Dieser Eintrag stammt von Günther Siefert

  Meine Jugendzeit in Hamburg (1922-1935)

Geboren bin ich 1922 in Hamburg-St. Georg, in der Bankstraße in einem Hinterhof, wo heute die große Markthalle steht. Wie ich es heut abschätze, war der Hof höchstens 15 bis 20 m im Quadrat groß. Hinter dem Haus war ein Kanal, nicht mehr als 2 Schuten breit und gegenüber ein Schuppen. Von dort haben die Arbeiter meiner Mutter oft Kistenbretter als Feuerholz herübergeworfen. Wasserratten gab es reichlich.

Die Wohnung war sehr klein. Zwei Zimmer, Küche und Flur. In das Schlafzimmer passten gerade die Ehebetten. Die 3 Kinderbetten standen im Wohnzimmer. Die Deckenhöhe war so niedrig, dass der Kleiderschrank gerade ohne Aufsatz Platz hatte. Die Toilette für alle Hinterhofbewohner war im Vorderhaus in einem Raum, in dem auch der Grünhöker (Gemüsehändler) seine Waren aufbewahrte. Natürlich ohne Wasserspülung und im Winter ziemlich ungemütlich.

Mein Vater arbeitete als Lagerist, meine Mutter betreute zeitweise ein Milchgeschäft in der Nähe. Sonntags gingen wir oft mit unserem Vater spazieren. Zum Stadtdeich z.B., wo in dieser Zeit gerade die chinesischen Wollhandkrabben einwanderten. Bei Ebbe war die Kaimauer direkt besät von ihnen. Oder wir gingen in den Trauspark oder nach Kalte Hofe zum Baden. Wir spazierten auch gerne an die Alster, denn dort gab es noch Reitwege. Auf der Alster fuhren die Leute sonntags vielfach in rechteckigen Booten, sog. Punts, die vorne und hinten abgeschrägt waren. Diese Bootsart gibt es heute nicht mehr. Viele Männer trugen damals Strohhüte - Kreissäge genannt.

Zum Essen gab es meistens Suppe für mehrere Tage, z.B. Kohl-, Erbsen- oder Bohnensuppe, - Fisch und Fleisch waren selten und wenn, dann Hammelfleisch in der Kohlsuppe, die talgig schmeckte, wenn sie nicht mehr ganz heiß war.

Im Herbst 1927 sind wir in eine Neubauwohnung nach Rothenburgsort umgezogen. Das geschah üblicherweise mit einem flachen Gemüsekarren, den man sich auslieh. Geholfen haben die Nachbarn oder Freunde. Die neue Wohnung war sehr schön. Zwei Zimmer, Wohnküche, Flur und Toilette. Im ganzen Wohnblock gab es 15 Treppenhäuser, 5 Stockwerke mit Hochparterre, sog. Zwei- und Dreispänner, d.h. zwei oder drei Wohnungen auf der Etage. Es gab nur zwei Treppenhäuser, in denen die Dreizimmerwohnungen ein Badezimmer mit Kohleöfen besaßen. Die Zimmer wurden mit Leimfarbe gestrichen, denn Tapeten waren noch nicht üblich. Vorne und hinten, d.h. auf der Nord- bzw. Südseite, hatten wir je einen Balkon. Wir wohnten im 4. Stock. Die Miete betrug 54 RM im Monat. Bei Verdiensten von wöchentlich 30 bis 45 RM nicht gerade wenig. Wir konnten es uns nur leisten, weil meine Mutter die Reinigung von zwei Treppenhäusern übernahm, wofür je 9 RM angerechnet wurden. Dafür musste pro Woche zweimal gefegt und einmal feucht aufgewischt werden. Zweimal im Jahr wurde der Fußboden gelackt. Das Material wurde gestellt. Zum Lackieren - das immer erst abends spät gemacht werden konnte - saß immer einer von uns Kindern vor der Tür, um die Treppenhausbeleuchtung alle drei Minuten einzuschalten.

Mein Vater wurde im Laufe des Jahres 1930 arbeitslos und blieb es bis 1937. So viel ich weiß, betrug die Arbeitslosenunterstützung 27 RM pro Woche, ohne Mietzuschuss oder sonstige Zuwendungen, wie es heute üblich ist. Meine Mutter ging immer noch nachmittags zum Milchgeschäft und verdiente etwas hinzu. Pro Woche gab es außerdem 1/2 Pfund Butter. Über unseren Nachbarn konnten wir auch billig sog. "Trustfreie Margarine" kaufen, die wir allerdings abholen mussten.

