Dieser Eintrag stammt von Jessica Beyermann (*1988)

Als Jugendlicher in russischer Gefangenschaft

Ergebnisse eines Interviews mit Herrn G. (* 1930)

Mein Vater (der eigentlich schon Rentner war) und ich wurden in den Krieg eingezogen. Bevor ich in den Krieg kam, war ich mit 16 in der HJ, danach zum Reichsarbeitsdienst und danach gleich zur Wehrmacht. Dort blieb ich nicht lange, denn ich wurde gleich in den Krieg eingezogen.

Behandelt wie Vieh....
Mit 17 Jahren war ich nun im Krieg. Dort blieb ich nicht lange, denn ich wurde von den Russen in Graudenz (Polen) in Gefangenschaft genommen. Dort kam ich mit anderen Gefangenen in eine Art Viehwagon. Damit fuhren wir Tag und Nacht. Geschlafen haben wir auf Brettern übereinander und unsere „Geschäfte“ flossen durch ein Rohr ab. Da aber nun Winter war, froren diese fest. Als wir in Riga (Lettland) ankamen, (dort blieb ich ein Jahr) wurden wir gemustert und untersucht. Viele unter uns wurden schon für halb tot erklärt.

Es wurde halt jemand gesucht, der die Drecksarbeit übernimmt.... 
Von Riga aus sind wir wieder in dem Viehwagen nach Russland gefahren. Nun ging es zu Fuß nach Moskau. Von Moskau aus ging es immer hin und her, mal in die Ukraine, dann wieder nach Moskau. Warum? Es wurde halt jemand gesucht, der die Drecksarbeit übernimmt, und das waren wir. Wir waren für den Straßenbau und andere Sachen zuständig. Ich hatte versucht, indem ich meine Papiere fälschte, als Koch unterzukommen, Doch leider hatten sie schon genügend Köche. Somit war ich auch weiter für den Straßenbau zuständig. 

Wer nicht hart im Nehmen war, der starb...
Geschlafen wurde auf Brettern und einer Decke. Aufstehen mussten wir mal nachts, mal am Tag, je nachdem, wie sie uns brauchten. Dreimal am Tag gab es etwas zu essen. Es gab pro Mahlzeit 200g Brot und eine kleine Schüssel Wassersuppe. Ab und zu gab es Fischsuppe, Krautsuppe (das Kraut war erfroren) oder erfrorene Kartoffeln, die wir abends aufgetaut hatten und alle gemeinsam pellen mussten. Wir mussten alle dieselbe Kleidung tragen: Im Sommer Latschen, leichte Arbeitsanzüge, im Winter Filzstiefel, in denen Fußlappen waren, wattierte Hosen, Jacken und russische Fellmützen. Viele haben es wegen der schwierigen Umstände nicht überlebt.

Ich war einer der letzten Überlebenden
Wir wurden Tag und Nacht mit Wachhunden bewacht. Das Lager, was einem Gefängnis ähnelte, war mit Stacheldrahtzaun umgeben. Nach nun fünf langen Jahren wurde ich entlassen. Es war genau am 9.11.1949. Ich war einer der Letzten dort. Ich bin mit meinem Entlassungsschein ohne etwas zu bezahlen nach Frankfurt an der Oder mit dem
dem Zug gefahren. Dort versuchte ich, meine Familie durchs Rote Kreuz auffindbar zu machen. Einen Teil meiner Familie habe ich auch gefunden.

Die Suche nach der Familie
Danach bin ich von Frankfurt nach Berlin und von Berlin nach Köln gefahren. Ich war Tag und Nacht unterwegs, um meine Familie zu finden - ohne Erfolg. Erst nach ein paar Jahren wurde sie durch Zufall gefunden, weil mein Vater neu heiraten wollte und seine Frau für tot erklärte. Doch die Behörden haben nachgeforscht und meine Mutter und meine Schwestern gefunden.