Dieser Eintrag stammt von Karl Hesse, * 1929

Kindersoldaten 

Erlebnisse eines 15-jährigen im Zweiten Weltkrieg
Im Jahre 1943 war ich mit meiner Schulklasse aus dem Gymnasium in Oberhof/Thüringen im sogenannten KLV-Lager. Das hieß auf deutsch „Kinderlandverschickung“; das war eine Maßnahme, um Kindern aus den Bombengefährdeten Gebieten eine sichere und ruhige Schulausbildung zu ermöglichen. Gleichzeitig wurde durch die Mitwirkung der Hitler-Jugend natürlich auch eine Erziehung im Sinne des Regimes gewährleistet. Nach Rückkehr von dieser Kinderlandverschickung Ende Oktober 1943 – ich war noch immer 14 Jahre alt – erhielt ich bald darauf eine Mitteilung, dass ich mich im Januar 1944 als Flakhelfer zu melden habe. 

Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade 15 Jahre alt geworden und noch nicht einmal konfirmiert. Der gesamte Jahrgang 1928 aus unserer Schulklasse war innerhalb von 2 Monaten von Schulkindern zu Soldaten geworden. Ziel dieses Einsatzes bei der Flak war, die erwachsenen Männer zu ersetzen, damit diese für den Fronteinsatz frei wurden. Nach einer Grundausbildung von ca. 6 Wochen erhielten wir zwar weiter eine Schulausbildung, doch war diese natürlich nur möglich, wenn die Lage es zuließ, d.h. wenn keine feindlichen Flugzeuge im Reichsgebiet waren oder sonstige Gründe es verhinderten. An eine geregelte Schulausbildung war natürlich unter diesen Umständen überhaupt nicht zu denken. Wir unterstanden zwar weiterhin der Hitler-Jugend, aber ein Führer dieser Institution hat sich bei uns nicht blicken lassen. Wir wollten dieses auch gar nicht, wir wollten lieber „richtige Soldaten“ sein. Soweit ich mich erinnere, haben wir am Anfang das ganze mehr wie „Indianderspielen“ aufgefasst. 

Erst später, als die feindlichen Flugzeuge fast Tag und Nacht über Deutschland flogen, wurde uns der Ernst der Lage langsam bewusst. An den Geschützen waren außer uns Jungen nur der Geschützführer und einige gefangene Russen, die sich wahrscheinlich freiwillig gemeldet hatten. Diese Zeit bei der Flak dauerte bis März 1945. Wir erhielten damals aufgrund unserer Verdienste eine sog. „Vorsemesterbescheinigung“, die uns nach dem Krieg natürlich überhaupt nichts nützte, da uns ja eigentlich noch drei Jahre fehlten und das Lernziel bei weitem nicht erreicht worden war. 

Es folgte dann noch Ende April 1945 eine Einberufung zum Arbeitsdienst, aber zu dieser Zeit ging schon alles drunter und drüber und es dauerte nur noch kurze Zeit bis zum Kriegsende. Im nachhinein gesehen war es für uns Flakhelfer in der Heimat doch von Vorteil, dass wir schon so früh einberufen worden waren, denn der Rest des Jahrgangs 1928 kam noch kurz vor Kriegsende nach kurzer Ausbildung zum Fronteinsatz und wurde noch regelrecht sinnlos „verheizt“. 

Erst als mein Sohn dann später 15 Jahre alt wurde, kam mir zum Bewusstsein, dass wir ja damals noch halbe Kinder waren und es erscheint mir eines der größten Verbrechen unter vielen anderen, dass so viele junge Menschen von 15, 16 und 17 Jahren in den letzten beiden Kriegsjahren – wo im Grunde der Krieg schon lange sinnlos geworden war – noch zum Kriegseinsatz gezwungen wurden und ihnen somit ihre unbekümmerte Jugend genommen wurde.
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