Dieser Eintrag stammt von Jenny Giesler (*1988)

Meine Jugend zu Zeiten der Not

Ergebnisse eines Interviews mit Frau G. Hermann (*1936)

Wir schreiben das Jahr 1939, der zweite Weltkrieg war angebrochen und das, obwohl man doch eigentlich vom ersten Weltkrieg gelernt haben sollte!
Es ging doch schon hoch her in Deutschland, wie sollte es auch anders sein, denn die Nazis sorgten schon dafür, dass alle an ihrem Glauben an das Gute an Hitler und dem Krieg festhielten.
Niemand hatte wohl daran geglaubt, dass Hitler bei dem Versuch der deutschen Nation Ehre und Ruhm zu bringen einen Weltkrieg anfangen würde und das auch noch mit voller Absicht und „gesundem“ Bewusstsein.

Das jedoch geschah alles vor der Zeit, in der ich begreifen konnte, dass der Krieg etwas ist, in dem es ganz einfach keine Gewinner geben kann - und das lernte ich schon früh!
Ich lebte mit meiner Familie mit dem gewöhnlichen Arbeiterstatus und bekam weiterhin nur geringfügige Kleinigkeiten vom Krieg mit.
Meine Eltern waren beide nicht sehr politisch engagiert und mein Vater, der am Hafen arbeitete, wurde nicht eingezogen, also musste ich glücklicherweise nie erfahren, wie es sich anfühlte, um das Leben seines geliebten Vaters zu bangen.

Das bittere Erwachen kam schließlich, als ich sechs war, also dann doch schon relativ früh.
Es war bei dem Bombenhagel 1943 über Hamburg, meine Familie verlor alles.
Das, was uns blieb, war unser Leben. Die nötige Hilfe fanden wir mit anderen Opfern in der Kirche, die uns vorläufig einen Unterschlupf bot, außerdem bekamen wir etwas zu essen und Kleidung. Ich weiß noch genau, wie ich einen wirklich wunderschönen Pelzmantel mit Kragen für den kalten Winter bekam. Das nützte mir allerdings auch nichts, da wir ein paar Jahre in Nissenhütten leben mussten, worunter man sich kleine Häuschen aus Wellblech zusammengeschustert vorstellen muss. Dort sah man tagtäglich das Elend, das man selbst gerade noch als schweres Schicksal erlebt hatte.

Später zogen wir in die Fahrstraße nach Wilhelmsburg, eine reine Arbeitergegend, in der ich viel Lebenserfahrung sammeln sollte. 

Einmal war ich gerade auf dem Heimweg, als die Sirene losging, die einen Bombenanschlag ankündigen sollte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, denn von meinem Zuhause war ich noch weit entfernt, als etwas wirklich Unfassbares zu einem Teil meiner Lebensgeschichte wurde.
Ein Motorrad kam von hinten an mich herangesaust, der Fahrer packte mich einfach und setzte mich hinter sich auf sein Motorrad. Genau in dem Moment, als die Bombe abgeworfen wurde, lagen wir geduckt in einem schützenden Graben.

Außerdem musste ich insgesamt drei bis vier mal die Schule wechseln, und das war weiß Gott nicht einfach. Der Grund dafür war, dass man einen Bombenanschlag auf die Bunker, die direkt neben der Schule lagen, vermutete. Die Vermutung wurde allerdings nie zur Realität.

Wahrend ich noch zur Schule geschickt wurde, ging meine Schwester in den „Bund deutscher Mädchen“. Ich selbst wurde auch dort angemeldet, musste aber nie tatsächlich hingehen.
Irgendwann in der Zeit wurde die Deutsche Mark eingeführt und jeder bekam Vierzig Mark von der Regierung ausgezahlt, damals war das schon mein späterer Monatslohn.

Ich hatte erst versucht als Blumenbinderin oder in einem Lebensmittelgeschäft zu arbeiten, doch das war vergebens. Sie konnten mich nicht ausbilden.
Um so glücklicher war ich 1952 über die Arbeit, die ich bei einem Bauern gefunden hatte, bei dem ich dann auch wohnte. 

Die Arbeit machte mir wirklich Spaß und noch heute denke ich gern an diese Zeit zurück.