Dieser Eintrag stammt von Sabrina Hauel (*1988)

Ein Leben unterm Hakenkreuz

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn Flocken (*1926    V2007)  

Ich habe das Thema "Familie" gewählt, da mir während des Interviews aufgefallen ist, dass Herr Flocken seine Familie sehr wichtig findet.
Er ist früher mit seinen beiden Elternteilen und drei Geschwistern in einer Etagenwohnung in Altona groß geworden. Da er allerdings der Jüngste war und seine Schwester sechs und sein Bruder vier Jahre älter waren, war er, während der Kriegszeit,  Einzelkind.

"Früher gab es mehr Arbeit als heute und somit auch weniger Arbeitslose"
Sein Vater ist auf dem Land aufgewachsen und hat,  Herr Flockens Meinung nach, viel härter für seine berufliche Karriere kämpfen müssen als er selbst.
Sein Vater hat seine Schulausbildung in einer zweitklassigen Dorfschule erworben, hat dann vier Jahre Tischler gelernt, war auf einer Bauschule, hatte eine praktische Tätigkeit im Baugewerbe. 1911 besuchte er ein einjähriges Lehrerseminar, bis er dann 1912 Berufsschullehrer für Tischler wurde. Diesen Beruf führte er sein ganzes Leben lang aus und krönte seine berufliche Karriere mit Lehrbüchern, die er selber schrieb. Seine Mutter machte eine Ausbildung als Haushaltungslehrerin. Als ihr Mann dann aber aus dem ersten Weltkrieg wiederkam, war sie nur noch Hausfrau.
Herr Flocken selbst beendete seine schulische Laufbahn mit einem Abitur, studierte danach Wirtschaft und Wissenschaft und konnte durch sein Abitur seinen Beruf als Handelsschullehrer leichter verwirklichen.

"Wir waren eine Familie, die sehr typisch für die damalige Zeit war"  
Seine Familie war eine national begeisterte und patriotische Familie, die aus einfachen Verhältnissen kam. Sie waren am Ende des ersten Weltkrieges sehr traurig, dass Deutschland verlor.
Herr Flocken kam aus "stabilen" Familienverhältnissen. Er erzählte mir, dass er der Meinung ist, dass "stabile" Familienverhältnisse dazu führen, dass man selbst besser in der Lage ist, solche Familienverhältnisse weiter zu führen - kennt man die Grenzen, kann man auch die seinen Kindern weitergeben.
Im Gegensatz zu heute gab es früher nie Diskussionen zwischen den Meinungen der Eltern und seiner eigenen Kinder, da man meistens die Meinung der Eltern vertrat. Man dachte nicht das Gleiche wie die Eltern, da man dies tun musste, sondern aus Liebe zu ihnen, da man ihnen vertraute, dass ihre Meinungen richtig seien. Dies, so sagt Herr Flocken, sei früher normal  gewesen.

"Nichts ist selbstverständlich.."
Wir sprachen über das gemeinsame Essen und über das Kochen der Eltern. Ich erzählte ihm, dass es heutzutage fast selbstverständlich ist, dass die Mutter für uns kocht. Darauf entgegnete er schnell und gezielt, dass "nichts selbstverständlich ist".
Als ich etwas über diesen Satz nachdachte, kam es mir so vor, als hätte Herr Flocken in meinen Augen gesehen, dass ich mir etwas unschlüssig über die Bedeutung des Satzes war.
Sofort setzte er eine gezielte Antwort an: Damals, als er noch bei seinen Eltern gewohnt hat, habe er immer im Haushalt geholfen, da seine Schwester zu der Zeit nicht mehr zu Hause wohnte. Außerdem hielt er es für richtig, dass jeder etwas im Haushalt machen musste. 
War es zum Beispiel beim Anstehen in einer langen Schlange oder beim Kartoffelnschälen. Meistens teilten seine Mutter und er sich die Arbeit auf, da die Zeit viel besser investiert war, wenn einer ansteht und der andere in der Zeit zu Hause schon einmal die Kartoffeln vorbereitet.

"Früher war alles ganz anders als heute"
Beim Essen selbst gab es ganz bestimme Regeln, an die man sich hielt. Ob es die Regel "Probieren musst du alles" oder " Nimm dir nicht mehr auf den Teller, als du essen magst, denn nichts wird weggeschmissen" war. Herr Flocken verglich die damalige Zeit mit der heutigen, in der Rolle mit seinen Enkelkindern. Wenn er seine Enkelkinder beim Essen beobachtet, kann er nicht begreifen, wie sich die Essensgewohnheiten, innerhalb von knapp 80 Jahren, veränderten. Seine Enkelkinder probieren gar nicht erst alles, sondern sagen gleich im voraus, dass sie es nicht mögen. Noch schlimmer findet er allerdings, dass sie sich viel zu viel auf ihren Teller füllen, und es dann nicht aufessen.
Außerdem gab es früher, wenn alle zuhause waren, geregelte Essenszeiten.

Seine Familie war eine Familie, die auch in engsten Notfällen zusammengehalten hat
Zum Beispiel bei ihrem gemeinsamen Schicksal, beim Bombenkrieg 1941 in Altona: Ihr Etagenhaus wurde nieder gebombt und seine Familie zog zu Verwandten. Gott sei Dank konnten die Schäden an ihrem Haus noch beseitigt werden, und sie konnten nach einem Vierteljahr wieder einziehen. Doch schon zwei Jahre später ist ihr Haus ganz abgebrannt und sie sind erneut bei Bekannten eingezogen. Dies war sehr schwer, da man eingeschränkter leben musste, und es jetzt für zwei Mütter nur eine Küche gab.
Damals musste allerdings jede Familie, die ihr Haus oder ihre Wohnung noch hatte, eine "ausgebombte Familie" bei sich aufnehmen. Die Luft wurde zwar durch das Zusammenwohnen zweier Familien ein bisschen durch Ärger und Verzweiflung vergiftet, doch der Zusammenhalt wurde durch Teilen, Nehmen und Geben gestärkt.
Und einer solch schwierigen Belastungsprobe ist heutzutage fast keine Familie mehr ausgesetzt.