannten. Frau Mirschka bat um Lebensmittelmarken für eine jüdische Familie, die sie in ihrer Wohnung vor der Vernichtung bewahrte. In Russland und Warschau sah ich die geräumten und zerstörten Ghettos.

Erleichterung
In französischer Gefangenschaft, im Goldbachlager am Bodensee (ehem. KZ) mussten wir zum Lagerkommandanten, einem elsässischen Juden. Als ich eintrat, brüllte er: „Ssaggen Sie Heil Hitler“! Ich hab den Kopf geschüttelt. „ Stellen Sie sich in die Ecke – der nächste!“
Der grüßte mit  "Heil Hitler", wie es 10 Jahre Muss war und kriegte eine gewaltige Ohrfeige und wurde anschließend mit einem Ochsenziemer verprügelt.
So endete die Nazizeit mit einer Ohrfeige, wie ich sie zum Beginn vom neu eingesetzten
Rektor bei einer Schulfeier in der Aula gekriegt habe, weil ich den Hitlergruß als einziger verweigerte."



Oma Marianne berichtet: "Ich wurde am 8.1.1922 in Dessau geboren. 1933 war ich gerade 11 Jahre alt geworden. Meine Eltern waren Sozialdemokraten und regten sich sehr auf. Die Nazis als Regierung waren für uns beängstigend. In unserer Straße gab es Schießereien mit Kommunisten. Ich war verängstigt.

Mein Vater war Kaufmännischer Angestellter bei den Junkers - Flugzeugwerken. Es war eine normal bürgerliche Familie. Mein ältester Bruder war Praktikant bei Junkers, der andere 
kaufmännischer Lehrling bei der Sparkasse. Ich war in der Mädchen-Oberschule. 1940 machte ich mein Abitur. Es wurde immer unsicherer, politisch wurden wir wacher und sorgten uns sehr. Krieg war nun schon lange.

Ich hatte mich nach dem Abitur an der Staatlichen Akademie, Hochschule für Musik
in Berlin Charlottenburg angemeldet. Von April 1940 bis September 1940 war ich im Arbeitsdienst in Nienwalde bei Wittenberge. Wir hatten ein Lager im Dorf. Dort schliefen 50 Mädchen in einem Schlafsaal. Wir arbeiteten bei Bauern oder im Lager. Politisch war nicht viel los. Ich war froh, dass ich satt wurde, Tageslohn 25 Pfennig, Schuhe mitbringen.

Die Verfolgung der Juden: Erst erfuhr man dies und jenes. Mein Schockerlebnis war die so genannte Kristallnacht 1938. In der Straße meiner Großmutter war auf der Rückseitenstraße eine Schule für Judenkinder und um die Ecke eine schöne Synagoge. Ich war da unterwegs (16 Jahre alt) und alles ging in Flammen auf! Umliegende Geschäfte wurden geplündert,  zerstört, es war furchtbar! Von da an kam nun eine Nachricht nach der anderen, auch durch die Maßnahmen der Rassengesetze. Rückblickend weiß man nun alles. Damals erfuhren wir nur einiges und längst nicht alles, leider. 

September 1940 bis März 1945 lebte ich in Berlin, dort studierte ich 9 Semester Konzertpianistin. Ich hatte seit der Kindheit eine gute Ausbildung. Die Härte des wahnsinnigen Krieges von Hitler haben wir aushalten müssen. Wir durften bis zu den Prüfungen weiter studieren. Mein 5 Jahre älterer Bruder war im Russlandfeldzug verwundet worden. Er verlor dort 1941 im russischen Winter in „Afrikauniform“ ein Bein. Wir in Berlin sagten Juni 1941: „Ist denn der Hitler nun völlig wahnsinnig geworden?“ Ich hatte das Glück in einem guten Haus zu wohnen, es war das Haus der deutschen Zentrale der Inneren und Äußeren Missionen, Stadtteil Friedrichsaue. Vernünftige Leute, gute Gespräche. Ein viertes Stockwerk vom Haus brannte aus, man half sich und es ging weiter. Wir wollten nur leben.

Ich lernte meinen Mann im Februar 1945 kennen. Wir wollten bald heiraten. Sein Elternhaus, Bornholmerstraße, wurde zerstört. Er wohnte in unserem Gartenhaus und wir konnten die Eltern im großen Haus unterbringen. Wir brachten unser Studium zu Ende. Er ist Flötist, sein Professor Scheck riet ihm, wenn es ganz schlimm wird, sollten wir abhauen. Der Professor kannte eine Adresse in Überlingen, wo uns Leute aufnehmen würden. Wir heirateten am 9. März 1945 bei Tagesangriffen. Meine Eltern konnten nicht dabei sein. Zwei Tage zuvor wurde Dessau bombardiert, wobei meine verehrte Großmutter in ihrer Wohnung verbrannte. 

Mein Mann sagte: "Nichts wie weg aus Berlin." Seine Eltern wollten nach Hamburg zurück zur Heimat seiner Mutter. Wir sind dann Ende März 1945 auf abenteuerliche Weise ( 3 Tage lang ) nach Überlingen gekommen. Mein Wunsch für unsere große Familie: Frieden."

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