Dieser Eintrag stammt von Veronika Heinz (*1988)

Meine Erinnerungen an die Zeit im Dritten Reich

Ergebnisse eines Interviews mit Frau Wegner

Als der Krieg anfing, war ich erst acht Jahre alt. Wir haben damals mit meinen Eltern und meinem drei Jahre älteren Bruder in Hamm, einem Stadtteil Hamburgs, gelebt. Bei uns zuhause wurde, soweit ich mich erinnern kann, nicht wirklich über den Krieg oder die Diskriminierung geredet. Es gab auch keine Probleme wegen Verrat oder ähnlichem innerhalb der Familie. Meine Eltern hatten eine eigene Schlachterei.
Die Schlachterei meiner Eltern lief anfangs sehr gut. . Als die Judendiskriminierung immer mehr zunahm, verbreitete eines Tages eine Frau dass “Blumenthal”, der Mädchenname meiner Mutter, jüdisch klingt und meine Mutter deswegen eine Jüdin wäre. Aus diesem Grund kamen viele unserer Kunden nicht mehr in die Schlachterei. Mein Bruder wurde vor unserem Geschäft mit den Worten ,,du Judenjung” beschimpft. Als dann bei Nachforschungen herauskam, dass meine Mutter keine jüdischen Vorfahren in ihrer Familie hat, musste die Frau ihre Aussage zurücknehmen und wir bekamen ein Schild mit der Aufschrift "Dies ist ein rein arisches Geschäft.” Doch die verlorenen Kunden kamen nicht wieder. Heute glaube ich, dass es den Kunden peinlich war, das Gerücht für wahr gehalten zu haben. Nach einiger Zeit ging unser Geschäft dann deswegen pleite und wir mussten schließen.

Als ich zehn Jahre alt war kam ich zu den ,,Jungmädeln”. Ich hatte dort nie das Gefühl, dass dort Freunde hatte und wir viel Sport machten, Lieder sangen oder bastelten. Auch in der Schule habe ich nicht wirklich etwas von der Diskriminierung oder der Besessenheit der Menschen vom Nationalsozialismus mitbekommen. Ich fand die Aufmärsche auf dem Schulhof r furchtbar langweilig, und das Hochhalten des Arms beim Singen, fiel mir schwer, aber es war normal so dass ich mir, wie wahrscheinlich die meisten Kinder, keine großen Gedanken darüber gemacht habe.

1943 gab es dann immer mehr Luftangriffe. Fast jede Nacht musste man im Keller verbringen, mit der Angst sterben zu müssen. Ich kann mich noch genau an den Ton der Sirene erinnern .Wenn sie ertönte ging mir das Geräusch durch den ganzen Körper. Es war sehr schwer für mich, die Nächte voller Angst im Keller zu verbringen. Mein größter Wunsch war zu der Zeit einmal eine Nacht durchschlafen zu können, ohne Angst zu haben. Zu der Angst selber sterben zu müssen kam die noch größere Angst hinzu, dass meine Mutter stirbt. Meine Mutter war für mich die allerwichtigste Person auf der Welt und ich dachte immer, wenn sie stirbt, ist dass für mich der Untergang, dann will ich auch sterben. Ich wollte nicht mehr in die zur Schule gehen, aus Angst, dass bei meiner Rückkehr meine Mutter nicht mehr lebt. Ich konnte nicht mehr schlafen, und wenn meine Mutter selber schlief, kontrollierte ich immer, ob sie noch atmet, um sicher zu gehen, dass sie noch lebt. Die Angst ging so weit, dass ich schließlich Beruhigungstropfen vom Arzt bekam, weil mein Nervensystem so sehr durcheinander war.

Im Juli hieß es dann, dass alle Frauen und Kinder zu ihrem eigenen Schutz Hamburg verlassen sollten. Mein Bruder war da bereits 15 Jahre alt, und hatte eine Lehre begonnen, die er nicht einfach verlassen konnte. Da wir meinen Vater schon zurücklassen mussten, wollten wir nicht auch noch meinen Bruder verlassen. Irgendwie haben wir es dann aber doch geschafft, dass mein Bruder mitkommen durfte Wir machten uns auf den Weg nach Ratzeburg. 

Der Abschied von meinem Zuhause fiel mir sehr schwer. Ich war eines von diesen Mädchen, welches seine Puppen über alles liebte und es machte mich sehr traurig, mich von ihnen zu verabschieden. Ich stellte mir vor, dass meine Puppen bei einem Fliegerangriff alle verbrennen würden. Wir blieben eine Woche in Ratzeburg und kamen dann nach Mark Brandenburg zu einer alten Frau die uns glücklicherweise als ganze Familie aufgenommen hat. Im September hat uns mein Vater dann bei der alten Frau gefunden. In dieser Zeit ging es mir nervlich zwar schon besser, aber auch hier mussten wir uns weiterhin in einem selbstgebauten Bunker vor Luftangriffen schützen. Insgesamt haben wir ein Jahr in der Mark Brandenburg gelebt.

Meine Familie und ich kehrten noch während des Krieges nach Hamburg zurück und lebten mit meinen Großeltern in einem Behelfsheim in Billwerder Moorfleet, einem Stadtteil Hamburgs. 

Als wir 1945 in der Küche saßen und aus dem Volksempfänger hörten, dass der Krieg nun zuende war, war die Freude groß. An die genauen Worte kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern, aber an das Glücksgefühl noch sehr deutlich. Endlich konnte man wieder ruhig schlafen, ohne einen Fliegeralarm befürchten zu müssen.

Die herrschende Mangelwirtschaft machte das Leben nicht leicht. Sie traf auch uns, obwohl mein Vater Schlachter war An allen Ecken musste gespart werden.

Heute bin ich 73 Jahre alt und habe zwei erwachsene Kinder. Ich bin so froh darüber, dass meine Kinder ohne einen Krieg aufwachsen durften.