Dieser Eintrag stammt von Kerstin Hoffmann und Sabrina Kuhlmann


Der 2. Weltkrieg, - erlebt als 11 bis 17jähriger in Hamburg
Interview mit Herrn Fahl:

Herr Fahl: 
"Ende August 1939 kehrte ich nach 8-wöchigem Aufenthalt (Schulferien ) aus Mecklenburg in die Großstadt Hamburg zurück. Die Schule sollte wieder anfangen. Leider, oder wie man als Schüler so denkt, „Gott sei Dank“, war unsere Schule von Soldaten belegt. Sie waren eingezogen worden wegen des damals schon vorhersehbaren Krieges mit Polen. Am 2.Sept.1939 ging es dann leider los. Mit der Verlegung der Truppen wurde auch unsere Schule wieder für uns nutzbar. Die Stimmung war allgemein gedrückt. Denn auch viele Väter waren im Zuge der Mobilmachung (Verstärkung der Wehrmacht durch Reservisten) sofort eingezogen worden. Die Post machte damals viele Überstunden, um alle Einberufungsbescheide fristgerecht zustellen zu können. 

Durch den Krieg mit Polen traten auch England und Frankreich als Verbündete von Polen in den Krieg ein und erklärten Deutschland ihrerseits den Krieg. Dieser Zeitpunkt war der eigentliche Beginn des Luftkrieges oder auch der Bombardierung der Heimatfront. Eine von den Nationalsozialisten ins Leben gerufene Organisation hatte nun ihre große Zeit. Es war der Deutsche Luftschutzbund ( kurz DLS genannt). Es ging los mit der Entrümpelung der Hausböden, d.h. alles Brennbare musste nach Möglichkeit entfernt werden. Außerdem wurden die Hausböden von Mehrfamilienhäusern mit Eimereinstellspritzen, Feuerlöscheimern, Wasserbehältern und Feuerpatschen ausgerüstet. 

Der nächste Schritt war die Ausrüstung der Bevölkerung mit sogenannten Volksgasmasken. Und das Wichtigste war die Durchführung der vollständigen Verdunkelung der Städte. Es durfte aus keiner Wohnung oder sonstigen Lichtquellen, Licht nach außen dringen. Selbst die Lampen der Autos bekamen Schutzüberzüge, die nur einen schmalen Schlitz für die Lichtquelle frei ließen und eigentlich nur der Erkennung, aber absolut nicht der eigenen Sicht dienten. Die Einhaltung dieser Maßnahmen wurde peinlich genau durch sogenannte Luftschutzwarte überwacht. Das hieß also, dass Städte und Gemeinden in ein absolutes Dunkel versanken. Mondschein war schon eine tolle Sache. Ansonsten musste man sich auf Gehör und Tastsinn verlassen. Ein wenig Hilfe brachten sogenannte Leuchtplaketten, die man sich als Fußgänger ans Revers heftete und die einen schwachen, aber erkennbaren Schein abgaben. So vermied man Zusammenstöße mit Fußgängern. Auch wenn es sich unglaublich anhört, aber es war so. 

Meiner Erinnerung nach fand der erste beachtenswerte Angriff aus der Luft hier bei uns im Norden in oder auf Lübeck statt. Und es traf, glaubt man der damaligen Propaganda, ausgerechnet einen Kinderspielplatz. Ein Angstgefühl stellte sich, wenn ich es recht erinnere, trotzdem nicht ein. Das Leben ging seinen Gang. Auch wenn man sich zusätzlich der eigenen Versorgung mit Lebensmitteln widmen musste. Es gab seit Kriegsbeginn alles, auch Schuhe und Bekleidung auf Bezugschein. Diese wurden nur bei Bedarf bei den Ortsämtern ausgegeben. Lebensmittel gab es selbstverständlich auf Lebensmittelkarten. Auch wenn unter diesen Umständen noch keine Not gelitten wurde, so waren es doch sehr einschneidende Maßnahmen, die ein Umdenken aller Betroffenen zur Folge hatte und den Alltag erheblich veränderten. Und dieses mit jedem Kriegsjahr mehr. 

