Dieser Eintrag stammt von Ina Harriefeld

Die Kriegs-Hochzeit meiner Oma

Meine Oma, Christina Hassen, verlobte sich mit meinen Opa, Günther Bronchien, im März 1938."Wir ahnten nicht, dass eine sehr schwere Zeit vor uns lag, denn im September nächsten Jahres brach der 2. Weltkrieg aus. Günther wurde Soldat und war dort als Schirmmeister tätig; das ist der Unteroffizier, der in der Kompanie für die Kraftfahrzeuge zuständig ist. Durch die Umstände des Krieges sahen wir uns leider sehr selten, was für frisch Verlobte eine schwere Prüfung war. Hinzu kam ein von mir vor Günther gehütetes Geheimnis, welches bei mir Zweifel für eine dauerhafte Bindung aufkommen ließ. Ich bin unehelich geboren, was zu der Zeit ein Makel war und nicht von jedem kritiklos akzeptiert wurde. 

Die Verlobung wurde im engsten Familienkreis gefeiert; aber auch auf der Feier ist weder über Name noch Abstammung gesprochen worden. Nach der Verlobung habe ich weiterhin bei meiner Mutter gewohnt. Günther wohnte zur Untermiete bei seinem Arbeitgeber. Nach einer dreijährigen Verlobungszeit wollten wir heiraten, und zwar viel früher als geplant, weil Günther durch die Eheschließung viel mehr Geld verdiente. Nun musste mein Geheimnis gelüftet werden. Günther kannte mich unter Christine Hansen, doch der ursprüngliche Mädchenname meiner Mutter war Petersen. Ich hatte sehr große Angst davor, Günther zu erzählen, dass ich unehelich geboren bin, denn ich war mir nicht absolut sicher, wie er reagieren würde. Letztlich habe ich die Preisgabe meines Geheimnisses als eine Art Prüfung für unser junges Glück angesehen. Günther zeigte sich zwar überrascht über diese Neuigkeit, hat aber trotzdem zu mir gehalten, und war fest entschlossen mich zu heiraten. 

Viel größer war die Überraschung für die Verwandten und für die Nachbarschaft, weil auch diese meinen richtigen Namen nicht kannten. Aber ich wusste, dass wir es gemeinsam schaffen würden, diese Situation zu überstehen. Am 1. März 1941 haben wir dann schließlich geheiratet. Für die Eltern und uns war es nicht ganz einfach, mitten im Krieg eine Hochzeit auszurichten. Die Verwandtschaft, die weit verteilt lebte, musste verständigt und eingeladen werden. Die meisten reisten mit Pferd und Wagen an. Nur wenige konnten sich eine Bahnfahrt nach Flensburg leisten. 

Insgesamt kamen 20 Personen zur Hochzeitsfeier. Engste Verwandte, Freunde und Nachbarn. Sie alle haben zur Ausstattung der Hochzeit beigetragen. Die Schneiderin, eine alte Freundin meiner Mutter, nähte mir ein schlichtes weißes Hochzeitskleid und wollte dafür keinen Lohn haben. Die Hochzeitsschuhe lieh mir meine Chefin. Sie organisierte auch das Essen und die Getränke. Sie besaß einen kleinen Krämerladen, in dem ich gearbeitet habe. Von einer alten Nachbarin bekam ich den Hochzeitsschleier. Auch die restlichen Gäste brachten das mit, was sie entbehren konnten. Trotz der schweren Kriegszeit fehlte es an nichts. Das Hochzeitsessen konnte man für die damalige Zeit sogar als fürstlich bezeichnen. Ich weiß noch genau was es gab:

Eine selbstgemachte Spargelsuppe mit Fleischklößchen,
Rinder- und Schweinebraten,
Kartoffeln und Rotkohl,
zum Nachtisch gab es Pudding 
Als Getränke wurden Wein, Bier, Limonade und Kaffee gereicht. 

Unter den Hochzeitsgeschenken befand sich unter anderem das Buch "Mein Kampf", das zu der Zeit jeder zur Hochzeit bekam. Günther heiratete in seiner Uniform, denn dadurch bekam er einen Tag mehr frei. Außerdem hatte er auch gar keinen Zivilanzug. Die Verwandtschaft und Freunde, die von weither angereist waren, übernachteten alle bei meiner Mutter auf engstem Raum. Zum Frühstück wurden die Reste des Vortages aufgetragen. Alle Gäste waren übereinstimmend der Meinung, dass es eine sehr schöne Hochzeit war. Auch Günther und ich waren mit der Ausrichtung der Feier und dem Ablauf sehr zufrieden und überglücklich, denn es war ein unvergessliches Erlebnis. Die Geschenke haben unsere Aussteuer sehr bereichert. Nach der Hochzeit zogen wir nach Hannover in eine Dienstwohnung."