Dreimal die Woche musste mein Vater zum Stempeln gehen. Das war in einer ehemaligen Fabrik in der Nähe der Michaeliskirche. In Deutschland gab es 5,5 Millionen Arbeitslose damals bei ca. 50 Mio. Einwohnern. Da standen die Arbeitslosen 2 bis 3 Stunden in der Schlange, bis sie an der Reihe waren und ihre Stempelkarte mit wechselnder Uhrzeit für das nächste Erscheinen abgestempelt wurde. Eine Vorsichtsmaßnahme gegen Schwarzarbeit. Selbstverständlich ging er immer zu Fuß! Mit der Bahn zu fahren war einfach zu teuer.

Wir gingen meistens auch zu Fuß, wenn wir unsere Verwandten in Barmbek besuchten. Eine Stunde Fußmarsch und mehr war durchaus normal. Die Straßenbahn war einfach zu teuer. Eine einfache Fahrt bis zu drei Stationen kosteten 15 Pf., danach 20 Pf. und mit Umsteigen 25 Pf. Kinder bis 1 m Größe waren frei. Bei einer fünfköpfigen Familie mit Hin- und Rückfahrt mal eben RM 2,50. Außerdem wohnten wir sowieso ungünstig zu einer Haltestelle.

Bei unseren Verwandten in Barmbek sahen wir manchmal Umzüge von irgendwelchen Parteien, die dann irgendwann in Schlägereien ausarteten. Von politischen Unruhen haben wir eigentlich nur von anderen gehört, da wir praktisch am Stadtrand wohnten. Hinter unserem Wohnblock begannen beiderseits die Schrebergärten, und auch die Gleise der Industriebahn gingen fast bis ans Haus. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war ein Sportplatz, der aber bis etwa 1935 nur zu den Spielen der Vereine geöffnet wurde. Wir sind immer über den ca. 2,50 m hohen Zaun geklettert, wenn wir Fußball spielen wollten. Manchmal kam der Platzwächter, um uns vom Platz zu vertreiben. Wir warteten solange, bis er auf 20 bis 30 m herangekommen war und sind dann schnell über den Zaun zurückgeklettert.

Unser Wohnblock hatte auch zwei Durchgänge zum Hof. Von dort kamen fast täglich sogenannte Hofsänger allein oder zu zweit, die mit Gesang oder ihrem Spiel auf einem Instrument um Geld baten. Manche Leute warfen einige Pfennige - in Papier gewickelt - herunter, die wir Kinder aufsammelten und den Leuten gaben. Wo es keine Höfe gab, sind die Musikanten in die Treppenhäuser von Tür zu Tür gegangen, um Geld zu erbitten. Wer nicht geben wollte, öffnete einfach nicht. In den neueren Häusern waren die Eingangstüren schon mit Türschneppern versehen, so dass Betteln und Hausieren nicht möglich war. Es gab auch Schilder mit entsprechenden Verboten an den Hauswänden. Diese Art der Darbietungen hörten aber etwa 1934-35 auf. Es gab wieder mehr und mehr Arbeit, und auch der Arbeitsdienst und das Militär trugen dazu bei.

Hinter dem Haus floss die Bille. Hierher kamen im Sommer viele Menschen aus der Nachbarschaft. Wir haben ziemlich schnell Schwimmen gelernt. In den ersten Jahren war das Wasser noch sehr sauber. Es gab viele Fische, die wir oft geangelt haben. Sogar Flussmuscheln gab es reichlich. Doch im Laufe der Jahre ist die Wasserqualität durch die Fabriken in Billbrook immer schlechter geworden. Manchmal war das Wasser tagelang rot und viele Fische waren tot.

Hinter dem Wohnblock wurde ein Kanaldurchstich von der Bille zum Großmannkanal zugeschüttet. Von dort haben wir uns im Sommer aus leeren Kanistern und Brettern Flöße gezimmert. Außerdem wurde auch Schrott gesammelt. Beim Schrotthöker gab es für 1 kg Eisen 1 Pfennig, für Zink und Messing 4 Pf., für Aluminium 20 Pf. und für Kupfer 40 Pf. Taschengeld war damals nicht üblich. Ein Lolli kostete 5 Pf., und unser Krämer war sich nicht zu schade, uns auch für 1 oder 2 Pfennige Bonbons oder Salmis zu verkaufen.

Aus dieser Zeit sind mir noch einige Preise geläufig: Ein Feinbrot 1500 Gramm = 35 Pf., Schwarzbrot 40 Pf., Eier 10 bis 15 Pf. pro Stück, Kartoffeln 5 RM pro Zentner (50 kg), Aufschnitt etwa bis 45 Pf. je 125 gr. Ich erinnere noch, dass meine Mutter bitter geweint hat, als ich einmal meine Stiefel beim Fußballspielen kaputtgemacht hatte. Wir hatten jeder nur ein Paar.

1929 bin ich in der Volksschule Bullenhuserdamm eingeschult worden, die nach dem Krieg zur traurigen Berühmtheit gelangt ist.