Dieser Eintrag stammt von Sabrina Hauel

Der Krieg

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Flocken (*1926)

Wenn es um die Politik ging, war sich die ganze Familie einig. 
Herr Flocken wurde mit 10 Jahren „Pimpf“ - HJ (Hitler Jugend). - Dieses war für ihn völlig normal, denn es war eine Staatsjugendpflicht, nach der jeder Jugendliche in die HJ eintreten musste.
In der Familie gab es keine Diskussionen darüber, da es selbstverständlich war, sich den Zeitverhältnissen anzupassen.
Seine Schwester trat dem BDM (Bund Deutscher Mädchen) bei. 

"Meine Familie war allerdings gegen den Weltkrieg"
Dies fiel auf, als 1938 während des Münchener Abkommens, (Treffen von Hitler, Mussolini, Chamberlain und Daladier in München) die Anspannung bei seiner Mutter sehr groß war. 
Am nächsten Morgen kam die Mutter außer sich vor Freude in Herrn Flockens Kinderzimmer gestürmt und rief "Es gibt keinen Krieg!" Da bemerkte Herr Flocken, welch eine belastende Angst vor einem möglichen Krieg sie bedrückte. 

Der Krieg brach allerdings doch aus.

"Man hatte Angst, von seiner eigenen Familie verraten zu werden"
Kurz vor Ausbruch des Krieges bekam Herr Flocken die ernsthaften Seiten von Hitlers Machtausübung zu spüren. Er durfte plötzlich nicht mehr mit den jüdischen Nachbarjungen spielen, da die Eltern Angst vor Unannehmlichkeiten hatten. 
Da er dies gar nicht verstehen konnte, fragte Herr Flocken eines Tages, was seine Eltern von den Juden halten würden. Als dieses Thema angesprochen wurde, erschraken Mutter und Vater. Es lag ein langes Schweigen in der Luft. Plötzlich antwortete seine Mutter, dass es böse und gute Juden gäbe. Im Widerspruch dazu hatte sein Lehrer behauptet, dass es nur böse Juden gäbe, was ihn verwirrte, da er bloß testen wollte, ob alle Erwachsenen gleich denken. 
Er betrachtete seinen Vater und konnte genau sehen, was in ihm vorging. Aus Angst von seiner eigenen Familie verraten zu werden, schwieg er. Herr Flocken fand es furchtbar, dass man vor seiner eigenen Familie Angst haben musste. Er bemerkte, dass dies ein Tabuthema war und brach, dank guter Erziehung, das Gespräch ab. 

"Ich habe mitbekommen, wie grausam der Hass gegen Juden war"
Das Thema, ob Juden böse oder gut seien, war allerdings erst mal vergessen. Im Oktober 1941 mussten seine jüdischen Nachbarn ihre Wohnung innerhalb von 24 Stunden räumen. Sie sollten sich am Dammtor versammeln und wurden dann nach Lodz (Polen) gebracht. 
Inzwischen weiß er durch Recherchen, dass die Familie ein Jahr später im KZ umgekommen ist.
Herr Flocken versetzte sich in ihre Lage und konnte nicht glauben, wie schlecht man Menschen behandeln kann.
Von da an begann er an den guten Seiten der Deutschen zu zweifeln. Jeder, der seine Zweifel zu erkennen gab, musste damit rechnen, deshalb zum Tode verurteilt zu werden. 

Verrat
Kurze Zeit später konnte er auch das Schweigen seines Vaters aus Angst vor Verrat verstehen.
Er hatte nämlich erfahren müssen, dass zwei Nachbarinnen das Gesetz mehr respektierten, als die Meinung der anderen. Kurz nach dem Attentat, das Stauffenberg erfolglos auf Hitler verübte, redeten sie über das Ereignis. Die eine hat gesagt, sie fände es gut, dass Hitler überlebt habe, da er dann nach dem Krieg zur Rechenschaft gezogen werden könne. Dies denunzierte (verriet) die Nachbarin. 
Die "Verräterin", dreifache Mutter und Frau eines Soldaten, wurde kurze Zeit später von der Polizei abgeholt und zum Tode verurteilt. Sie wurde im April 1949 (knapp drei Jahre später ) von den Russen befreit und konnte ihr Leben, wenn auch mit psychischen Schäden, fortführen. 

"Die Kriegsbegeisterung war im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg bei meiner Familie sehr gering" 
Als Herr Flocken alt genug war, wurde er 1943 Flakhelfer. Er ist dann 1944 zum Arbeitsdienst eingezogen worden und ist im Laufe dieses Jahres noch Soldat geworden.

Herr Flocken kämpfte im Krieg
Herr Flocken wusste nicht, wer Sieger des Krieges werden sollte. Wenn Deutschland siegt, würde er weiterhin Soldat bleiben müssen. Wenn die Alliierten den Krieg gewinnen würden, müsste Deutschland mit einer düsteren Zukunft rechnen. Je näher das Ende des Krieges kam, fürchtete Herr Flocken doch noch Opfer des Krieges im letzten Augenblick zu werden.

"Wir erlitten eine Niederlage"
Herr Flocken geriet für drei Jahre in amerikanische Gefangenschaft. Es dauerte über ein Jahr, bis eine Meldung zu seinen Eltern durchdrang und ein weiteres Jahr, bis diese zurückkam. 
Drei Jahre nach Kriegsende kehrte er nach Hause zurück. Er kann sich noch genau erinnern, wie es war, als der Mann seiner Schwester erst nach neun Jahren aus einem russischem Gefangenlager heimkehrte. Er war so verstört über das, was ihm in der Gefangenschaft widerfahren war, dass er darüber nicht reden wollte.
Im Nachhinein stellte Herr Flocken fest, dass keiner aus seiner nächsten Familie gefallen war.

Herr Flocken ist jetzt fast 79 Jahre alt und feiert nächstes Jahr seine Goldene Hochzeit.
Er sagt, dass er trotz Krieges und Gefangenschaft mit seinem Leben zufrieden sei, und dass er sein Leben so genossen hat, wie es war. Es gab gute, aber auch schlechte Zeiten, und genau diese waren es, die ihn so geprägt haben wie er ist.. 

Und eine solche Einstellung finde ich sehr bemerkenswert. – Sabrina Hauel (*1988)