Dieser Eintrag stammt von Angelina Kalinger (*1991)

Ergebnisse eines Interviews mit Frau I.H. (*1921)

Evakuierung nach Thüringen 1943

An den Tagen vom 25. - 27. Juli griffen die Engländer Hamburg mit einem starken Bombenangriff an. Es gab vorher schon Bombenangriffe, aber an diesen Tagen waren sie besonders extrem. Es wurde ungefähr 4 Tage nicht mehr hell, so dass die Menschen Tag und Nacht nicht mehr unterscheiden konnten. Die Menschen in Hamburg waren durcheinander und hatten Angst. Langsam haben sich die Menschen jedoch daran gewöhnt, da es ja schon vorher Bombenangriffe gab.

Und ich war es auch. Ich lebte damals mit meiner Familie in Hamburg-Barmbek. Zu dem Zeitpunkt hatte ich einen 8-Wochen alten Sohn. Sobald die Sirenen ertönten, mussten alle Menschen in die Bunker. Immer wenn eine Bombe einschlug, zitterten nicht nur wir, sondern auch der Bunker. Wir hatten alle schreckliche Angst um unser Leben und wir wussten nicht, wie es weiter gehen würde. Waren wir sicher im Bunker? Haben unsere Verwandten überlebt? Wie geht es weiter? Nach der Entwarnung ging das Leben für viele Menschen normal weiter. Man ging wieder zur Arbeit. Doch sobald man auf seinem Arbeitsplatz war, ertönten die Sirenen schon wieder. Die Bomben, die abgeworfen wurden, konnte man vom weiten hören. Denn das Geräusch, welches man bei dem Abwurf einer Bombe hörte, war so laut. Es war so eine Art Pfeifton. Wenn ich heute noch so einen Ton höre, muss ich an diese schreckliche Zeit denken, auch wenn es schon lange her ist. Die Bomben zerstörten viele Häuser und viele Straßen. Auch mein Zuhause wurde zerstört. Mein Zuhause kam mir plötzlich so fremd vor. Ich musste leider auch tote Menschen sehen. Viele Erwachsene waren so verbrannt, dass man dachte, dass es Kinder seien. Dieser Anblick war so schrecklich.

Am 26. Juli fuhren Polizeiwagen mit großen Lautsprechern durch die Straßen. Sie sagten uns, dass wir uns zur Evakuierung im Hamburger Stadtpark auf der großen Wiese versammeln sollten. Ich ging da hin, da ich kein Zuhause mehr hatte und weil ich meinen Sohn in Sicherheit bringen wollte. Keiner von meiner Familie wusste, dass ich da hinging. Nur die Schwester aus der Finkenauer-Gebärdenstation. Ich spendete nämlich Muttermilch an diese Station und sie kam jeden Tag, gegen 7 Uhr, um diese abzuholen. Als sie an diesem Tag kam, packte ich gerade einen kleinen Koffer mit den wichtigsten Sachen. Ich weiß noch als sie sagte: “Unsere schöne Milchkuh geht weg!“.Heute lache ich über diesen Satz.

Als ich und mein Sohn auf der Wiese ankamen, war es so voll wie noch nie. An diesem Tag wurde wahrscheinlich halb Hamburg evakuiert. Kurz nach unsere Ankunft kamen auch schon die Lastwagen angefahren, auf denen Kohle transportiert wurde. Sie waren offen und hatten natürlich keine Sitzplätze. Aber auch Kutschen kamen angefahren, da man alle Menschen so schnell wie möglich aus Hamburg rausbringen wollte. Ich hatte Glück, dass ich ein kleines Kind hatte. Denn Mütter mit kleinen Kindern und alte Menschen wurden zuerst weggebracht. Niemand wusste, wohin die Fahrt ging. Aber daran habe ich nicht gedacht. Ich habe mich immer wieder gefragt, wo mein Mann ist und ob ich ihn überhaupt wiedersehen werde. Er war Soldat und ich hatte große Angst um ihn.

Wir mussten an der nächstgelegenen Bahnstation aussteigen und uns in einen Zug setzten. Der Zug hielt immer an einer Bahnstation an. Dort waren Menschen vom „Roten Kreuz“. Ich war froh über ein trockenes Brötchen und über Wasser, was sie uns gaben. Meinen Sohn konnte ich Gott sei Dank ernähren. Aber in meiner Abteilung gab es eine Mutter, die ihren Säugling nicht ernähren konnte. Sie hatte keine Muttermilch mehr. Immer wenn ich meinen Sohn gefüttert hatte, habe ich auch ihren Sohn gefüttert. Die Fahrt war ziemlich stressig.

