Dieser Eintrag stammt von Julia Kümmel(* 1983) aus Hamburg

Erlebnisse im 3. Reich

Ich habe mich mit Frau Kühn aus Hamburg unterhalten. Ich habe sie gefragt, ob sie mir etwas von dem Swing, den einige Jugendliche zu der Zeit, in der sie jung war, gehört haben, oder von den Swingkids erzählen könne. Daraufhin fing Frau Kühn an zu erzählen: 

Sie saßen oft im Sommer am Fluss und hatten ein kleines Kofferradio, mit dem sie die streng verbotene Swingmusik hörten. Diese Musik durfte man kurz vor und während des 2. Weltkriegs nicht hören, weil sie aus Amerika kam. Immer wenn sie hörten, dass jemand kam oder sie ein Schiff hörten, haben sie schnell die Musik ausgemacht und das Radio versteckt. Eines Tages wurde jedoch ein Freund von ihr dabei erwischt und sofort ins KZ (Konzentrationslager) gebracht. Dort muss er eine schreckliche Zeit verbracht haben. Als er das KZ endlich verlassen durfte, wurde er gezwungen, einen Zettel zu unterschreiben, auf dem stand, dass er eine sehr angenehme Zeit im KZ verbracht hätte, dass das  Essen gut geschmeckt hat usw. Er hat danach wirklich kein einziges Wort über seine Zeit im KZ verloren, weil er so große Angst hatte.  Diesen Zettel mussten viele Menschen unterschreiben.  Er gilt heute noch in Gerichtsverhandlungen, wenn frühere KZ Häftlinge wegen schlimmer Erlebnisse und deren Folgen klagen wollen.

Frau Kühn hat mir auch von dem sehr strengen Ausgehverbot für Jugendliche, ab einer bestimmten Uhrzeit, sie glaubt es war 23 Uhr, erzählt. An einem Abend war ihre große Schwester kurz nach dieser Zeit auf dem Heimweg. Dann wurde sie von ein paar Männern der Gestapo angehalten. Sie sei so schnell wie möglich weggelaufen, doch direkt vor der Haustür wurde sie wieder von ihnen eingeholt. Ihre Adresse und ihr Name wurden notiert und sie sollte auch in ein KZ kommen. Doch Frau Kühn bekam, als sie davon erfuhr,  riesige Angst und erzählte ihrer Kindergärtnerin davon. Diese Kindergärtnerin hatte Verbindungen zu den Männern von der Gestapo, und so ließ sie diesen Zettel einfach verschwinden. Dadurch war die Schwester vor dem KZ gerettet.

Sie erzählte mir auch, dass durch den Krieg der Zusammenhalt viel stärker als heute war. Jeder half eben dem anderen wo es nur ging. Und der Krieg hat sie zwangsweise richtig kreativ gemacht,  weil es kaum etwas gab und es an allem mangelte. Frau Kühn nahm z.B. einen alten Helm als Suppentopf, und sie hat sich die Kleidung aus allen möglichen alten Pullovern die sie "aufrebbelte", neu gestrickt. Es gab zu der Zeit zwar natürlich nicht so etwas wie die heutige Mode, aber sie und die Jugendlichen ihrer Zeit haben damals  versucht,  mit den Mitteln die sie hatten,  das schönste daraus zu machen.