Dieser Eintrag stammt von Jasmin Holtzendorff (*1991)

Ergebnisse eines Interviews mit Frau E.L. (*1919) aus Österreich

Meine Kindheit habe ich in einem kleinen österreichischen Dorf verbracht.
Ich lebte mit meinen Eltern und Geschwistern in einem kleinen Haus und wir ernährten uns von den Erzeugnissen die Haus und Hof hergaben.
In der Schule lernte ich alle für den Haushalt notwendigen Dinge, wie z. B. Kochen, Nähen, Bügeln usw. Ich war gerade 19 alt  Jahre als die deutschen Truppen einmarschierten (1938). Für uns war das ein Freudenfest. Ganz Österreich jubelte Hitler zu. Endlich hatten unsere Mitbürger wieder Arbeit und somit auch genug zu essen. Dadurch ging es den Österreichern wieder gut und sie waren Hitler äußerst dankbar.

Wir jungen Mädchen waren sehr aufgeregt. Wir freuten uns sehr über den Einmarsch der deutschen Truppen. Diesen Einmarsch wollten wir miterleben. Zu diesem Zweck fuhr ich mit meinen Freundinnen in die nahe Kreisstadt. Dort war alles mit Hakenkreuzfahnen „geschmückt“, die Menschen waren hübsch angezogen und es herrschte große Aufregung.

Dann kamen sie endlich, die deutschen Truppen. Es war ein grandioser Anblick. Als erstes kamen die Elite Truppen und die Waffen SS. Es waren große, sehr gut aussehende, charmante Soldaten. In ihren Paradeuniformen sahen sie faszinierend aus. Wir Mädchen himmelten diese Soldaten an, sollten etwa alle deutschen Männer so gut aussehen? Danach allerdings, kamen die „normalen“ Truppen, diese Soldaten sahen nicht anders aus als unsere Männer. Nun waren wir enttäuscht.

Während der NS-Zeit waren alle Jugendlichen verschiedenen Organisationen angeschlossen. Diese gehörten alle zur HJ. Diese Organisationen unterrichteten die Jugendlichen regelmäßig über Hitlers Ziele.
Wir mussten regelmäßig an Hitlers Geburtstag in der Kreisstadt zur Parade erscheinen. Alle waren festlich gekleidet. Einmal kam Hitler und nahm die Parade ab. Er fuhr in einem Auto an uns vorbei. Wir Mädchen waren alle begeistert und jubelten ihm zu. Jede behauptete hinterher, dass Hitler nur sie angeschaut hätte.

Ein anderes Thema waren die Juden. Bei uns im Dorf und in der Kreisstadt gab es viele jüdische Familien und auch viele jüdische Geschäfte. Diese Geschäfte wurden mit der Zeit immer weniger und auch die Familien verschwanden. Neben uns wohnte eine jüdische Familie. Eines Morgens waren sie verschwunden und wir machten uns große Sorgen. Einige Zeit nach dem Krieg kam die Familie wieder in unser Dorf und erzählte uns, wie es ihr ergangen ist. Die Familie konnte noch rechtzeitig das Land verlassen und flüchtete nach Schweden, wo sie den Krieg überstand. 

Nach Beendigung meiner Haushaltungsschule ließ ich mich zur Rot-Kreuz-Helferin ausbilden. Nachdem ich meine Ausbildung beendet hatte, wurde ich 1940 nach Paris versetzt. In Paris lernte ich einen flotten deutschen Offizier kennen. Dieser Offizier wurde später mein Mann.

Ich blieb bis zum Ende des Frankreichkrieges in Paris und durch sehr viel Glück wurden wir Rot-Kreuz-Helferinnen mit dem letzten deutschen Konvoi zurück nach Deutschland gebracht.

Ich heiratete meinen flotten Offizier 1943. Auf der Hochzeitsreise kamen wir auch nach Wien. Bei einem Stadtbummel bekam ich Hunger. Mein Mann wollte mir Semmeln (Brötchen) kaufen. Er ging in einen Bäckerladen, kam aber ohne Semmel wieder raus. Ich fragte ihn warum er denn keine Semmel mitgebracht habe, er sagte, sie hätten ihm keine verkauft. Ich sah meinen Mann an und überlegte. Ich fragte ihn was er denn gesagt habe. „Ich habe Heil Hitler gesagt.“, antwortete er mir.

Daraufhin war mir alles klar. Ein Mann in deutscher Uniform, der Heil Hitler sagte und das in Wien. Daraufhin ging ich in den Laden sagte: „Grüß Gott.“, kaufte meine Semmel und ging wieder. Danach kam mein Mann leider in amerikanische Kriegsgefangenschaft in Italien.

Ich ging nach Österreich in mein Heimatdorf zurück. Dort hatte ich eine kleine eigene Wohnung und arbeitete in einem kleinen Geschäft. Im Dorf gab es so gut wie keine Kriegsschäden. Wir sahen nur nachts die hellen Lichter der Bomber, wenn sie über unser Dorf flogen.