Es gab viele Mütter, deren Kinder geschrien haben. Mein Sohn hat die meiste Zeit geschlafen. Wir waren 8 Tage lang unterwegs, bis wir endlich in Thüringen ankamen. Ich war froh, dass ich mit meinem Sohn überlebt habe.

Das „Rote Kreuz“ hat alles sehr gut organisiert. Sie schrieben unsere Daten auf und wiesen uns Quartiere zu. Und auch hier bekamen Mütter mit Kindern als erste Quartiere zugewiesen. Ich wurde mit meinem Sohn nach Sondershausen gebracht. Dort wurde ich von einem Oberleutnant aufgenommen, der mit seiner Frau in einer Villa lebte, die er beschlagnahmt hatte. Zu dieser Zeit hatten sie die Macht dazu. Die eigentlichen Besitzer lebten im Keller und ich in einer Dachkammer mit einem schrägen Fenster. Die Lebensumstände hier waren schrecklich und der Oberleutnant war auch nicht sehr nett zu mir. Ich war froh, als ich nach drei Monaten bei einer Witwe untergebracht wurde, welche zwei kleine Zimmer zur Verfügung stellte. Hier wurde ich viel besser behandelt.

Nach weiteren drei Monaten wurde ich jedoch in ein Dorf namens Urbach umquartiert, so wie alle Mütter, die Kinder hatten, die nicht zur Schule gingen. Dort gab es nur sieben Bauernhöfe. Es gab nur eine Amtsstube, wo der Bürgermeister war. Keine Geschäfte! NICHTS!

Mein erster Gedanke war „Wo wurde ich denn hingebracht?“. Ich wurde von einem Bauern aufgenommen, bei dem ich ein Zimmer bekam, wo nur ein Strohbett drin war. Daraufhin bin ich zum Bürgermeister gegangen, der dafür gesorgt hat, dass ich einen Stuhl und einen Tisch bekomme. Auch wenn der Tisch nicht ganz stabil war, freute ich mich.

Wir wurden überhaupt nicht empfangen. Natürlich waren die Bauern nicht glücklich darüber, dass sie „Flüchtlinge“, wie sie uns nannten, aufnehmen mussten. Sie waren sauer und haben alles an uns ausgelassen. Anfangs wollten sie nicht mal die Nahrungsmittel mit uns teilen und gossen vor unseren Augen frische Kuhmilch auf den Boden. Sie waren so biestig!

Die Bauern arbeiteten tagsüber auf dem Feld. Ich konnte nicht helfen, da ich einen kleinen Sohn hatte, also musste ich für sie kochen. Es gab genug Essen in Urbach. Genug Milchprodukte und genug Gemüse. Was fehlte, war Mehl und Zucker.

Für mich war es eine große Überwindung,  mit den Bauern an einem Tisch zu essen. Es war so widerlich. Alle saßen um einen großen Topf, welcher in der Mitte des Tisches stand, und stocherten mit einem Blechmesser und einem Kartoffelschälmesser in dem Topf herum.

Jeder Soldat hatte eine Nummer, genauso wie mein Mann. Dies ermöglichte uns Briefe zu schreiben. Im Sommer 1944 hatte er Urlaub, und da er jetzt wusste, wo ich lebte, kam er mich besuchen. Nun wurde ich zum zweiten Mal schwanger. Mein Mann blieb zwar nur für kurze Zeit, aber ich war froh, dass er überhaupt am Leben war.

Noch im Dezember 1944 bin ich zum Weihnachtsfest nach Hamburg zu meiner Familie gefahren. Ein Knecht hat mich und meinen Sohn auf seiner Kutsche zur nächsten Bahnstation gebracht. Ich war froh meine Familie wieder zu sehen. Als ich wieder nach Urbach zurück fuhr, begleitete mich meine Mutter, da ich hochschwanger war. Meine Mutter wollte dann sofort wieder zurück fahren, weil mein Vater krank geworden war. Doch daraus wurde nichts. Sie musste bei mir in Urbach bleiben, da die Züge nicht mehr fuhren und die Straßen von den Russen bewacht wurden .

1945 kamen zuerst die Amerikaner, die mit ihren Panzern aber nur durchgefahren sind. Dann kamen die Elitetruppen der Russen, welche hübsche und gut gebaute Kerle waren. Das sie kamen, erfuhren wir durch eine Klingel vom Gemeindehaus. Wenn sie durchgefahren sind, habe ich die Tage im Haus verbracht habe. Wir haben gehört, dass sie im Nachbarort die Frauen vergewaltigt und Menschen ermordet haben. Darum hatten wir alle Angst, dass uns das gleiche passiert. Aber sie sind nur durchgefahren. Die nächste Truppe der Russen blieb für viele Jahre im Dorf. Sie waren um die 16 Jahre alt. Natürlich mussten auch sie versorgt werden. Für die sexuelle Befriedigung der Jungs stellten sich die Töchter der Bauern zur Verfügung. Die Mädchen dort haben sich nach gut aussehenden Jungs gesehnt. Sie waren geradezu „hungrig nach Liebe“. Die Mädchen haben sich schnell in die Russen verliebt! Auf dem Dorfplatz wurde ein Zelt aufgebaut, wo Frauen für sie gekocht haben. Alle, die seit 1943 in Urbach lebten, mussten nicht mithelfen. Auch meine Mutter musste für die Russen kochen, da die Gemeinde es so bestimmt hatte.

