Dieser Eintrag stammt von Eva Harder (*1991)

Ergebnisse eines Interviews mit Frau Gisela Meier (*1934)

Flucht im Krieg und das Leben auf dem Lande

Wie haben Sie den Kriegsanfang miterlebt?

Ich war gerade 4 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann. Wir wohnten in Breslau und zum Glück gab es hier keine Luftangriffe.

Dementsprechend bekam ich nicht sehr viel davon mit. Doch ich kann mich daran erinnern, dass meine Eltern oft weinten, als sie erfuhren, dass viele junge Leute an der Front fielen. Ich fühlte mich trotzdem beschützt von meinen Eltern und hatte keine Angst.

Mein Vater war Bürgermeister von unserem Dorf. Er hielt nicht viel von Hitler, aber er hütete sich, das in der Öffentlichkeit zu sagen.

Doch eines Tages wurde er einfach abgeholt. Jemand aus der Nachbarschaft musste wohl Andeutungen oder sogar Behauptungen zu seiner Einstellung gemacht haben .Sie führten ihn unsere Straße hinunter. Ich saß zu Hause in der Küche, als meine Mutter sagte, ich solle ihm noch schnell sein Paar Schuhe hinterher bringen. Das tat ich dann auch. Ich rannte so schnell ich nur konnte und drückte ihm tatsächlich noch weinend die Schuhe in die Hand. Es war ein schrecklicher Moment. Ich kann mich noch daran erinnern, als wäre es gerade gestern gewesen.

Was hatte der Krieg für Konsequenzen für Sie?

Wir mussten flüchten, da uns unsere Mutter, wie viele andere auch, vor dem Krieg schützen wollte. Wir, das waren in dem Fall meine zwei älteren Schwestern, mein kleiner Bruder, meine Mutter und ich. Ich bewundere meine Mutter, wie sie das damals alles geschafft hat. Wir fuhren zu meiner Oma nach Huy-Neinstedt, mit Pferd und einem Wagen, der voll bepackt war.

Ich hatte nur einen kleinen Rucksack bei mir, in dem nur das Wichtigste eingepackt war. Ich weiß noch genau, was ich mitnahm: Eine kleine Geldbörse, meine Puppe, ein paar Bücher und heimlich, weil ich mich nicht davon trennen konnte, meine Lieblingskleidung.

Mit Pferd und Wagen kamen wir nicht weit, da die Brücken gesprengt waren, und so mussten wir fast alles zurücklassen, um mit Güterwagen weiter zu fahren.

In dem Güterwagen war es eisig kalt und es gab wenig Platz. Wir waren alle erleichtert, als wir die Fahrt heil überstanden hatten und nicht getrennt wurden, wie viele andere Familien.

Wie ging es weiter bei Ihrer Oma? War das Leben dort leichter?

Meine Geschwister und ich freuten uns sehr, dass wir zu unserer Oma fuhren. In dem Dorf gab es auch noch viele andere Flüchtlinge, die zu Bekannten geflohen waren. Es war eng und wir mussten zu zweit in einem Bett schlafen, aber das machte nichts. Doch nach ein paar Tagen war es dann auch genug und ich ging zu meiner Mutter und sagte, dass ich es zwar ganz schön fände, aber jetzt nach Hause wolle. Darauf antwortete meine Mutter traurig, dass wir nicht zurück könnten. Erst da begriff ich die ganze Situation.

Welche Eindrücke hatten Sie, als die Amerikaner kamen?

Wir haben die Amerikaner als sehr freundlich empfunden. Sie kamen in friedlicher Absicht und wir freuten uns riesig, wenn sie ab und zu ein paar Tafeln Schokolade über die Zäune warfen. Das war für uns etwas ganz Besonderes, weil wir natürlich keine Schokolade hatten. Manchmal wollten sie ein paar Eier haben, aber mehr auch nicht.

Was geschah danach?

Danach kamen die Engländer, aber das bekamen wir nicht sonderlich mit.

Anders war es bei den Russen:

Eines Tages war ein großer Anschlag am Schwarzen Brett, darauf stand, dass unser Gebiet in 24 Stunden von den Russen übernommen werden sollte und dass man den Ort nicht verlassen dürfe. Da hatten wir alle große Angst, denn wir hatten Schlimmes über die Russen gehört, unter anderem auch von Vergewaltigungen. Einige wollten fliehen, aber keiner wusste wohin.

