Dieser Eintrag stammt von Katharina Gerber

Zum Arbeitsdienst in Mecklenburg

Frau Dr. H. erzählt von früher:

Nun ist das Jahr 2000 angebrochen, ich werde 85 Jahre alt, sitze wieder in einer Schulklasse und soll von damals erzählen. Wo kann man da beginnen? Was herausgreifen?

Entscheidend war der Grund, dass ich 1942 mein medizinisches Staatsexamen in Jena beendet habe, da in Hamburg zu der Zeit die Bomben fielen. So traf uns die Notdienstverordnung von Hitler: "Sie haben in Eisenach anzutreten im Krankenhaus". Darum verliefen meine Berufsjahre in der späteren DDR. Aber bevor ich zum Studium zugelassen wurde, war die Hochschulreife Vorbedingung, d.h. entsprechende Zensuren und ein halbes Jahr Arbeitsdienst. Von dieser Zeit möchte ich berichten.

Das Lager war im Mecklenburger Land in Hagenow. Ich habe noch die Fotos aus der Zeit gefunden und werde versuchen, so ein Lagerleben zu beschreiben: Wir waren etwa 60 Mädchen, etwa ¾ Abiturienten. Hitler hatte wohl die Vorstellung, dass man kein eingebildeter Akademiker werden sollte, sondern das einfache Leben kennen lernen sollte. Das war insoweit keine falsche Einstellung, außerdem war es eine gesunde Betätigung an frischer Luft. Als erstes wurden wir auf Staatskosten eingekleidet. Schwere klobige Stoffe, wie Soldaten, Rock und Jacke und weiße Bluse mit runder Brosche mit eingestanzten Kornähren. Entsprechend derbe Schuhe und im Sommer karierte Kleider mit Schürzen.

Der Morgen begann pünktlich. Ich erinnere mich: Als erstes hatten wir uns im Hof um die Fahne im Kreis aufzustellen, ein Lied anzustimmen und mit "Heil Hitler" abzuschließen. Dazu ging es nach dem Frühstück bei einfachem Brot und Kaffeemilch zur Arbeit, im "Gleichschritt Marsch" in Kolonne, ca. 5 Km bis zu einem Neusiedler Dorf. Das waren keine gelernten Bauern, sondern Leute, die Wohnung und Land von Hitler zugeteilt bekommen hatten und denen wir nun bei Landarbeiten helfen sollten. Ich war eine von den Größeren. Wenn Ernte war und die Wagen mit den Garben geladen werden mussten, wurde ich zum Hochstapeln genommen. Es gab aber auch Arbeiten, die mich glücklich machten. So wurde ich allein mit einem Pferd, das vor einen Rechen gespannt war, aufs Feld geschickt und musste das Feld von den restlichen Roggenhalmen leer kehren und diese häufeln. Ich setzte mich bei Sonnenschein allein auf weiter Flur singend und stolz auf den Sitz, mein Gefährt über das Feld lenkend und träumte von den griechischen Göttinnen, wie sie mit ihren Wagen Spiele trieben, so wie ich es in den Lateinbüchern gelesen hatte.

Probleme gab es, wenn ich für die Siedler kochen sollte. "Fräulein, heut kochen sie mal ein Huhn". Wir hatten zu Hause eine Köchin, und ich hatte nur in die Schulbücher bis dahin geguckt. Während wir nun die 5 Km zur Arbeit marschierten, fragte ich meine Kameradinnen rechts und links aus, was da zu beachten sei. "Ausnehmen erst einmal", hieß es. Ich hatte noch nie ein Huhn von innen betrachtet. Aber handgeschickt war ich, und so klappte es ohne Platzen der Galle und die Hühnersuppe gelang. Alle übrigen Hausarbeiten musste man natürlich auch erledigen. Auf dem Marsch zur Arbeit konnte es vorkommen, dass Frl. Stein, die strenge Lagerführerin, hinter uns herlief und von einem Schäferhund begleitet wurde. Und wehe, wenn wir nicht im Gleichschritt und mit einem Lied auf den Lippen marschierten, dann gab es Strafen.

Ansonsten hielten wir alle kameradschaftlich zusammen, und manche Freundschaft entwickelte sich. Mit einer Hamburgerin treffe ich mich noch jetzt. War einmal eine Zimperliche unter den Mädchen, dann wurde "Heiliger Geist" gespielt. Nachts verkleidete sich eine Gruppe mit Bettlaken und glaubte, mit einer Schüssel Wasser gegen die Sünden anzugehen. Irgendwann ging ein halbes Jahr um. Wir unternahmen Ausflüge, und man bekam auch regelmäßig Heimaturlaub. Als ich mich da zum ersten Mal im Spiegel sah, hatte ich ausgearbeitete Schultern und Arme. Ich erschrak. Ich wollte doch nicht männlich aussehen. Nach kurzer Zeit hatte sich der bekannte Anblick wieder zurückgebildet, und das Studium der Medizin begann in Hamburg. Im Rückblick war es eine schöne gemeinsame Zeit.