Dieser Eintrag stammt von Hans-Joachim Meyer-Bosse

Erinnerungen an die Zeit der Hitler-Jugend

Mit zehn Jahren - für mich kam der Tag 1938 - erhielt man die schriftliche Aufforderung und Verpflichtung, in die Hitler Jugend (HJ) einzutreten. Man war im "Jungvolk" und nannte sich Pimpf. Die Eltern hatten die Uniform zu kaufen. Das war in der Sommerzeit ein braunes Hemd, dazu ein schwarzes Tuch, das dreieckig gelegt wurde, gerollt um den Halskragen geschlungen und durch einen Lederknoten strammgezogen wurde. Die kurze Hose bestand aus schwarzem Kordstoff; sie wurde von einem breiten schwarzen Ledergürtel und einem Koppelschloss gehalten. In der Winterzeit zog man eine blaue, dickere Bluse darüber und trug dazu eine dunkelblaue Skihose.

Nach der sog. "Pimpfprobe" durfte man dazu noch einen ledernen Schulterriemen und ein Fahrtenmesser tragen, das an der Seite in einem schwarzen Halter steckte. Die Messerscheide trug die Aufschrift "Blut und Ehre". Die Prüfung umfasste einige sportliche Leistungen, von denen für mich der dreifache Klimmzug am Reck am schwersten war. Sehr wichtig war es, den Lebenslauf von Adolf Hitler ohne Mängel aufzuschreiben und Gelöbnisse zu nennen, wie: Jungvolkjungen sind hart - hart wie Kruppstahl, Jungvolkjungen sind Kameraden, der Jungvolkjungen Höchstes ist die Ehre! Das Ganze war bestens organisiert. 12 Jungen bildeten eine Jungschaft, drei Jungschaften einen Zug und vier Züge ein Fähnlein, vier Fähnlein den Stamm und mehrere Stämme den Bann, die wiederum bei uns in Hamburg das Gebiet "Nordmark" bildeten. Der zweistündige Pflichtdienst fand mittwochs, sonnabends und einmal monatlich sonntags statt. Es wechselten sich ab der Heimabend, Exerzieren und Marschieren, Geländespiele und Aufmärsche mit großem Appell. 

Nachdem ich ein Jahr dabei war, wurde ich Jugendschaftsführer. Ich hatte nun die Verantwortung für die zwölf Jungen, musste ihre Anwesenheit kontrollieren und schriftlich erfassen, Benachrichtigungen oder Fehlen an die Eltern geben. Als äußeres Zeichen trug ich eine kleine rot-weiße Kordel. Bei den Mädchen - den Jungmädeln - lief es sicher ähnlich. Im allgemeinen bestand eine gewisse Zufriedenheit, insbesondere bei Märschen durch die Straßen mit Fahne, Trommel- und Fanfarenbegleitung oder einem Lied auf den Lippen. Bei den Geländespielen gab es z.B. zwei Lager. Eine Gruppe trug einen roten Wollfaden ums Handgelenk, die andere einen gelben. Beim Raufen versuchte man, es dem Gegner zu zerreißen, womit er dann ausschied. Traf man auf einen Jungen mit der gleichen Farbe, ging man gemeinsam weiter, um die andere Gruppe zu besiegen. 

Lieber mochte ich die Geländeerkundung mit Kompass, Kartenlesen und Wandern nach den Sternenbildern. Als Jugendschaftsführer musste ich nun auch noch montags zum "Führerabend". Die Schulung wurde intensiver, Stegreifreden wurden geübt und die Zeit neben der Schule immer knapper. Schließlich wurde man für 14 Tage zur Gebietsführerschule nach Trittau verpflichtet. Hier stand schon Wehrertüchtigung und Drillen sowie wieder Boxen auf dem Dienstplan. Wie ich das hasste; aber es sollte uns natürlich abhärten. 

Mit Beginn des Weltkrieges 1939 wurden die Anforderungen immer umfangreicher. Diverse Geldsammlungen mit der Sammelbüchse auf der Straße und in Büros mit dem Zwang, z.B. 100 Anhänger verschiedener Art an den Mann oder an die Frau zu bringen. Winterhilfe bedeutete, in Privathaushalten warme Kleidung für unsere Soldaten zu sammeln. Wir spotteten: "Eisen, Lumpen, Knochen und Papier, ausgeschlagene Zähne sammeln wir!" Und die Freizeit wurde noch knapper. 