Etwas Gutes habe ich in diesem Dorf aber kennen gelernt, und zwar die Speise „Thüringer Waldklöße mit Schweinebraten“. So was Leckeres habe ich noch nie gegessen. Heute koche ich es immer noch. Für eine Sache waren die Bauern mir auch dankbar, und zwar für die „Rote Grütze“, die ich ihnen mal gemacht habe.

Die Lebensumstände waren aber trotzdem nicht die besten. Für meine Mutter und mich war das alles sehr komisch, da wir Stadtmenschen sind!

Von der Gemeinde haben wir alle einmal im Monat Lebensmittelkarten bekommen.

Ein Knecht hat mir immer sein Fahrrad geliehen, damit ich in den nahe gelegenen Ort fahren konnte. Dort habe ich mir dann immer Mehl, Zucker und Wolle gekauft. Mit der Wolle habe ich dann Sachen gestrickt.

In diesem Ort habe ich auch viel über Hamburg und andere Städte erfahren. Durch Zeitungen und durch das Radio. Aber auch bei uns in Urbach versammelten sich alle einmal in der Woche im Bürgerhaus und uns wurde dann erzählt, was so passiert ist.

Mein zweiter Sohn ist Anfang März 1945 geboren. Da aber die Russen schon da waren, durften wir nicht auf die Straße gehen. Bei einem Bauern wohnte ein französischer Kriegsgefangener. Mit ihm habe ich ausgemacht,  dass ich bei ihm ans Fenster klopfe, wenn die Geburt losgeht, da er auf die Straße durfte. Als es dann in der Nacht losging, ging meine Mutter und klopfte bei ihm an das Fenster. Er ist dann mit seinem Fahrrad zu einer Hebamme gefahren, die 15 km von uns entfernt wohnte. Als sie endlich ankam, war mein Sohn bereits 30 Minuten auf der Welt. Sie hat mich und meinen Sohn versorgt. Mein erster Sohn war die ganze Zeit bei mir. Auf meinen zweiten Sohn bekam ich einen Bezugsschein, von dem ich mir Stoff kaufen konnte.

Im November 1945 haben wir erfahren, dass ein Treck sich nach Westen begibt. Sofort habe ich meinem Mann einen Brief geschickt. Sie kamen dann nach Sondershausen, um uns abzuholen. Ein Knecht brachte uns zu einer Bahnstation in Sondershausen. Dort haben wir meinen Mann getroffen.

Nun haben wir uns dem Treck angeschlossen. Wir gingen den ganzen Weg zu Fuß und es schlossen sich immer mehr Menschen an. Da die Landstraßen von den Russen bewacht worden sind, mussten wir immer anhalten, wenn sie sagten „Stoi!“.

Oft mussten wir in einem Graben übernachten. Auf dem Weg hatte man nur das zu essen, was man gefunden hat. Sonst nichts! Die Russen waren böse und gemein. Sie haben Menschen einfach zusammengeschlagen, wenn sie etwas gesagt haben. Nach sechs Tagen kamen wir alle in einem Lager an. Diese Lager wurden vom „Roten Kreuz“ organisiert. Hier bekamen wir nun endlich was zu essen und zu trinken. Die Kinder wurden gebadet und die Erwachsenen wurden entlaust. Mit verschiedenen Transportmitteln fuhren wir dann nach Hamburg. Für diese Fahrt benötigten wir zwei weitere Tage.

Als wir in Hamburg angekommen sind, hat sich nichts verändert, seitdem ich evakuiert wurde. Die Häuser wurden noch nicht wieder aufgebaut.

Auch hier bekamen wir wieder Lebensmittelmarken. Ich und meine Familie zogen mehrere Male um, bis 1948, als sich mein Mann als Polsterer selbstständig machte. Dann tauschten wir unsere Unterkunft gegen zwei Räume in einer Wohnung in Bergedorf.

Also dies war für mich ein schlimmes Erlebnis. Und ich hoffe, dass keiner so etwas erleben wird. Ich bin froh, dass ich mit meinen Kindern und meiner Familie überlebt habe.