Dieser Eintrag stammt von Katharina Gerotzke (*1990)

Erlebnisse aus der Zeit des 2. Weltkrieges

Interview mit Erika S. (*1932)

Hitlerjugend

Mit 10 Jahren kamen Jungen und Mädchen in die Hitlerjugend.
Einmal in der Woche war Erscheinungspflicht. In der Erinnerung hat mir die Gemeinschaft gut gefallen. Es wurde gebastelt, gehandarbeitet und viel gesungen. Natürlich gab es auch politischen Unterricht, der bei mir aber keine Rolle spielte. 

Wettkämpfe der HJ

In jedem Sommer wurden Wettkämpfe durchgeführt, wobei man sich bei guter Leistung ein Sportabzeichen an die Weste heften durfte.
Für mich war die Körperertüchtigung (Sport) das Schönste. 

Schule
Immer häufiger kam es vor, dass wir im Winter nicht zur Schule konnten, weil wir keine Schuhe oder Stiefel hatten. Entweder waren sie zu klein geworden oder wenn man endlich Glück hatte, bekam man in der Tauschzentrale Stiefel, die sich beim ersten Schneefall auflösten. So war es bei mir. 
An einem Morgen ging ich mit den Stiefeln meines Vaters zur Schule. Zwar waren die Stiefel viel zu groß, dafür aber mit Zeitung ausgefüttert. Kalte Füße hatte ich weniger, denn es waren noch gute Stiefel.
In den Jahren 1944/45 gab es in der Schule eine deutsche und eine englische Speise. Diese unterschieden sich dadurch, dass die deutsche Speise für unterernährte Schüler aus kinderreichen Familien war. Zudem war sie abwechslungsreicher und gehaltvoller. Ich nahm an der englischen Speisung teil. Mit einem sogenannten Kochgeschirr, das war eine ovale Blechdose, gingen wir am Ende der Unterrichtsstunden auf den Flur und holten uns eine Portion Sojabohnensuppe. Wir nannten sie damals „Kekssuppe“. An gekochte Nieren kann ich mich auch noch erinnern. 
Ab 1944 kam dann noch ein 3jähriger Konfirmandenunterricht dazu.
Zweimal in der Woche hatten wir Unterricht. Das 3. Konfirmandenjahr kam zustande, da noch 2 Väter in Gefangenschaft waren und somit der Pastor uns nicht konfirmieren wollte.

Ein schwerer Schicksalsschlag

Die folgende Geschichte kann meine Großmutter bis heute nicht vergessen: 

1943 starb meine Mutter nach halbjähriger schwerer Krankheit. Zur Beerdigung kam mein Vater für einige Tage auf Sonderurlaub von der Front.
Er wäre vom Wehrdienst freigestellt worden, hätte er sich bereit erklärt, in die NSDAP einzutreten. Dies hatte er abgelehnt und so musste er am Tag nach der Bestattung wieder an die Front. Da ich noch zwei kleinere Geschwister hatte, war für mich die Kindheit beendet. Ich war 11 Jahre alt. Ab dieser Zeit wurde alles anders. Wir lebten weiterhin in unserem Elternhaus und wurden von unseren Großeltern versorgt, die nebenbei noch einen Gemüsebetrieb führten. Meine Aufgaben waren nun Hausarbeiten und der tägliche Einkauf. Damals gab es die Nahrungsmittel nur auf Lebensmittelkarten. Um meine kleineren Geschwister hatte ich mich ebenfalls zu sorgen. Meine schulischen Leistungen wurden zusehends schlechter.
Ich vermisste sehr den Klavierunterricht.  Aber dafür fehlte mir die Zeit. Zudem war ich noch im Kirchenchor. Das hieß, am sonntäglichen Gottesdienst teilzunehmen. Außerdem wurde bei Trauerfeiern und Hochzeiten gesungen. Für mich war das Singen eine gute Abwechslung.