Dieser Eintrag stammt von Niclas Hartwig (*1989)

Erinnerungen, die mein Leben geprägt haben

Ergebnisse eines Interviews mit Frau Elisabeth Wallrau (*1929)

Mein Name ist Elisabeth Wallrau. Ich war 4 Jahre alt, als Hitler an die macht kam, also hab ich es nicht mehr recht in Erinnerung, aber ich habe sowieso nicht viel von alle dem mitbekommen. Wir wohnten in Rothenburgsort. Mein Vater war ein engagierter SPD-Mann. Er hatte nie viel von Hitler und den Nazis gehalten und machte nur den Hitlergruß, wenn er es musste, doch er hat sich immer angemessen verhalten. Als Hitler an die Macht kam, flog bei uns das Radio raus, denn mein Vater versuchte jeglichen Hitlerkontakt in unserem Haus zu vermeiden. Meine Eltern waren sehr vorsichtig mit dem, was sie sagten und vor uns Kindern (mir und meinem Bruder) redeten sie sowieso nicht oft über Dinge die mit Hitler zu tun hatten.

Als ich alt genug war kam auch ich in den Bund der Deutschen Mädchen (BDM), doch ich bin eigentlich nur selten hingegangen, da es mich nicht besonders interessierte. Einmal traf ich die Mädelführerin auf der Straße, sie stellte sich vor mich und nach einem kurzen Frage-Antwortspiel, bemerkte sie, dass ich nicht sehr interessiert an ihren Aktivitäten war. Sie schrie mich an, ich sei ja kein richtiges Deutsches Mädchen und wie ich überhaupt aussähe, so was von nicht Deutsch. Doch all dies lies mich total kalt, es bedeutete nichts für mich.

Mein Bruder kam in die HJ und später in die Wehrmacht. Später im Krieg fiel er und wir haben nie wieder was von ihm gehört. Als er noch in der HJ war hatte er 5 Freunde, mit denen er immer viel machte. Einer von ihnen war schon immer etwas komisch, er hieß Walter! An einem Freitag wollten mit ihren Fahrrädern zu den Elbbrücken, um dort zu Zelten. Sie hatten alles was sie brauchten dabei, unter anderem hatte jeder von ihnen ein Messer mit einem Halfter hinten am Gürtel. Doch an diesem Tag war Walter nicht dabei. Gerade als sie über die Elbbrücken fuhren ,wurden sie von einer Streife angehalten und durchsucht, wobei man natürlich ihre Messer fand. 
Wissen tu ich es natürlich nicht, aber ich vermute, dass Walter sie verraten hatte.

Als dann der Krieg einbrach veränderte sich nicht all zuviel für uns, wir gingen weiter zur Schule und lebten unser Leben, es änderte sich nur insofern etwas, als das wir bei Bombenalarm in die Schule gingen um uns in Sicherheit zu bringen. Und wenn der Alarm vorbei war gingen wir wieder nach Hause. Erst später als die Bombenangriffe wirklich auf uns zielten und uns fast trafen, wurde es ernst. Wir wurden in eine Art Bunkerkeller in einem Haus am Ende der Stadt gebracht, wo wir die Erschütterungen spürten, welche durch die Bomben, die auf unsere Stadt fielen wie Regen im Herbst, verursacht wurden. Nach einiger Zeit, als keine Bomben mehr fielen, wollten wir es wagen, herauszukommen, doch das ganze Gebäude stand in Flammen und brannte von oben bis unten lichterloh. Der Ausgang aus dem Keller war halb zugeschüttet von den Trümmern, die das Feuer verursachte. Ich weiß nicht wie wir es geschafft hatten da rauszukommen, ich weiß nur, dass wir es geschafft hatten. Als ich aus dem Keller ins Erdgeschoss kroch, welches in Flammen stand, versuchten alle vor mir und hinter mir aus dem brennenden Haus zu entkommen und auch ich rannte und wollte raus, doch es fiel mir schwer denn überall lagen irgendwelche schwarzen Gegenstände herum und erst als ich hinfiel und mit dem Gesicht ganz nah bei ihnen war erkannte ich was es wirklich war. Es waren keine Gegenstände, es waren verbrannte Leichen.


Draußen angekommen wurden wir gleich von starken Winden überrascht, welche durch die Feuer verursacht wurden, die überall in der Stadt brannten. Mehrere Male wurde ich zu Boden geweht und auch die Leute um mich herum gingen ständig in die Knie. Nach einer Weile blinden Laufens bemerkte ich das ich meine Mutter verloren hatte, ich guckte mich um und sah sie nicht. Es fuhr ein Fahrzeug des Roten Kreuzes vor und ein Mann und eine Frau stiegen aus und sammelten überlebende ein, so auch mich. Wir wurden zu einem Schiff gebracht, welches die Überlebenden aus der Gefahrenzone nach Lauenburg bringen sollten. Auf dem Weg zu unserem Ziel wurden wir mehrere Male von feindlichen Jägern aus der Luft angegriffen, doch wir erreichten unser Ziel.

In Lauenburg angekommen, fragte man mich, ob ich irgendeine Ahnung hätte, wo ich hin könnte, irgendwelche Verwandten oder Freunde von denen ich die Adresse kennen würde. Mir fiel tatsächlich ein Ort ein, wo ich hin konnte. Ein Freund von meinem Vater lebte in Neuhaus an der Elbe, wo ich schon einige Male zu gegen war. Man setzte mich in einen Zug der mich zu dem Freund meines Vaters bringen sollte. Dort angekommen fand ich meine Mutter vor die schon vor einigen Tagen dort angekommen war. Mein Vater kam erst nach ein paar Tagen, er war nach Rothenburgsort gegangen und hatte mich gesucht. Immer in der Hoffnung dass auch die nächste Leiche die er umdrehte nicht ich sei. 

Wir wohnten noch bis 1944 in Neuhaus an der Elbe, bis wir nach Tatenberg zogen. Dort stand eine Häuserreihe von fünf Häusern, und in einem wohnten wir 16 Jahre lang. 

Als ich 18 war fing ich eine Ausbildung als Bürokauffrau an und jeden Tag ging ich um die gleiche Zeit zu meiner Ausbildung. Und das erste Mal als ich so die Straße runter ging, kamen mir auf der anderen Straßenseite mehrere Frauen entgegen. Für mich sahen sie komisch aus. Sie hatten alte zerrissene Lumpen an, verdreckte Sandalen und waren total abgemagert. Neben ihnen gingen große, stämmige Frauen in Uniform. Ich fand das alles sehr merkwürdig. Als ich zurück nach Hause kam berichtete ich meinem Vater von meinem Erlebnis und fragte ihn was das für Leute gewesen sein!? Er sagte nur:“ Das geht uns überhaupt nichts an!“ Er sagte es nicht in einem drohendem oder ernsten Ton, nein im Gegenteil, er war irgendwie normal und meinte es fast glücklich. Erst heute weiß ich durch eine Ausstellung die ich gesehen hatte, das in der Nähe ein KZ war und die Leute, die ich gesehen hatte, KZ-Arbeiter waren. Vieles ist mir erst heute klar geworden was ich damals nicht verstanden hatte, aber ich werde all das nicht vergessen.