Dieser Eintrag stammt von Martina Holz (*1988)


                                         Meine Kindheit im Dritten Reich

Ergebnisse eines Interviews mit Frau Gisela Birkholz (*1934)

Meine Erinnerungen setzen etwa ab meiner Einschulung 1941 ein. In der Schule hatten wir nur Lehrerinnen, weil die Männer über 45 Jahre alle schon im Krieg waren. Ansonsten. denke ich, hatten wir ganz normalen Unterricht, obwohl jede Woche wieder ein Mädchen in die Schule kam, welches den Vater im Krieg verloren hatte. Unsere Lehrerin hat dann immer sehr lieb mit dem Kind gesprochen und es in der Klasse bekannt gegeben.

In die HJ für Buben und den BDM für Mädchen musste man anfangs nicht zwingend, aber ich wollte dahin. Es war eine Organisation mit Aktivitäten, die man sonst nicht gehabt hätte, wie z.B. Ferienlager, gemeinsames Basteln für Kinder aus ausgebombten Gebieten, Singen im Chor und Sammeln für das Winterhilfswerk. Wenn große Militärparaden waren, gingen die HJ und der BDM in Uniform und mit ihren Fahnen mit.

Die Kinderlandverschickung betraf mich selbst nicht, denn wir wurden nicht verschickt, da Bamberg kaum durch Angriffe beeinträchtig war. In Bamberg wurden die Bomben immer außerhalb abgeworfen, weil die Munitionsfabrik unterirdisch in einem Wald angelegt war. Wir wussten nicht wo, und die, die dort gearbeitet haben waren zu Stillschweigen verpflichtet. In unserer Familie waren hingegen drei Kinder aus Hamburg zu Gast. Einmal waren es zwei Mädchen gleichzeitig, Franziska Dauer und Inge Pröls. Am Bahnhof kam ein Sonderzug mit vielen kleinen Buben und Mädchen an. Jeder hatte ein Schild um den Hals mit Namen, Heimatadresse und mit dem Namen der Gastfamilie. Diese Kinder gingen mit uns zur Schule und wurden genauso behandelt wie wir auch. Unser drittes Hamburger Kind, Helga, lebt heute auf Sylt. Mein Sohn hat Helga in diesem Jahr im Urlaub besucht. Helga war zweimal bei uns. Sie war schon wieder in Hamburg, als ihr Vater schwer kopfverletzt aus dem Krieg kam und sie dann bei einem Bombenangriff ihre Mutter, ihren Bruder und ihren Opa verlor. Ihre Oma hat dann bei uns angefragt, ob Helga noch mal kommen dürfe. Sie durfte. 


links oben: Helga / in der Mitte: meine Mutter / rechts: ich /
links unten: meine Schwester Reini, etwa 1944

Wir, die sogenannten Kleinen, waren alle in der Kindergruppe. Wir haben mit der Gruppe Besuche gemacht, im Lazarett bei verwundeten Soldaten oder auf dem Friedhof gesungen, wenn wieder ,wie so oft, eine Trauerfeier für gefallene Soldaten stattfand. Auch heute noch, wenn ich das Lied " Ich hat einen Kameraden " höre, bekomme ich Gänsehaut, die Tränen laufen ohne Ende. Wir haben auch die Mullbinden für die Lazarette aufgewickelt.

Das Pflichtjahr ist mir deshalb ein Begriff, weil wir dreimal ein Pflichtjahrmädchen bei uns hatten. Familien mit vier oder mehr Kindern bekamen ein Pflichtjahrmädchen zur Hilfe im Haushalt und die Mädchen sollten lernen einen Haushalt zu führen. Die Mädchen waren etwa 14-15 Jahre alt. Heute denke ich, es war möglicherweise ein Programm gegen Arbeitslosigkeit. Eines dieser Mädchen, unsere Barbara, kam nach dem Krieg wieder zu uns, weil sie nicht wusste wohin sie sollte und sie hat dann meinen Großvater gepflegt. Im Krieg durfte sie die Ausbildung zur Krankenschwester machen. 

Ich denke, in meiner Kinderzeit wurde mir viel zugemutet, aber ich kannte es nicht anders. Wenn man z.B. abends zu Bett ging, dann stand neben dem Bett ein gepackter Rucksack mit der notwendigen Kleidung, Ausweispapieren, der Gasmaske und einem Trainingsanzug. Die Puppe lag auch dabei. Ging die Sirene, dann war man innerhalb von 5 Minuten fertig und wir gingen dann in den Luftschutzkeller des Gerichtsgebäudes. Ausschlaggebend war aber dennoch die Familie. Bei mir war es liebevoll, voller Ideen was man trotzdem machen konnte. Es wurden Feste gefeiert, musiziert, gemalt, gebastelt und wir haben gelernt uns auch um andere Menschen zu kümmern. Damals habe ich sicher nicht nachgedacht, ob und was anders sein könnte. Wir hatten auch keinen Vergleich. Alle haben so gelebt.

Unsere Jugendzeit begann nach dem Krieg. Erstmals hatten wir wirklich Hunger, die Geschäfte waren leer. Ab 1946 ging die Schule wieder los und es gab täglich ein warmes Essen in der Schule. Einen Teil hat man aufgehoben für die Mutter zu Hause. In der Zeit sind wir aber auch mit dem Jazz in Kontakt gekommen. Uns Jugendlichen hat das gefallen, die Älteren waren entsetzt. Abschließend denke ich über die Zeit, wie es möglich war, dass die Erwachsenen all das Schreckliche nicht gesehen und durchschaut haben. Ich denke, diese Erkenntnisse haben uns zu politischen Menschen werden lassen.