Die meisten "Besuche" englischer Flugzeuge fanden in der Nacht statt und glichen anfangs eher einem Spektakel. Die Flak (Flugzeugabwehr) schoss damals noch mit Leuchtspurmunition und Mündungsfeuer. Außerdem waren in Hamburg auch viele Flak-Scheinwerfer (Flugzeugabwehr-Scheinwerfer) stationiert mit einem Durchmesser von 1,5O bis 2,00 m. Das Ganze war also eher einem Feuerwerk vergleichbar. Wenn die Explosionen der Flakgranaten nicht gewesen wären, die dem Ganzen doch eine bedrohliche Note gaben, so wäre es eher eine faszinierende Nachtunterhaltung, zumal der Drang bei Fliegeralarm den Schutzraum aufzusuchen, anfangs nicht besonders ausgeprägt war. Unser neuester Sport nach solchen Nächten war das Sammeln von Granatsplittern der Flakgranaten. Zigarrenkästen bargen unsere Schätze und wurden zum Vergleich mit in die Schule genommen. 

Wenn nachts Fliegeralarm gewesen war, fing die Schule nach einem gestaffelten System entsprechend später an. Bei Fliegeralarm, ausgelöst durch die Sirenen, es waren die gleichen, die heute noch teilweise die freiwillige Feuerwehre zum Einsatz rufen, sollte die Bevölkerung die Schutzräume aufsuchen. Diese konnten aus dem besonders hergerichteten Hauskeller bestehen oder den öffentlichen Schutzräumen, die entweder über oder unter Erde eingerichtet waren. Die Hauskellerdecken waren durch Balken verstärkt und die Keller der einzelnen Häuser durch Mauerdurchbrüche miteinander verbunden worden. Außerdem waren Notausstiege für den Fall des Verschüttetwerdens geschaffen worden. Alle Schutzräume durften nur von Deutschen und deren Verbündeten aufgesucht werden. Kriegsgefangene, Juden, kenntlich gemacht durch den gelben Stern auf ihrer Kleidung, und Fremdarbeiter durften keine Schutzräume aufsuchen. Wenn diese Regelungen durchbrochen wurden, lag es an den Menschen und an ihrer Zusammensetzung, d.h. wenn es keine Denunzianten gab, wurden auch unter Strafe gestellte Regelungen nicht eingehalten. 

Für den Gang in die Schutzräume gab es das sogenannte Luftschutzgepäck. Dieses Gepäck sah für jede Familie sehr unterschiedlich aus. Auf jeden Fall aber gehörten alle wichtigen Papiere und vor allen Dingen die Lebensmittelkarten dazu. Was sonst noch jeder als wichtig betrachtete, blieb jedem überlassen. Ob es der Kanarienvogel, andere Lebewesen oder Gegenstände waren, blieb jedem Einzelnen überlassen. Es war trotz des Ernstes der Lage manchmal sehr belustigend anzusehen, was einzelne Bürger mit in den Luftschutzkeller (volkstümliche Bezeichnung für den Schutzraum) nahmen für den Fall der Ausbombung (Verlust der Wohnung/Haus). Es gab, jedenfalls zu Anfang des Krieges, 2 Arten des Fliegeralarms, den Voralarm, eine Art Vorwarnung als Vorbereitung für den Vollalarm. Bei Vollalarm galt die Annahme der Bedrohung für die entsprechende Stadt. Ich hatte noch zwei Brüder, Jahrgang 1937 und 1940. Und ich musste, ob ich wollte oder nicht, meine Mutter dabei unterstützen, die ganze Familie samt Luftschutzgepäck in die vermeintliche Sicherheit zu bringen.

 Wenn man dann glücklich im Schutzraum saß, harrte man der Dinge, die da kommen konnten. Man achtete auf die Heftigkeit des Flakfeuers und schätzte die Entfernung der Bombeneinschläge nach der Stärke der Bodenbewegungen, den Bewegungen des Hauses und wie viel Kalk von der Decke rieselte. Wenn dann noch das elektrische Licht anfing zu flackern oder ganz aufhörte zu leuchten, konnte man schon einzelne Stoßseufzer und mehr hören. Da wir am Veddeler Bahnhof wohnten, passierte es des öfteren, dass neben unserem Haus Züge angehalten wurden und die Begleitmannschaften dieser Züge unseren Schutzraum aufsuchten. Es sprach sich meistens sehr schnell herum, dass es sich um Munitionszüge handelte. Eine angenehme Nachbarschaft bei der Bedrohung durch die Bomben! Tagsüber verlief das Leben normal, oder kam es einem nur so vor? Wir gingen zur Schule, machten 2 mal in der Woche unseren Dienst im Deutschen Jungvolk (die Jugendorganisation von 10 – 14 Jahren), gingen ins Kino und kümmerten uns eigentlich herzlich wenig um die große Politik. 

