Dieser Eintrag stammt von Janina Höpfner (*1989)


Interview mit Herr W. (*1922)

Herr W. ist 1922 geboren und zusammen mit seiner Familie in Vierlanden aufgewachsen. Er ist hier in Vierlanden in die kleine Dorfschule gegangen. 

Schulzeit
Hierzu berichtete Herr W folgendes:
Jeden Morgen sind die Schüler brav zur Schule gegangen. Wenn sie dort angekommen waren, musste jeder einzeln dem Lehrer die Hände und das Taschentuch vorzeigen, damit dieser sehen konnte, ob alles sauber ist. 
Der Unterricht fand in gut ausgestatteten Gebäuden statt. Damals war es allerdings noch so, dass immer zwei Klassen zusammen in einem Raum waren. Die erste und die zweite Klasse zusammen, die dritte und die vierte Klasse zusammen usw.. Die Schüler haben dennoch viel gelernt, obwohl die doppelte Anzahl an Schülern in einem Raum war. Das lag daran, dass während des Unterrichts Ruhe herrschte und jeder nur dann etwas gesagt hat, wenn er dazu aufgefordert worden ist. In der Schule wurde sehr auf Ordnung und Disziplin geachtet und deshalb kamen die Schüler auch immer pünktlich zum Unterricht. Sie wussten genau, dass sie vom Lehrer Schläge mit dem Rohrstock auf die Finger bekommen würden, wenn sie zu spät kommen. Wenn die Leistungen der Schüler mal zu schlecht waren oder sie sich nicht ordentlich benommen haben und frech waren, dann wurden sie auch mit Rohrstockschlägen bestraft. Das kam aber nicht ganz so oft vor, da die Schüler sich meistens anständig benommen haben. Außerdem waren sie nett und höflich zueinander, was dazu führte, dass es selten Streit gab. Die Lehrer oder auch die Wachmänner wurden von den Schülern als Respektpersonen angesehen.

In der Schule hatten wir sechs verschiedene Lehrer, die uns unterrichtet haben. Von den sechs Personen bekannte sich nur Lehrer Johannsen zu den Nazis. Man sah es ihm aber nicht an, da er in der Schule keine Uniform trug. Ich wusste es eigentlich auch nur, weil ich oft für ihn Briefe zu einem befreundeten Lehrer, der auf dem Krauel wohnte, bringen musste. Dieser Lehrer hieß Lehrer Müller. Da ich ihn öfter in Uniform gesehen habe, hatte er wohl einen Posten in der Partei. Und da Lehrer Müller und Lehrer Johannsen befreundet waren, bin ich davon ausgegangen, dass Lehrer Johannsen auch für die Nazis war.
Morgens auf dem Schulweg haben meine Freunde und ich immer einen Lehrer getroffen. Wir wussten aber nie, ob wir erst mit "Heil Hitler" grüßen sollten, oder erst die Mütze abnehmen sollten. Wenn wir zuerst die Mütze abnahmen, hat er dann immer "Heil Hitler" gesagt und wenn wir zuerst "Heil Hitler" sagten, dann hat er immer die Mütze abgenommen. Auf jeden Fall haben wir ganz oft die falsche Reihenfolge eingehalten und das war uns schon recht unangenehm. 

Die meisten Kinder sind in Gartenbau- oder Gemüseanbaubetrieben aufgewachsen. Die etwas älteren Kinder mussten im Sommer im Betrieb helfen. So haben sie etwas zum Lebenserhalt der Familie beigesteuert. Im Winter mussten sie dann zum Beispiel Holz hacken. Außerdem hielt man Ziegen, Schweine und Kühe, um die sich auch jemand kümmern musste. Im Herbst wurden dann ein oder auch zwei Schweine geschlachtet. Das war für die Kinder ein tolles Erlebnis. Es kam die ganze Verwandtschaft zum Helfen. Die Wurst wurde von den Frauen gemacht. 
Von dem geräucherten und gepökeltem Fleisch, der selbst gemachten Wurst und dem eingemachten Obst und Gemüse konnten die Menschen den Winter überleben, sodass bei uns in Vierlanden keiner hungern musste und alle Arbeit hatten. 

In meiner Zeit als Jugendlicher habe ich schöne Sachen erlebt. Einer der schönsten Tage während meiner Jugendzeit war der Tag, an dem ich mein erstes Fahrrad bekommen habe. Ich war damals 14 Jahre alt und ich hab mich riesig über das Fahrrad gefreut. Ein anderes tolles Erlebnis, das ich nie vergessen werde, war als ich mit dem Schiff, das die Vierländer Waren nach Hamburg zum Großmarkt brachte, mitfahren durfte. Im Großen und Ganzen hat man in den Vierlanden von der Politik nicht so viel mitbekommen.


