Dieser Eintrag stammt von Hannah Ahrens (geb. 1994)
"Ich, heute Oma Gerda, 81 Jahre, erzähle"

Gerda Ahrens, geb.: 25.4.1931

Wir, das heißt meine Mutter, mein Vater und ich wohnten in einer Mietwohnung. Mein Vater fuhr jeden Tag mit dem Motorrad zur Arbeit. Jedes Wochenende kam er mit 50 Reichsmark in der Lohntüte nach Hause. Dann wurde ich zum Krämer geschickt und musste für uns zehn Scheiben Aufschnitt und für meinen Vater eine Flasche Bier holen. Einmal durfte ich sogar eine Melone kaufen, was damals etwas ganz Besonderes für uns war. Doch so einen Luxus konnten wir uns nicht immer leisten. Abends gab es dann normalerweise einfache Leberwurst auf Margarinebrot.

Am 1. April 1937 kam ich zur Volksschule und meine Eltern hatten inzwischen ein Haus gebaut. Als wir dort einzogen, durfte mein Vater nur ganze sechs Monate bei uns bleiben, denn dann begann der Krieg und er wurde als Soldat eingezogen. Ich habe meinen Vater in den nächsten acht Jahren ganz selten gesehen, aber er schrieb, wenn er konnte. So fuhr ich jeden Tag zur Post und fragte: "Hat mein Papa geschrieben?" Doch schon bald mochte ich dies nicht mehr fragen, denn der Mann von der Postbotin war gefallen und sie bekam ja schließlich auch keine Post mehr.
eine Mutter hat während des ganzen Krieges den Gemüsebaubetrieb ihrer Schwiegereltern unterhalten. Das war alleine nicht zu schaffen. So hatte sie anfangs einen zivilpflichtigen Belgier, später Kriegsgefangene Polen und Russen zur Hilfe.
Mittlerweile durfte ich schon in den BDM (Bund Deutscher Mädel) eintreten. Ich fand das toll.
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Wir bekamen eine Art Uniform; weiße Bluse, dunkler Rock. Leider durften wir im ersten Jahr noch keinen Lederknoten tragen, das kam erst später.
Nun hatten wir Diensttage mit Sport, Spiel und Gesang. Wir musste jedoch auch arbeiten für das Volk und "unseren Führer". Wir mussten Blätter von Brombeeren, Himbeeren und anderen Sachen pflücken, auf Draht ziehen und trocknen lassen. Später wurden dann diese Blätter zu Tee verarbeitet.

Mittlerweile durften wir im BDM einen Lederknoten und eine Kletterweste tragen. Beim Sport trugen wir Wettkämpfe aus, wobei ich die meisten Punkte erreichte und zur Sportwartin ernannt wurde. Ich war ganz schön stolz!

Doch so schön war das dann doch nicht immer. Eines Tages erzählte mir meine Mutter, dass jeden Tag eine Gruppe von Männern auf der Straße neben unserem Land vorbeigeführt wurde. "Der eine Junge sieht so elend aus, als wenn er bald umfällt," sagte sie. Meine Mutter war eine sehr resolute Frau. Am nächsten Tag schmierte sie ein dickes Butterbrot und wollte es dem hungrigen Mann in die Hand drücken, als plötzlich ein Wachmann auf sie zuschoss und drohte und schimpfte, sie solle verschwinden, sonst würde er sie verhaften. Meine Mutter war sehr erschrocken und dort wurde uns zum ersten Mal klar, dass dies keine normalen Kriegsgefangenen sein konnten.

Der Krieg ging immer weiter. Fast jede Nacht gab es Fliegeralarm. Deswegen mussten wir am nächsten Tag statt um 8 Uhr erst um 10 Uhr in die Schule. Kaum in der Schule angekommen, wurden die Hausaufgaben in aller Eile nachgeschaut und neue aufgegeben, denn oft kam es vor, dass die Sirenen vor einem möglichen Fliegerangriff schon um elf Uhr heulten und wir mussten sehen, dass wir schnell nach Hause kamen.

Ganz schlimm war es 1943, wo Hamburg bombardiert wurde. Es war einfach nur schrecklich. Viele Überlebende kamen zu uns auf die Dörfer. Auch wir nahmen die Leute bei uns auf. Unser Haus war rappelvoll. Sogar in der Waschküche schliefen welche. Ich kann mich noch sehr gut an einen älteren Herrn erinnern, der jeden Tag in die Stadt fuhr und dort nach seiner Tochter und seinem Enkelkind suchte, doch er kam jeden Abend trauriger zurück. Er hatte sie nie gefunden. Sie waren in dem Inferno verbrannt.