Wir hatten auch das Glück, dass an unserer Schule nur sehr wenige Lehrer dem Nationalsozialismus ergeben waren. Folglich hielt sich die Berieselung amtlicherseits in Grenzen. Wir haben diesen Umstand erst sehr viel später schätzen gelernt. Auf unseren heute noch jährlich einmal stattfindenden Klassentreffen findet dieser Glücksumstand stets seine entsprechende Würdigung. Im Jahr 1940 ging unsere 6. Volksschulklasse (heute Hauptschule) in die Kinderlandverschickung nach Oberbayern, und zwar in den bekannten Wintersportort Reit im Winkel. Wir waren 2 Klassen unserer Schule, begleitet von 2 Lehrern. Hier hatten wir Unterricht, nicht gestört durch Fliegeralarme. Im Spätherbst kehrten wir in die raue Wirklichkeit des Bombenkrieges zurück. 

Der eigentliche Grund der Rückkehr war der Übergang einiger Schüler in den Oberbau, einer heute nicht mehr vorhandenen Schulform. Im Oberbau wurde die mittlere Reife nach nur 4 Jahren erreicht, im Gegensatz zur Realschule in Preußen oder Schleswig–Holstein. Dort wurden für diesen Vorgang 6 Jahre benötigt. Der Oberbau war auch in unserer Veddeler Schule angesiedelt. Verstärkt wurde unsere Klasse durch Schüler aus dem Stadtteil Hamburg-Rothenburgsort. Wir hatten eine für heutige Verhältnisse traumhafte Klassengröße von 24 Schülern. Wir hatten bis 1942, für damalige Verhältnisse, einen ziemlich geordneten Unterricht. Durch Schichtunterricht vor- und nachmittags und durch den Wegfall scheinbar nicht so wichtiger Fächer erreichte man dieses Ziel. Hinzu kam natürlich ein ständiger Lehrerwechsel durch den Weggang von Lehrkräften zu den Soldaten. Die Altersgrenze wurde langsam aber beständig höher geschraubt. Da unser Stadtteil noch nicht unmittelbar von den Kriegshandlungen betroffen war, verlief unser Leben als Schüler eigentlich sehr normal. Wir kannten nichts anderes. Dass wir nebenher Spielzeug für Bedürftige basteln mussten oder in dem kalten Winter 1941/1942 Brikett und Kohlen von Elbkähnen zu alten Leuten und anderen auf Schlitten beförderten, haben wir als notwendige Gemeinschaftsarbeit angesehen. 

1943 wurde ein Großteil unserer Klasse konfirmiert. Und Ende April 1943 ging es dann erneut in die Kinderlandverschickung nach Ungarn. Ungarn war unter Eingeweihten der große Geheimtipp. Als wir Hamburg in Richtung Ungarn verließen, hatte sich an der allgemeinen Bedrohung für Hamburg nichts Wesentliches verändert. Es gab bei Tage Erkundungsflüge englischer Maschinen und des Nachts Störangriffe, die von der Menge des angerichteten Schadens her nicht besonders ins Gewicht fielen, sieht man von den Betroffenen ab, die plötzlich ihres Hauses beraubt waren. Insofern fuhren wir auch nicht besonders beunruhigt unserem unbekannten Ziel Ungarn entgegen. Bis Passau an der Donau mit der Eisenbahn und von dort weiter mit einem Raddampfer bis nach Budapest, so wie heute auch Kreuzfahrten auf der Donau angeboten werden. Und da man sich als Jugendlicher auch sehr schnell auf neue Dinge einstellen kann, hatten wir die Schrecken sehr bald, auch gedanklich, hinter uns gelassen. 

Wir landeten im südlichen Ungarn, direkt an der jugoslawischen Grenze und hatten den Himmel auf Erden. Vergessen waren Hamburg und der Bombenkrieg und alle Einschränkungen. Aber Unterricht, den hatten wir völlig ungestört und eigentlich auch ohne Einschränkungen. Kurzum, wir waren, so würde man heute neudeutsch sagen, völlig happy. Eine Unterbrechung erfuhr unser scheinbares und auf Zeit gepachtete Glück, als nach den Bombenangriffen auf Hamburg im Jahre 1943 die ersten Nachrichten eintrafen, dass Eltern und Angehörige von Mitschülern bei den Angriffen ums Leben gekommen waren. Die Betroffenen durften nach Hamburg fahren. Sie kehrten nach Erledigung ihrer Angelegenheiten zu uns nach Ungarn zurück, meistens als Vollwaisen. 

