Dieser Eintrag stammt von Ayca Kabukcu (*1989)

Höhen und Tiefen während der Kriegszeit

Ergebnisse eines Interviews mit Frau Ingrid B. (*1925)

Frau Ingrid B. wurde am 03.05.1925 in Hamburg geboren. Sie hat zwei Töchter.

Es hat sich niemand getraut, etwas zu sagen bzw. seine Meinung zu äußern, oder etwas zu machen, was verboten war. Denn alles wurde sehr hart bestraft. Man wurde mit dem Tode bestraft, wenn man z.B. einen ausländischen Radiosender gehört hatte und dabei erwischt wurde.

Die Erziehung ihrer Eltern war überhaupt nicht streng. Außerdem waren sie gar nicht politisch aktiv und die ganze Familie war gegen Hitler. Doch die ganze Bevölkerung dachte, dass Hitler sich in ein paar Jahren von der Politik entfernen würde, jedoch war das nicht der Fall. Das Volk war begeistert von Hitler, denn er hat viele Arbeitsplätze geschaffen und viele Menschen von der Straße geholt, doch niemand konnte wissen, was wirklich sein Ziel war. Hitler hat dem Volk gegenüber leere Versprechungen gemacht, wie zum Beispiel die „Goldberge“. Was soviel bedeutet wie die wirtschaftliche Lage zu verbessern.

Sie war glücklich darüber, dass sie in der Familie keine Trennungen erlebt hatte.
In ihrer Familie gab es keinen Verrat. Sie hat so etwas einmal passiv miterlebt, denn es gab so einen Vorfall bei ihrer Freundin, die leider durch Verrat eines nationalsozialistisch fixierten Freundes während des Krieges ums Leben gekommen ist. 

Ingrid B. hat die Volksschule und die Mittelschule besucht. Ihre Hauptfächer waren Chemie und Sport. Natürlich haben sie ebenfalls Streiche gespielt, sowie die jetzige Jugend. Zum Beispiel sind sie während der Pausen zum Bäcker gelaufen. Neben ihrer Schule befand sich gleich die Knabenschule. Nach der Machtübernahme Hitlers mussten sie in den Pausen Leibesübungen machen. 

Sie hat als Lehrling in der Buchhandlung gearbeitet, jedoch sah ihr berufliches Leben nicht so gut aus. Denn sie wurde ohne einen Grund von der Arbeit entlassen. Das einzige Argument was dafür sprach, war, dass sie sich in einen Halbjuden verliebt hatte. Das es ihr Traumberuf war, hat niemanden interessiert. Dies hat ihr Leben negativ beeinflusst. Ihr familiäres Leben dagegen sah besser aus, denn sie hatte einen wundervollen Vater, mit dem sie sich sehr gut verstand. Der ist aber 1937 verstorben. Sie wusste aber nicht, ob sie trauern oder sich freuen sollte, denn sie war einerseits froh, dass er nichts mehr miterleben musste. Andererseits war sie traurig, da sie einen Menschen, der ein wichtiger Teil ihres Lebens war, verloren hatte. Durch dieses Erlebnis wurde ihr Leben zum zweiten Mal stark verändert. 

Die zerstörten Häuser in Barmbek waren schlimm anzusehen. In dem Bunker, welcher sich in der Feldstraße befand, waren die Menschen sicher, wenn es Bombenalarme in Hamburg gab.

Sie ist jedoch oft in ihrer Wohnung geblieben, da sie sich unten in ihrem Keller geschützt fühlte. Doch nachdem ihre ganzen Fenster kaputt und die Tür leicht zerstört waren, hat sie eine Woche bei Bekannten übernachtet. Sie hatte jeden Abend einen Koffer auf einem Küchenstuhl, den sie selber als „Paniktasche“ bezeichnete. Dort befanden sich alle Dinge, die sie bei einem schweren Bombenalarm gebrauchen könnte, wie zum Beispiel Wechselwäsche. Es gab in einer Nacht ungefähr 3-4 Bombenalarme. Doch sie meinte, die waren trotz allem sehr harmlos und sie hatte wie üblich sogar bei diesen Angriffen immer ihre „Paniktasche“ dabei.

In einer Woche gab es einen sehr heftigen Fliegerangriff, wobei sie immer noch nicht glauben kann, dass sie den überstanden hat. Denn das war keine gewöhnliche Bombennacht. In dieser Nacht wurden viele der Nachbarhäuser ausgebombt. Sie konnte nichts anderes tun, als an ihren Vater zu denken. Am nächsten Morgen war sie völlig durcheinander und hatte dadurch vergessen ihre „Paniktasche“ in den Bunker in der Feldstraße mitzunehmen, an den Ort, wo sie geflüchtet war. In dieser Zeit wurde der Bunker noch zu Ende gebaut. Denn da hatten noch Einzelheiten, wie zum Beispiel Türen gefehlt.

