Dieser Eintrag stammt von Gertrud Zander
(geb. am 20.12.1930 in Poznan (Posen) in Polen)

Wie ich den Kriegsanfang erlebte

Am 1. September 1939 war ich 8 Jahre alt. An dem Tag brach der 2. Weltkrieg über uns herein und in der Nähe meines Elternhauses fielen die ersten Bomben. Die Erinnerungen greifen nach mir....Ich bin ein kleines Mädchen, das viele Dinge noch nicht verstehen kann. Ich lebe mit meinen Eltern und den 3 Brüdern als Deutsche in Polen. Mein Vater ist wegen seiner Lungentuberkulose immer wieder im Sanatorium. Aus beengten Wohnverhältnissen ziehen wir 1936 um in ein schönes Zweifamilienhaus, und mein Vater richtet dort für meine Mutter einen Kolonialwarenladen ein. Sie soll versorgt sein, wenn er stirbt.

Mit meiner Freundin Stanka gehe ich häufig zum Friedhof, der in unserer Nähe ist. Wir spielen "Fangen" zwischen den Gräbern und wenn eine Beerdigung ist, mischen wir uns unter die Trauernden und ich weine schon 'mal auf Vorrat für meinen todkranken Tata. Es gibt viele Deutsche in Poznan. Jeden Sonntag gehen wir in die ev. luth. Kirche zum Gottesdienst und auch sehr oft in das große Deutsche Vereinshaus. Wir besuchen die deutsche Volksschule und müssen auch Polnisch lernen, aber einige polnische Kinder, die es in unserer Schule gibt, müssen auch deshalb Deutsch lernen.

 Eines Tages, ich glaube Anfang 1939, dürfen sie nicht mehr in unsere Schule kommen. Sie haben polnische Namen und Herr Gawoszewsky, der bucklige Freund meiner Eltern sagt, die Deutschen wollen sich rächen. Es hat einen "Bromberger Blutsonntag" gegeben. Mutter schickt uns immer aus dem Zimmer, wenn solche Dinge zur Sprache kommen.

Am 1. September höre ich sie schreien: "Krieg, Krieg, es ist Krieg, schnell in den Keller!" Meine 3 Brüder, unser Hausmädchen Ira und die Familie Wegner, die über uns wohnt, wir alle drängeln uns in den Raum, in dem unsere riesige Wäschemangel steht. Zwei große Körbe mit Butterbirnen müssen zur Seite geschoben werden. Gestern sind wir Kinder auf den Baum geklettert und haben sie gepflückt. Die Birnen duften köstlich, sind butterweich und der Saft läuft uns aus den Mundwinkeln. Einige Male kracht es in unserer Nähe, dann ist es still. Wir laufen raus und sehen ganze Kolonnen von verängstigten Menschen mit vollgepackten Bollerwagen in Richtung Warthe-Wiesen ziehen. Sie wollen lieber im Freien sein, wenn die Bomben fallen. Frau Wegner weint. Ihr Mann ist Pole und arbeitet im Ministerium. Sie fürchtet, dass er verhaftet wird, wenn die Deutschen das Land besetzen. Mutter beruhigt sie: "Nun fürchten Sie sich doch nicht, unser Führer ist doch kein Unmensch!"