Dieser Eintrag stammt von Johanna Stachow

Erinnerungen an den Ausbruch des 2. Weltkrieges
 

Mit Blumen und Tschingderassa bum bum fing es an…

Die letzten Wochen und Monate vor dem 1. September 1939 sprach mein Vater immer wieder von einem bevorstehenden Krieg, und seine Miene sah dabei sehr besorgt aus. Mein älterer Bruder war schon seit dem Frühjahr 39 eingezogen worden. Das alles war Grund genug, dass ich als 10-Jährige ein dumpfe Angst in mir aufsteigen fühlte, wenn von Krieg die Rede war. 

Es muss wohl Tage vor dem 1. September gewesen sein, genau erinnere ich mich nicht mehr, wurden in den Radio-Nachrichten Meldungen gesendet von brutalen Übergriffen und Misshandlungen deutscher Bürger im deutsch-polnischen Grenzgebiet durch die polnische Miliz. „Das geht nicht gut aus,“ kommentierte mein Vater diese Meldungen, „das wird für den Führer Anlass genug sein, den Polen den Krieg zu erklären.“ An die eigentliche Mobilmachung, die auch durch’s Radio verkündet wurde, entsinne ich mich nicht mehr, aber sehr wohl an diese Worte meines Vaters.

Vielleicht war es am 1. September oder ein paar Tage später, da sehe ich mich in meiner Erinnerung mit meinem kleineren Bruder und meiner Mutter am Brink am Straßenrand stehen. Von den Wentorfer Kasernen kommend zogen Soldaten in langen Kolonnen an uns singend vorüber, ihre Helme Blumen geschmückt. Vorweg eine Musikkapelle. Die Militärfahrzeuge und kleine fahrbare Kanonen waren gleichfalls mit Blumen geschmückt. Zu meinem Erstaunen war es eine ganz fröhliche Stimmung. Die Menschen um uns herum jubelten den Soldaten zu, warfen ihnen Blumen zu und schenkten ihnen im Vorbeimarschieren Kuchen, Süßigkeiten und Obst. Viele Erwachsenen waren so begeistert, dass sie die Umstehenden mitrissen. 

Den Kriegsbeginn hatte ich mir eigentlich ganz anders vorgestellt. In Bergedorf hatten wir ja oft Soldaten marschieren sehen, so dass ich zunächst gar nicht glauben wollte, dass diese Männer in den Krieg ziehen sollten. Aber ein älterer Mann neben uns, erklärte uns, dass dies der Kriegsausbruch sei und dass dies auch gut sei. Dann sagte er einen Satz, den ich nie vergessen habe:„ Endlich zeigt der Hitler diesen Verbrechern da draußen, dass man mit uns nicht alles machen kann!“ Den Hintergrund dieser hasserfüllten Worte begriff ich damals nicht; denn sie bezogen sich mit Sicherheit auf die Folgen des Versailler Vertrages. Aber seit diesem Tag lebte in meiner Phantasie die Vorstellung, dass Deutschland ringsherum von scheußlich aussehenden Verbrechern umgeben sei.