Sie musste wie alle anderen ebenfalls in die Organisation der Hitlerjugend eintreten, und zwar in den Sportverein. Ihr Sportverein hatte den Namen „Hansa 11“. Durch ein Schreiben wurde ihr mitgeteilt, wann sie dort zu erscheinen hatte. Die zugehörige Gruppenführerin hatte dann an dem bestimmten Ort einen Vortrag zu halten. Andrerseits hatte sie an Wanderungen und Tänzen teilgenommen. 

Kinder wurden während der Bombennächte nach Bayern verschickt. Dort wurden sie in Familien mit besseren Überlebenschancen untergebracht. 

Ingrid B. hat in ihrer Vergangenheit viele enttäuschende Erlebnisse gehabt jedoch war sie stark genug um diese zu verkraften. Jedes mal schaute sie nach vorn und so schaffte sie es auch immer ihr Glück zu erreichen. In dem Bunker musste sie ebenfalls wieder eine schwere Zeit hinter sich bringen, denn hier verlor sie einen ihrer besten Freunde. Dieser Freund arbeitete als Flakhelfer, er hat die Bombenangriffe, wie viele andere Flakhelfer, nicht überlebt. 
Die Flakhelfer waren auf den Bunkern. Die Aufgaben der Flakhelfer bestanden darin, die Kriegsflugzeuge zu beschießen, dass heißt, also die Angriffe zu verhindern. Somit schossen sie mit einer Flak auf diese Flugzeuge. Die negativen Aspekte lagen darin, dass viele Flakhelfer bei einem Bombenangriff dort „runtergefegt“ wurden. (Flak = Fliegerabwehrkanone)

Ihr Pflichtjahr hat sie auf dem Lande bei Mölln absolviert. Sie hatte dort sehr gutes Essen und Trinken. Ihre Aufgaben entsprachen denen einer Bäuerin. Doch die Gehälter in den Pflichtjahren waren sehr niedrig. Sie bekam nur 10 DM pro Monat, aber dies auch nur, wenn sie ihre Arbeit sorgfältig erledigte. 

Sie hatte in nichts anderem mehr Glück als in der Liebe. Ingrid hatte sich in den Halbjuden verliebt. Seinetwegen hatte sie, wie schon gesagt, ihre Arbeitstelle verloren, doch das war ihr in den folgenden Jahren nicht so wichtig. Der Halbjude musste vorsichtig sein, damit er nicht erwischt wurde. Außerdem wurde er vom Militärdienst zurückgeschickt. Dies machte ihm aber nicht viel aus. Nach dem Krieg haben die beiden sofort geheiratet. Sie träumt manchmal noch von ihren ersten Erlebnissen mit ihrem Mann. Diese Sachen kann sie leider nur träumen, da ihr Mann schon verstorben ist.

Während der Mangelwirtschaft mussten alle hungern. Das Einzige, was reichlich vorhanden war, waren Steckrüben. Jede Familie hatte Lebensmittelkarten von der Stadt bekommen. Diese waren nicht nur für Lebensmittel, sondern auch für Kleidung. 
Fleisch gab es gar nicht. Das konnten sich auch nur ganz wenige leisten, denn Fleisch war richtiger „Luxus“. Jetzt isst sie alles, was auf ihren Teller kommt, denn sie möchte gar nicht mehr daran denken, wie es ist zu hungern. 

Als der Krieg zu Ende war, fiel ihr natürlich ein Stein vom Herzen. Doch eigentlich war es schlimmer als während des Krieges. Es gab kein Geld mehr, und alles musste neu aufgebaut werden. Sie war sehr froh, dass sie ihren Traummann heiraten konnte, ohne dass sie dafür bestraft wurden. Sie hatte sich ein Hochzeitskleid geliehen und heiratete in der Jerusalemkirche in Hamburg. Das Einzige, was sie enttäuschte und wodurch ein komisches Gefühl in ihr geweckt wurde, war, dass niemand nach dem Krieg jemals ein Wort darüber verlor. 

Die Tabuthemen waren, dass man Hitler nicht beschimpfen oder kritisieren durfte, denn sonst drohte Verhaftung und darauf meistens der Tod. Kinder wurden oft begnadigt. Das Einzige, was wirklich Wirkung zeigte, war die Jugendpropaganda, denn die war begeistert von ihm. Doch die Jugend war sehr leicht zu beeinflussen, dies wurde ausgenutzt. 

Der Nationalsozialismus war ein Religionsersatz, denn nur Hitler hatte etwas zu sagen. Es existierte gar nichts anderes mehr.