Dieser Eintrag stammt von Hartwig Dube

Erinnerungen 1945/46

Als die Engländer in Hamburg einmarschierten, war ich neun Jahre alt. Vom einzigen in unserer Straße heilen Haus beobachtete ich, wie die Panzer über die Gehsteige, an den Panzersperren vorbei, durch unsere Straße fuhren. Die Kantsteine wurden vom Gewicht der Panzer in den Boden gedrückt. Es bestand Ausgangssperre, und außerdem sollte keiner am Fenster stehen. Wir haben trotzdem heimlich geguckt.

Alles kam zum Erliegen, auch der Schulunterricht. Das fanden wir Kinder natürlich prima. Doch es dauerte nicht sehr lange, da wurde in den ersten noch intakten Schulen der Unterricht wieder aufgenommen. Solange es draußen warm war, ging das ja auch, nur es kam ja der nächste Winter 1945/46. In den Klassenräumen war es kalt. Wir saßen mit den wenigen Winterklamotten und Handschuhen im Unterricht. Es gab nichts zu heizen. Auch zu Hause war es kalt. Wenn die Schule zu Ende war, ging ich in die vielen Ruinen und sammelte dort alles Brennbare. Einige Gehweg bestanden seinerzeit aus Schlacke, aus der ich kleine Stücke Koks sammelte, die dann im Kachelofen verfeuert wurden.

Auch zu essen hatten wir nicht viel, außer Steckrüben. Gekocht wurde, wenn die Gaswerke Gas lieferten. Strom war auch nicht immer vorhanden. Zur Sperrstunde (abends) saßen wir im Dunkeln oder, falls vorhanden, bei Kerzenlicht. Mein Vater war Glasermeister, hatte aber keine Werkstatt mehr. Also entschloss er sich, eine alte Garage auszubauen. Nötig waren dazu Steine, Sand und Zement. Die Steine besorgten wir aus den Trümmern. Und den Zement? Mit dem Hammer wurde der alte Restputz abgeschlagen. Meine Spielfreunde und ich verdienten uns damit Geld. Mein Vater zahlte mir einen Pfennig pro Stein. Für Eisenträger gab es eine Extraprämie. So hatten wir Kinder 1946 reichlich zu tun. 

Zum Spielen nach der Schule hatten wir nicht viel Gelegenheit, wenn doch, dann war "Messersteck" und "Kibbel-Kabbel" unser Zeitvertreib. Der nächste kalte Winter sollte folgen. Auf einem Sportplatz waren viele Menschen in Nissenhütten untergebracht, die aus Wellblech und nicht isoliert waren. Beim Steinesammeln entdeckte ich einen verschütteten Keller und öffnete ihn, indem ich die Mauer mit dem Hammer einschlug. Ich fand aufgestapelt Briketts! Notdürftig verschloss ich den Keller wieder und holte meinen Vater. Der kam mit einer "Schottschen Karre" und zwei Gesellen, um die wertvolle Fracht abzutransportieren. Eine "Schottsche Karre" war eine große Holzschubkarre mit 2 Eisen bereiften Holzspeicherrädern. 

Beim Transport bewaffneten wir uns mit Schlagstöcken; denn jeder brauchte Brennmaterial. In den benachbarten Nissenhütten waren Menschen erfroren. So verschwand nachts eine Kastanienallee. Mit Säge, Keil und Lehmann (großer Vorschlaghammer) wurden die Bäume gefällt. Wir Kinder standen "Schmiere" an den Straßeneinmündungen, falls die Polizei erscheinen sollte.

Auch die Eisenbahn zwischen Friedrichsberg und Barmbek war ergiebig. Dort wurde Bunkerkohle (große Steinkohlebrocken) transportiert. Die Bahnstrecke geht etwas bergauf. Die Schienen wurden von den "Großen" gefettet, so dass die Räder der Dampflok durchdrehten und der Zug langsamer wurde. Mutige rissen am Zugende die Ventile auf, so dass der Zug anhalten musste. Den letzten Dampf benutzte der Lokführer für die Dampfpfeife, um die Polizei zu alarmieren. Als erste erschienen daraufhin die dort wohnenden Menschen. Diese stürmten die Kohlewagen und rissen die Schotten auf. Beste Kohle fiel auf den Bahndamm. Es war der Selbsterhaltungstrieb, der uns zu unerlaubten Taten veranlasste. Die Menschen, die gefasst wurden, sind verurteilt worden und galten als vorbestraft. Ich kenne jedoch keinen, der später durch diesen Diebstahl auf die schiefe Bahn geraten ist.

Es gäbe aus dieser Zeit noch viel zu erzählen, beispielsweise das Hamstern bei den Bauern, der Schwarzmarkt und, und, und .....

Meine Lehre aus dieser verunglückten Jugend ist, dass ich mich über jede Neuanschaffung, über gutes Essen und Wärme in den Zimmern freue. Unseren Kindern konnte ich vermitteln, dass nichts selbstverständlich ist.