Dieser Eintrag stammt von Sven Guse *1989

Oma und Opa berichten über die Zeit vor dem Krieg

Interview mit Heinz *1928 und Gisela L. *1930

Wir lebten in einer kleinen Stadt, namens Wehlau in Ostpreußen in einfachen, bis mittelständischen Verhältnissen. Eigentlich war die Zeit vor dem Krieg ganz schön und die Schule hat Spaß gemacht, denn es wurden auch viele Schul- und Sportfeste von den Lehrern organisiert.
Bevor die Schule begann, mussten sich alle Schüler auf dem Pausenhof treffen, um das Deutschland-Lied zu singen. Auch mussten wir bevor dann die erste Stunde begann, jeder einen Esslöffel Lebertran trinken. Es schmeckte uns allen abscheulich, aber der Gesundheit zu Liebe, mussten wir es zu uns nehmen.

Wir waren ca. 30 Kinder in der Klasse. Jungen und Mädchen wurden getrennt unterrichtet, sogar der Schulhof wurde durch ein großes Gitter getrennt.
Zum Unterricht gehörte bei den Mädchen auch das Kochen, denn für die Arbeitslosen wurde jeden Tag Essen ausgegeben.

Die Lehrer legten sehr viel Wert auf Sport und Disziplin. Wer im Sport gut war, hatte gute Chancen bei den Lehrern. Betrat der Lehrer die Klasse, mussten alle aufstehen und grüßen.
Sobald man allerdings den Unterricht störte, konnte man damit rechnen, dass man Schläge mit dem Rohrstock bekam oder der Lehrer mit Kreide schmiss.

Ich empfand es als sehr ungerecht, dass die besseren Schüler Englischunterricht bekamen und in den ersten Reihen sitzen durften, während die schlechteren Schüler nur Deutschunterricht bekamen und in den hinteren Reihen sitzen mussten.

In dieser Zeit gab es keine Fernseher und natürlich auch keine Computer. Abends wurde in der Familie Hausmusik gemacht. Wir haben viele Lieder gesungen, Spiele gespielt oder es wurde vorgelesen. Wir gingen oft in die Bücherhalle, um uns Bücher auszuleihen, denn wir hatten kein Geld, um uns welche zu kaufen. In der Freizeit wurde viel geangelt, wann immer sich die Möglichkeit dazu ergab. Es wurde viel Spielzeug selbstgebaut. Mein erstes und einziges war ein kleiner Holzkasten mit vier Rädern, der als Puppenwagen diente und den mein Vater mir gebaut hatte. Auf der Straße spielten wir Völkerball, Fußball und Kippelkappel. Oft wurde auch Himmel und Hölle gespielt und im Winter sind wir auf dem Eis geglitscht.

Wer konnte, legte einen Nutzgarten an, in dem man Kartoffeln, Bohnen, Erbsen, Tomaten, Gurken und Kohl anbaute. Nach der Ernte der Bauern sind wir Kinder auf die Felder gelaufen und haben nachgestoppelt, dass heißt, wir haben das übrig gebliebene Getreide eingesammelt und unsere Eltern haben es zu Mehl gestampft. Außerdem haben wir die nicht geernteten Kartoffeln ausgegraben. In der Familie meiner Freundin, gab es Tag ein, Tag aus, morgens, mittags und abends Steckrüben. Entweder gestampft, gestiftelt, in Scheiben geschnitten usw. Sogar als Pausenbrot gab es Steckrüben mit in die Schule.

Wir hatten einen Kamin, und so mussten wir oft im Winter in den Wald gehen und Reisig sammeln, um ein Feuer zu machen. Oft sind wir auch auf Züge geklettert und haben Kohle von den Wagons geklaut.

Jegliche Kleidung konnte man in einem kleinen Judenkaufhaus kaufen, aber es wurden auch sehr viele Kleidungsstücke durch nähen, stricken und häkeln selbst hergestellt. Alte Pullover wurden aufgereppelt und neu gestrickt.

Die Nachbarschaft wurde gepflegt und man half sich gegenseitig. Wenn man krank wurde, half man sich oft mit Tee, Salben, Tinkturen usw. Der Zahn- und der Hausarzt kamen einmal im Jahr zur Kontrolle. Die Geburten fanden meistens zu Hause statt, wo oft eine Hebamme zugegen war.

Die Kaufhäuser und Geschäfte wurden meistens von Juden betrieben. Sie waren sehr nett und gaben den Ärmeren Kredite und ließen sie anschreiben, während die Reicheren mehr bezahlen mussten. Als Kinder bekamen wir immer Bonbons geschenkt, worüber wir uns immer sehr freuten.

Später kam ich in den BDM (Bund deutscher Mädchen). Dort wurden sehr viele Ausflüge, Picknicks und Heimatabende mit Volkstanz veranstaltet. Wir empfanden das nicht als Last, sondern als sehr schön und hatten dadurch immer etwas vor. Dadurch gab es ein starkes Gemeinschaftsgefühl. 

Als Hitler die Macht ergriff, waren wir alle sehr ängstlich. Die SPD war gegen die NSDAP und hat Aufstände veranstaltet, unter anderem Molkereien gestürmt und die Butter in die Menschenmenge geworfen. Motorräder wurden für den Krieg konfisziert und wer sich weigerte, wurde verhaftet. Die Frauen mussten für das Militär Strümpfe, Handschuhe und andere Kleidung herstellen und später in Munitionsfabriken arbeiten.

Man bekam, ob arm oder reich, Lebensmittelkarten zugeteilt. Jeder Bürger durfte nur eine bestimmte Menge an Lebensmitteln zur Verfügung haben.

Den Hitlergruß empfand ich als Kind sehr störend. Man durfte ihn nie vergessen, wenn man wichtige oder angesehene Personen traf. 

Die Männer wurden zum Militär eingezogen, aber mein Vater nicht, denn er wurde von der Reichsbahn im Ort gebraucht.

Durch das Interview wurden meine Großeltern sehr an die alten Zeiten erinnert und auch für mich war es sehr bewegend ihnen zuzuhören.

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