Einmarsch der Russen
Nicht weit von unserem Dorf entfernt, kämpften noch deutsche und russische Truppen. Dabei kamen die russischen Truppen immer näher an das Dorf heran.
Die Dorfbewohner waren in heller Aufregung, denn den Russen ging ein sehr schlechter Ruf voraus. Die Russen hielten sich an der Bevölkerung schadlos, sie beschlagnahmten alles, was sie brauchen konnten.
Eigentlich sollten die russischen Truppen gar nicht so weit nach Österreich vorrücken.

Da die Straßen und Wege aber von Flüchtlingsströmen aus Siebenbürgen total verstopft waren, kamen die englischen Truppen, die eigentlich Österreich besetzen sollten, nicht voran. Somit hatten die russischen Truppen freie Fahrt und näherten sich immer weiter unserem Dorf. Die Dorfbewohner versteckten ihre Frauen und Mädchen aus Angst vor den Russen. Dann marschierten die Russen in das Dorf ein. Im Dorf wohnte ein Kommunist, der die russischen Truppen freudig mit dem russischen Gruß empfing. Ein Offizier hielt vor dem Mann an und fragte nach der Uhrzeit.

Zuvorkommend schaute der Kommunist auf seine Armbanduhr. Der Offizier wollte darauf hin die Uhr haben und machte sie an seinem bereits sehr vollen Arm fest.
Im Dorf musste die österreichische Fahne aus den Fenstern gehängt werden. Wir hatten dadurch ein großes Problem, wir hatten nur eine Fahne mit dem Hakenkreuz in der Mitte. Was sollten wir machen? Der Vermieter hatte eine Idee: Da die österreichische Fahne rot, weiß, rot war, riss er die Fahne in der Mitte auseinander. Ich musste mich an die Nähmaschine setzen und ein weißes Bettlaken dazwischen nähen. Da ich aber vor Angst nur ganz langsam nähen konnte, wurde die Fahne nicht fertig. Ich hatte gerade eine Seite fertig genäht, da riss mein Vermieter sie mir aus der Hand und rannte damit auf den Dachboden. Dort hängte er die Fahne aus dem Fenster. Er hielt sie so geschickt, dass es von unten nicht erkennbar war, dass die Fahne nicht richtig genäht war. Uns viel ein Stein vom Herzen.

Die russische Armee suchte sich in unserem Dorf ein Quartier. In meine Wohnung zogen zu unserem Glück zwei Offiziere ein. Damit waren wir einigermaßen sicher vor Übergriffen der Russen. Die Russen durchsuchten alle Schränke, Kisten und Kästen. Es durfte nichts verschlossen werden, alles musste zugänglich sein.
Abends ab 21 oder 22 Uhr trafen sich im Wohnzimmer meines Vermieters viele Frauen und Mädchen, da sie sich dort sicherer fühlten. Die russischen Truppen vergewaltigten alle Frauen und Mädchen, derer sie habhaft werden konnten.
Bei meinen Eltern waren die Russen auch. Meine Mutter hatte aber noch die Uniform meines Mannes im Schrank hängen. Die Uniform konnte sie noch schnell verbrennen, aber die Mütze und den Säbel konnte sie nicht mehr verstecken. Die Russen fanden den Säbel. Die Mütze hatte meine Mutter unter ihrer Schürze versteckt. Der Russe fragte meine Mutter: „Wo ist es deutscher General?“ Meine Mutter antwortete: „Deutsches General tot. Bum, bum.“ Der Russe gab sich mit der Antwort zufrieden und meine Mutter atmete auf. Sie verbrannte die Mütze gleich im Ofen.

Eines Tages kamen russische Soldaten in unsere Wohnung. Sie hielten einen Wasserhahn in den Händen und verlangten, wir sollten den Wasserhahn in die Wand schlagen, sie bräuchten Wasser. Die russischen Soldaten waren nur betrunken und gingen auf alles los, was sie kriegen konnten. Es war eine sehr schreckliche Zeit. 

Ein neuer Anfang in Hamburg
Nach einem halben Jahr kamen dann endlich die Engländer nach Österreich und alles wurde besser. 1947 wurde mein Mann aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kam wieder nach Österreich. Wir wollten aber nach Deutschland, da mein Mann aus Hamburg kam. Es gab für uns nur die Möglichkeit mit einem Flüchtlingstransport zu fahren. Endlich war es soweit: Wir mussten mit 28 anderen Personen und einigen Hühnern, 6 Tage und 6 Nächte durchfahren, bis wir endlich total erschöpft in Hamburg ankamen. Im Gegensatz zu meinem Heimatdorf in Österreich war Hamburg total zerstört. Hier wohnten wir in einem Zimmer von 11m² mit fünf Personen. Mein Mann, seine Mutter, meine zwei Kinder und ich. Da das Zimmer einfach zu klein war, zogen mein Mann und ich auf den Boden, dort machten wir uns ein notdürftiges Bett. In der ersten Nacht regnete es gleich durch. Wir dichteten das Dach mit einer Plane ab, danach ging es besser.
Das Leben nach dem Krieg war zwar nicht einfach, aber es besserte sich langsam.