Deutsches Jungvolk (DJ)

Bei uns in der Nachbarschaft war ein leer stehendes Haus, das Staatseigentum war. Nach einiger Zeit wurde es für das Jungvolk als Versammlungsort hergerichtet und als "Herbert-Norkus-Haus" bezeichnet. Einmal habe ich bei uns auf dem Deich auch eine Parade gesehen, die anlässlich einer Versammlung stattfand. Ich habe mitbekommen, dass der Parteiredner versprochen hat, dass Paläste für die Jugend errichtet werden sollten. Meine Freunde und ich sind auch im deutschen Jungvolk (DJ) gewesen. Am Anfang waren wir alle stolz darauf, ein Mitglied des Jungvolks zu sein. Später hat es mir dort nicht mehr gefallen, weil wir immer über den Deich marschieren sollten und Lieder singen mussten. Ich wollte dann austreten, aber meine Mutter war dagegen. Sie sagte damals zu mir, dass es meiner Zukunft schade, nicht mehr Mitglied des Jungvolks zu sein. Ich habe das seinerzeit nicht wirklich verstanden, warum ein Austritt meiner Zukunft schaden könnte. Deshalb bin ich weiterhin über den Deich marschiert und musste Lieder singen. 
In einem Lied, dass wir immer singen mussten, kam folgende Zeile vor: 
" Wenn das Blut der Juden von dem Messer spritzt, alles noch viel besser geht".
Wir haben die Lieder teilweise gar nicht wirklich verstanden, da wir uns auch keine Gedanken über die Textinhalte gemacht haben, als wir diese Lieder gesungen haben. Da wir auch keine Juden kannten, haben wir erst viel später die Zusammenhänge begriffen. 

Juden
Als ich einmal mit meiner Familie zusammen in Hamburg war, da habe ich das erste Mal in meinem Leben ein Mädchen gesehen, welches eine Armbinde mit dem Judenstern trug. Es war irgendwie ein komischen Gefühl, das erste Mal in seinem Leben einem Juden bewußt gegenüber zu stehen. Wir haben als Kinder und Jugendliche ja auch nicht gewusst, wie man die Juden behandelt hat. Wir wussten auch nicht, was im KZ-Neuengamme vor sich ging, obwohl es ganz in der Nähe war. Einige haben zwar geahnt, dass dort irgendetwas anders ist, aber was genau wussten sie auch nicht. Sogar mein Onkel, der aufgrund seiner Schlachterei immer dort hinfahren musste, um Fleisch für die Gefangenen zu bringen, hat nie etwas Ungewöhnliches erwähnt. Die meisten Menschen haben halt geglaubt, dass es sich um ein ganz normales Gefängnis handelt. 
Einmal haben wir auch Sträflinge gesehen, die mit dem Schiff nach Zollenspieker gebracht wurden und dann nach Neuengamme marschieren mussten. Aber auch dabei hat man sich als Jugendlicher nichts gedacht. Etwas später hat man dann Soldaten in den Straßen gesehen, die Kontrollgänge unternahmen.

Politik
Von der Politik und der wirtschaftlichen Lage habe ich als Kind vor der Machtergreifung auch nicht viel bemerkt. Wir hatten damals ja auch nur die Zeitung. Ein Radio (Volksempfänger) bekamen wir erst 1936. Als es bei uns die ersten Radios gab, haben anfangs viele den Reden Hitlers interessiert zugehört. Später wurden die Radios aber auch schnell wieder abgeschaltet, da wir in Vierlanden von der schlechten Wirtschaftslage und Arbeitslosigkeit nicht direkt betroffen waren. Wir hatten ja genug zu Essen und auch genug Arbeit . So ging hier vieles an uns vorüber. Außerdem hatten wir auch keine Verwandten oder Bekannten in der Großstadt, die uns hätten informieren können. 

Nach der Machtergreifung Hitlers waren die Deutschen erleichtert. Endlich war jemand an der Macht, der es geschafft hatte, ihnen einen Arbeitsplatz zu verschaffen und ihnen die nötige Nahrung zu geben, sodass sie nicht an Hungersnot sterben mussten.
Meine Frau hat einen Umzug Hitlers in Hamburg miterlebt. Dicht aneinander gedrängt standen die Menschen auf dem Deich am Hamburger Hafen und haben laut gejubelt als Hitler kam. Sie sagt, die Menschen haben damals alle ihre Fähnchen geschwungen und sie waren alle glücklich. 