Am nächsten Tag, als wir gerade beim Abendbrot saßen, hörten wir Rufe: "Die Russen kommen!". Meine Geschwister und ich rannten auf den Boden und guckten durch die kleine Dachluke. Da sahen wir Hunderte von Russen, die auf unser Dorf zumarschiert kamen. Es war beängstigend.

Es wurde viel geplündert und geschossen, meistens bei Nacht. Jeden Abend verbarrikadierten wir unsere Türen so gut wir nur konnten. Ich weiß noch, als damals - es war gerade Heiligabend - ein betrunkener Russe mit seinem Gewehr an die Tür klopfte, immer und immer wieder. Wir saßen alle zusammengekauert in einer Ecke und sagten kein Wort. Nach einer Weile ging er. Jedem fiel ein Stein vom Herzen.

An einem anderen Tag kam ein Deutscher und sagte, dass meine große Schwester, sie war damals 18, heute Nacht in die Scheune kommen solle, um dort Kartoffeln zu schälen. Meine Mutter hatte Angst um sie und so trug sie sich freiwillig mit in die Liste ein, um auf sie aufpassen zu können.

Haben Sie alle Russen so schrecklich empfunden?

Nein das habe ich nicht. Ich hatte das Gefühl, dass die Russen aus den Kampfgruppen die Plünderer und die Gefährlichen waren. Ich glaube, die anderen waren anständig und versuchten, Schießereien und anderes zu unterbinden.

Aber im allgemeinen muss ich sagen, dass es große Unterschiede zwischen den Amerikanern und den Russen gab. Vielleicht lag es daran, dass viele Deutsche vorher nach Amerika ausgewandert waren und es so eine gewisse Verbundenheit gab. So erkläre ich mir auch, dass Heidelberg im Krieg heil geblieben ist.

Wie war Ihr Lebensstandard? Mussten Sie hungern?

Wir hatten Glück auf dem Land zu leben, wo jeder einen eigenen Gemüsegarten und Acker hatte. So mussten wir uns um Essen nicht so viel Gedanken machen wie die Leute, die in der Stadt lebten. Generell denke ich, hatten es die Menschen in der Stadt schwerer, da sie viel mehr durch die starken Bombenangriffe verloren hatten. Viele von ihnen hatten kein Haus mehr und als ein eisiger Winter herein brach, mussten Tausende jämmerlich erfrieren. Zum Heizen sammelten wir Holz in den Wäldern in unserer Umgebung, da es keine Kohle gab.

Um Öl zu gewinnen, suchten wir Kinder Bucheckern, um diese dann von einer der Ölmühlen der Russen pressen zu lassen. Natürlich behielten die Russen immer einen Teil für sich, aber wir konnten es nicht ändern und es störte uns auch nicht. Die Hauptsache war, dass wir ein bisschen Öl hatten. Man kann es sich nicht vorstellen, aber es schmeckte lecker.

Wenn ich zur Schule ging, hatte ich immer ein kleines Brot mit Marmelade ohne Butter dabei. Dazu gab es einen Löffel Öl. Es schmeckte fantastisch.

Hatten die Kinder Spielzeug oder ähnliches?

Leider nicht. Wir waren mit dem zufrieden was wir hatten. Vor allem, dass wir uns hatten. Ich freute mich sehr, als wir zu Weihnachten eine Puppenstube aus Holz bekamen, natürlich selbst gemacht. Alles wurde verwertet. Als eines Tages Männer vorbei kamen und alte Munitionskörbe  brachten, wurden sogar diese komplett verwertet. Um die Körbe waren weiße, feste Bänder gewebt, die meine Tante dann mühevoll herausarbeitete, um daraus Hausschuhe häkeln zu können.

Wie erfuhren Sie vom Ende des Krieges?

Das Kriegsende erfuhren wir durchs Radio und durch die Nachbarschaft, denn diese Neuigkeit verbreitete sich schnell.

Auch später hörten wir oft im Radio Sendungen, in der Eltern oder Familienmitglieder ihre Kinder bzw. Verwandten suchten. Ich hatte dabei immer einen Kloß im Hals und war froh, dass wir – bis auf meinen Vater - alle zusammen geblieben waren. Das war das einzige, was für uns alle wirklich zählte. Wir konnten ein neues Leben beginnen.

Mein Vater kam erst 5 Jahre nach Kriegsende zurück, er war in Arbeits- und Konzentrationslagern gewesen. Von seinen Erlebnissen in dieser Zeit erzählte er uns nichts. Er hat sich psychisch davon nie wieder erholt. Es muss grausam gewesen sein.