Aber es kam schlimmer! Mit dem zunehmenden Bombenkrieg 1940/41 wurden wir zum Teil als Melder in den Ortsgruppen der NSDAP eingesetzt. Für Löscharbeiten bei Bränden. Die Sirenen heulten immer häufiger und nächtelang durch die Stadt. Oftmals zwei- oder dreimal in der Nacht. Die Schule begann dann allerdings nach einem bestimmten Plan später, so dass das Lehrpensum nicht mehr erfüllt werden konnte. So entstand die Idee der Kinderlandverschickung (KLV). Fast ein Jahr verbrachte ich mit der Klasse in Geroldsgrün (Franken) im A.W. Faberwerk, die ihren Belegschaftssaal für ca. 100 Schüler zur Verfügung gestellt hatte. Neben den Lehrern gab es einen Lagermannschaftsführer in Uniform, der uns jeden Morgen vor dem Frühstück zum Flaggenappell antreten ließ und nationalsozialistische Parolen verkündete. Wieder gab es umfangreichere Dienstpläne und das verfluchte Boxen! Fern des Elternhauses konnte man nun noch mehr Einfluss auf uns nehmen. Trotzdem haben wir es nicht als unangenehm empfunden; denn alles erfolgte bei Spiel, Wandern und Sport in freundlicher Art. 

Mit 14 Jahren kam man automatisch vom Jungvolk zur Hitler-Jugend. Und hier konnten wir auswählen zwischen Stamm-, Marine-, Flieger- oder Feuerwehr HJ. Ich landete in der Feuerwehr/Schnellkommando HJ. Inzwischen hatte seit 1943 der richtige Bombenterror eingesetzt, der in Hamburg ganze Stadtteile in Trümmer und Schutt legte. Wir wurden von der Feuerwehr ausgebildet und erhielten in Bergedorf einen Handlöschwagen. Er war im Kufeke-Park (heute etwa Haus im Park) stationiert und wurde von uns bei Fliegeralarm besetzt.

Meine Hitler-Jugend-Zeit endete 1944 als 16jähriger. Meine Einberufung zum Reichsarbeitsdienst an der kalten Nordseeküste war zugleich Waffenausbildung für den Kriegseinsatz. Arbeit mit dem Spaten gab es schon lange nicht mehr! Drei Monate später wurde ich zur Deutschen Wehrmacht als Panzergrenadier eingezogen. Mein großes Glück bestand darin, dass ich als Reserveoffiziersbewerber am Tage der Kapitulation noch in der Ausbildung war. Meine Kameraden vom Jahrgang 1928 wurden im Frühjahr 1945 in Richtung Berlin verladen. Es kehrte keiner von ihnen zurück.

Die Nachricht vom Tod des Führers und die Kapitulation nahmen wir gelassen hin. Obwohl wir in die Gefangenschaft marschierten, war es für uns eine Befreiung - vom Krieg und von dem Regime. Von den Verbrechen und Massenmorden in den Konzentrationslagern erfuhr ich erst Jahre später. Neuengamme war für uns ein Gefängnis für politische Vergehen. Wir hatten uns in der Familie nicht getraut, abends den englischen Radiosender zu hören. Die Angst, vom "Blockwart" oder einem anderen Nazi erwischt zu werden, war groß. Es hieß, man würde unweigerlich im KZ landen.

Über eine typische Begebenheit möchte ich abschließend noch berichten: Bei Ferienbeginn oder an besonderen politischen Feiertagen war zu meiner Volksschulzeit auf dem Dach der Schule großer Appell. Wir drei Freunde hörten den Reden jedoch kaum zu und unterließen es, beim Deutschlandlied mitzusingen und die rechte Hand zum Hitlergruß zu erheben. Lehrer Rückbeil ertappte uns und bestellte uns in seine Klasse. Vor den Augen seiner Schüler mussten wir uns bücken und die Hose strammziehen. Mit dem Rohrstock schlug er so kräftig zu, dass der Hintern drei rote Striemen aufwies.

Gehorsamkeit, Pünktlichkeit und Höflichkeit waren Eigenschaften, die uns anerzogen wurden. Darüber hinaus der Glaube an den Führer Adolf Hitler, den "größten Feldherrn aller Zeiten", der alles nur für die Volksgemeinschaft tat. Für ihn gab es keinen Gott - nur die Vorsehung. Der Propaganda-Minister Joseph Goebbels verstand es, fast ein ganzes Volk zu begeistern und irre zu führen. Ich schätze, dass auch die Sprüche, die uns immer wieder infiltriert wurden, aus seiner Feder stammen: "Ein Volk, ein Reich, ein Führer", "Ja, die Fahne ist mehr als der Tod" und schließlich "Und heute gehört (eigentlich wohl hört) uns Deutschland und morgen die ganze Welt".

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