Dieser Eintrag stammt von Lasse Grüneberg

Wissen und Unwissen über KZs

Interview mit Ernst Wulff  *1932

Ich kann mich noch gut an die Leute erinnern, die damals in Massen an unserem Haus vorbei gingen. Nur hat es mich damals nicht so interessiert. Ich weiß noch, wie ich meine Mutter einmal gefragt habe. 
Sie sagte nur, dass es Arbeiter wären, die unterwegs zur Arbeit waren. Damals war es üblich, das hinzunehmen, was die Eltern sagten und nicht groß nachzufragen. 
Als ich dann zur Schule ging, verstand ich auch langsam, dass diese Leute keine Arbeiter waren. Es waren Juden.
Am Anfang sagte uns das natürlich nicht viel, nur dass diese Leute alle Verbrecher waren und uns Deutschen Schaden zufügen wollten. Dies stimmte natürlich nicht, es wurde uns aber so vermittelt. Wir glaubten es, genau wie alle anderen, ob Kinder oder Erwachsene.
Wo es ging, wurden die Juden schlecht gemacht und als minderwertig bezeichnet. Es wurde jedem Kind regelrecht eingehämmert. 
Viele meiner Freunde waren damals Juden und plötzlich hieß es: „Lass dich nicht mehr mit ihnen ein!“. 

Gewusst von den Konzentrationslagern hat jeder. Es hat auch jeder gewusst, dass die Juden dort hingebracht wurden. Es war vielen aber nicht bewusst, wie schrecklich es dort wirklich zuging. Die meisten dachten so wie ich, oder, dass die Juden dort hingeschafft wurden, damit sie sich nicht mehr überall einmischen konnten, wie Adolf Hitler es sagte, oder vielleicht im schlimmsten Falle dort arbeiten sollten. Die meisten hätten nie gedacht, dass solche schlimmen Dinge vor sich gehen.
Später hat man zwar die Gerüchte gehört, aber es wurde immer gesagt, das gehöre zur Propaganda des Feindes. Als ich dann damals zum ersten Mal das gesamte Ausmaß erfuhr, weiß ich noch, dass ich das für einen Witz hielt. Ich habe mich gefragt, wie es sein kann. Die Zahl der Opfer war so hoch, dass ich sie kaum kannte. Ich fragte mich, wie ein Land dazu fähig war. 

Heute verurteile ich die Politik und die Einstellung Hitlers!
Heute verstehe ich auch, was für schreckliche Sachen geschehen sind!

Entbehrungen nach dem Krieg

Ich weiß noch, dass wir nach der Kapitulation nicht die Häuser verlassen durften. Man sagte uns damals, dass es zu gefährlich sei, weil man nicht wusste, ob die Kämpfe vorbei waren. Man konnte sich ja nicht sicher sein. Außerdem habe ich von meiner Mutter dann auch noch erfahren, dass viele Leute ihre Häuser räumen mussten, um zum Einen sicher zu gehen, dass sie keinem deutschen Soldaten Unterschlupf bieten konnten und zum Anderen um als Herberge für die alliierten Besatzungsstreitkräfte zu dienen. In den übriggebliebenen und stehen gebliebenen Häusern, wurden die Leute aufgenommen, deren Häuser bis auf die Grundmauern zerbombt waren, und deren komplettes Hab und Gut zerstört wurde. Ich erinnere mich auch noch gut, dass der erste Winter nach dem Krieg fürchterlich kalt war. So kalt hab ich es nie wieder erlebt. Wir hatten bestimmt minus 25 Grad am Tage. Mit dem knappen Essen und der extremen Kälte wurde es für die meisten ungeheuer schwer. Auch uns erging es so, da mein Vater früh im Krieg starb. 

Das müsst ihr euch alle mal vorstellen. Es gab nicht genug Plätze zum Wohnen und Schlafen, nicht genug zum Essen und auch nicht genügend warme Kleidung und das bei so einem strengen Winter. Am schlimmsten war aber trotzdem der Hunger, da es kaum noch etwas zu kaufen gab. Wenn wir Glück hatten, haben wir vielleicht mal etwas Essbares von den Besatzungsmächten bekommen. Ich weiß noch, wie meine Mutter jeden Tag einen anderen Soldaten gefragt hat, ob er nicht vielleicht etwas entbehren könnte oder tauschen wollte. Meine Mutter hatte immer ganz tolle selbst eingemachte Nahrungsmittel.

Ich erinnere mich auch noch an einen kleinen Garten, den wir angebaut haben. Nur so war es möglich, nicht zu verhungern. Außerdem lieh mein Bruder sich auch manchmal ein Fahrrad beim Nachbarn, damit er zu unserer Tante fahren konnte. Denn sie besaß einen eigenen Bauernhof und hatte es nicht so schwer wie wir anderen und konnte uns deswegen oft Essen geben, um uns zu helfen. 
Wir Kinder trugen unseren Teil dazu bei, indem wir alles sammelten, was vielleicht noch von Nutzen sein könnte.
 
Wenn wir von einem Nachbarn erfahren haben, dass ein Zug mit Kohlelieferung an unserem Ort vorbei fuhr, haben wir Kinder uns getroffen und sind heimlich auf den Zug geklettert. Einer ist rauf geklettert und hat Kohlen herunter geschmissen. Wir Kinder standen um die Bahngleise und haben die Kohlen aufgehoben. Unsere Mütter haben sich riesig gefreut, denn so hatten wir ein wenig Wärme in unseren Wohnzimmern.

Wir haben auch ein eigenes Handwerksgeschick entwickelt, was zu dieser Zeit wertvoller war als alles andere. Der eine konnte dies bauen, der andere wieder das reparieren, und so halfen wir uns alle gegenseitig. Man konnte ja nicht wählerisch sein und Teamgeist war sehr wichtig.
Das war alles sehr schlimm damals.
Den ganzen Tag suchten Leute ihre Familienmitglieder oder Freunde und es war einfach furchtbar. Um so mehr bin ich froh, dass meine Familie weitgehend verschont blieb.

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