Zusammenstoß mit der Armee

Meinen ersten direkten Zusammenstoß mit der Armee hatte ich, als ich 15 oder 16 Jahre alt war. Wir waren mit einigen Jungen aus der Nachbarschaft in unserer Dorfkneipe, die dem Vater des einen Jungen gehörte. Dort saßen wir in der Gaststube und haben Karten gespielt. Plötzlich betraten drei Männer in Uniform die Gaststätte. 
Einer von den drei Männern sah sehr blass aus, so dass man fast etwas Angst bekam. Er war der Vorgesetzte und trug eine Uniform mit drei Sternen auf der Schulter. Als dieser auf die Toilette musste, hat er sein Koppel abgemacht und über die Stuhllehne gehängt. Seine beiden Kameraden wollten ihn ein wenig ärgern und deshalb hat einer von den beiden die Pistole aus dem Koppel genommen und sie versteckt. Als der Vorgesetzte zurückkam, regte er sich furchtbar darüber auf, dass sich jemand einen Spaß erlaubt hatte, indem er ihm seine Pistole wegnahm. Daraufhin haben ihn seine beiden Kameraden etwas beruhigt und gaben ihm seine Waffe zurück. Plötzlich nahm der Vorgesetzt dann seine Waffe, entsicherte sie und fragte in einem aggressiven Ton: " Wen soll ich zuerst erschießen?". Dabei zielte er zuerst auf seine Kameraden und dann auf mich und die anderen Jungen. Er hat dann aber doch nur einmal auf das Radio und danach zweimal in den Boden neben unserem Tisch geschossen. Wir hatten furchtbare Angst, dass er uns etwas antun könnte, denn wir haben ihm irgendwie alles zugetraut. Mein Freund ist sogar vor Angst vom Stuhl unter den Tisch gerutscht. Als die drei Soldaten dann schließlich gegangen waren, waren wir erleichtert. Der Wirt hat den Vorgesetzten der Soldaten daraufhin aber sofort angezeigt. Es kam dann auch zu einer Verhandlung. Einer von den Jungen, der bei der Verhandlung als Zeuge aussagen musste, hat diesen Mann später irgendwann wieder gesehen. Zu der Zeit war dieser allerdings schon Leutnant. Den Jungen und mir war damals unverständlich, warum so ein Mann wie dieser auch noch befördert wird. 

Von meinen Eltern wusste ich damals, dass es manchmal Differenzen in den Familien gab aufgrund verschiedener politischer Einstellungen. 
Einige meiner Verwandten und auch damalige Nachbarn haben sich zum Beispiel seinerzeit Uniformen einer Partei gekauft, die sich Stahlhelm nannte. Diese Partei war zwar keine erwünschte, aber von der NSDAP geduldete Partei. Die Menschen sind in diese Partei eingetreten um nicht Mitglied der NSDAP werden zu müssen. 

Ereignisse
Nachdem in der Innenstadt viele Häuser und Gebäude ausgebombt wurden, hat man sich gut um die Obdachlosen gekümmert. Nachdem der Krieg vorbei war, verschlechtert sich die Lage extrem. Den Menschen ging es nicht gut.

Viele sagen, dass Hitler die Autobahn nur gebaut hat, damit er seine Leute schneller hin und her gefahren bekommt. Das stimmt aber nicht, denn Hitler hat das gemacht, damit viele Menschen Arbeit haben und diese nicht ohne etwas Brot, Geld und zu trinken verrecken. 
Alle Menschen, die geheiratet haben, haben als Geschenk von Hitler das Buch "Mein Kampf" bekommen.

Als wir erfuhren, dass Deutschland tausende von Juden ermordet haben soll, haben wir das zu Anfang nicht geglaubt. Uns war damals ja auch noch nicht bewusst, was Hitler mit seinen Reden genau aussagen wollte und dass ein großer Teil davon absolut gegen die Juden gerichtet war.

Mir ist damals aufgefallen, dass nach der Machtergreifung bei Familienfeiern die alte Reichsfahne durch die Fahne mit dem Hakenkreuz ersetzt wurde. Außerdem hingen diese Fahnen auch an öffentlichen Gebäuden.


Abschließend möchte ich sagen, dass wir glücklicherweise zu Beginn der Hitler-Zeit noch gut gelebt und nicht so viel mitbekommen haben. Viele der heutigen Erkenntnisse hat man erst im Nachhinein erhalten, weil wir damals teilweise auch einfach noch zu jung waren. Wir haben geglaubt, was uns erzählt wurde und haben das so als gegeben hingenommen.

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