Mit den Lebensmitteln wurde es auch immer knapper. Es wurden Lebensmittelkarten ausgeteilt und alles rationiert. Zum Glück war es bei uns auf dem Dorf nicht ganz so schlimm, denn wir konnten ja Kartoffeln und anderes Gemüse anbauen. Füär die Leute in der Stadt hingegen war es schrecklich. Damals begann die Zeit des "Hamsterns". Die Leute aus Hamburg kamen mit der Eisenbahn und boten ihre Wertsachen gegen Essen an. Da gab es manch traurige Geschichten. Ich erinnere mich noch genau daran, als eine Frau mit einem relativ gut erhaltenen Paar Lederschuhe zu uns kam. Sie brauchte diese nicht mehr, denn ihr Sohn, dem die Schuhe einst gehörten, war in Russland gefallen. Wir weinten alle zusammen. Meine Mutter gab den Leuten immer das, was sie erübrigen konnte, doch mancher Bauer bei uns in der Gegend machte ein wahres Geschäft daraus, denn sie gaben ihren Speck und Wurst, die sie illegal herstellten, nur für Gold raus. Noch heute schäme ich mich für die Leute, die die Armut der anderen ausgenutzt haben. Aus dieser Zeit kommt auch der schlechte Ruf des geizigen Bauers.

Die Ausbombung von Hamburg machte sich selbst in der Schule bemerkbar.
Wir waren jetzt über 40 Kinder in der Klasse.

Gott sei Dank bekamen wir einigermaßen regelmäßig Post von meinem Vater. Er machte sich viele Sorgen um uns, und das auch mit Recht! Eines Nachts schlug ganz in der Nähe eine Luftbombe ein. Meine Mutter und ich wollten gerade in den Keller gehen, als der ungeheure Luftdruck uns umriss. Wir fanden uns in der Küche liegend wieder. Wir hatten großes Glück, denn durch die Tür, wo wir eben noch durchgehen wollten, war ein großer Granatsplitter geflogen. Soweit Glück gehabt. Doch der Luftdruck hatte unser gesamtes Dach abgehoben, welches nun im Hof lag. Mein ganzes Bett lag voll mit Steinsplittern, also unbenutzbar.

Am nächsten Tag kam eine ganze Kolonne russischer Kriegsgefangener und räumte alles auf. Meine Mutter erkannte schnell, dass die Gefangenen sehr hungrig waren und kochte im großen Waschkessel eine kräftige Suppe mit allem, was zur Verfügung stand. Die Russen waren so dankbar.

Die Not macht erfinderisch! Die Polen und die Russen liebten Schnaps. Sie bauten sich in unserem leeren Schweinestall ein Gerät zum Schnapsbrennen und saßen dann dort abends zusammen. Somit war der Grundstein zum späteren Tauschhandel gelegt. Schnaps gegen Stoff und anderes.

Gegen 1945 kam die Zeit meiner Konfirmation. Doch wie wollte man sie feiern? Kleiderstoff für das Prüfungskleid und das Konfikleid wurden gegen Schnaps getauscht. Meine Tante, die nach der Ausbombung auf einem Bauernhof in Bayern lebte, schickte uns für zu klein gewordenes Zeug von mir Butterschmalz zum Backen.

Am 18. März war es dann so weit. Am Abend davor hatten wir noch den alten Mistwagen von meinem Onkel sauber gemacht. Am Sonntagmorgen führen wir Konfirmanden, das heißt Hanna, Inge und ich mit dem Mistwagen los. Roger, der Kriegsgefangene Franzose, spielte hierbei für uns den Kutscher und so ging es ganz entspannt mit 1PS Richtung Kirche. Zum Glück hatten wir gutes Wetter.

In der Kirche fing das Ganze dann auch friedlich an, doch dies blieb nicht lange so, denn die Sirenen heulten schon wieder. Erst der Voralarm, dann der Flugalarm. Ich kann mich noch erinnern, wie Hanna Römmer vor dem Radio steht und die Nachrichten wiedergibt: "Es ist 12 Minutenwarnung! Es ist 6 Minutenwarnung! Es ist mit einem Großangriff auf Hamburg zu rechnen!" Pastor Leiser segnete uns und wer fertig war, sah zu, dass er nach Hause kam.

Zum Glück drehten die Flieger in Richtung Osten ab und Hamburg blieb verschont.
Ende Mai war dann endlich der Krieg zu Ende und mein Vater kam unversehrt wieder zu uns zurück.
Gott sei Dank!
schein

beleg