Ende Dezember 1943 wurden wir als Klassenverband nach Hamburg zurückbeordert. Unsere Heimreise mit der Eisenbahn nahm 6 Tage in Anspruch. Wir fuhren oder hielten quer durch Deutschland. Planmäßige Züge, Fronturlauberzüge oder Transportzüge mit Nachschub für die Front hatten in jedem Falle „Vorfahrt“. Hinzu kamen dann noch die laufenden Zerstörungen von Strecken durch Bomben, die es zu umfahren galt. Ich frage mich heute noch oft, wieso es unter den genannten Bedingungen immer noch so gut geklappt hat. Aber der Faktor Zeit spielte damals schon nicht mehr die absolute Rolle. Nach 6 Tagen Eisenbahnfahrt trafen wir wieder in Hamburg ein. Im Gepäck statt unserer Uniformen des Jungvolkes halbe Schweine und anderes Nahrhaftes. Am 02.01.1944 erhielten wir die Einberufung zum Flakhelfer. Wir fanden uns laut Einberufungsbefehl unter der angegebenen Adresse ein. 

Uns empfing eine andere Welt, nämlich die Welt der Soldaten. Auch wenn wir unter der Bezeichnung Luftwaffenhelfer eingezogen wurden und nach internationalem Recht keine Soldaten waren, so wussten wir doch, was uns bevorstand. Der absolute Dienst an der Waffe. Die Idee der Herrschenden war ein reines Rechenexempel. Für jeden Flakhelfer konnte ein regulärer Soldat an die Front gehen. Unsere Uniform war die der Fliegerhitlerjugend, also auch mit einer Hakenkreuzbinde am linken Arm. Dieser Binde haben wir uns alle entledigt, und zwar nicht nur in unserer Einheit, sondern überall dort, wo es Luftwaffenhelfer gab, ohne dass es einer Absprache bedurft hätte. Aber diese Tatsache sprach sich erst nach dem Krieg herum. Ausgebildet wurden wir auf dem damaligen Flakschießplatz in Hohwacht an der Ostsee, und zwar bei der sogenannten schweren Flak vom Kaliber 8,8 cm. 

Nach 8 Wochen kamen wir nach Hamburg zurück und wurden den Einheiten zugeteilt. Da wir als Klassenverband eingezogen worden waren, wurde unsere Klasse auch einer Einheit (Flakbatterie) zugeteilt. Und da eine Klasse für die Übernahme aller Funktionen nicht reichte, kam eine andere Klasse aus einer anderen Schule hinzu. Unsere erste Stellung war in Hamburg-Neugraben auf dem Segelflugplatz, dem Tempelberg. Dort erhielten wir unsere Feuertaufe. Da wir dort sehr hoch lagen, hatten wir auch einen sehr guten Überblick über das gesamte Stadtgebiet, jedenfalls den südlichen, den westlichen Teil unserer Stadt, Hafen und Innenstadt. Obwohl wir alle auf unseren „Arbeitsplätzen„ eingewiesen waren, herrschte bei unserem ersten Einsatz eine seltsame Spannung, Unsicherheit oder Angst. Wer wusste das damals schon so genau und wer hätte das zugegeben.

 Wenn es in dieser Nacht nach meinen Leistungen gegangen wäre, hätten wir uns alle Schießerei sparen können. Ich war Seitenrichtkanonier am Kommandogerät, dem Urgroßvater der heutigen Computer. Dieses Gerät errechnete nach der Eingabe vorher ermittelter Werte die Daten für die Geschütze. Ich habe mich dieser Aufgabe zwar gewidmet, aber mein Hauptaugenmerk galt dem Feuerzauber über Hamburg und dem der eigenen Batterie. Wir schossen damals noch mit Granaten, die ein Mündungsfeuer hatten und somit eine zeitweilige Blindheit verursachten, wenn man bei den Abschüssen nicht die Augen schloss oder sich abwandte. Auch dies war ein Grund, der mich an dem Erfolg unseres ersten Einsatzes auch heute noch zweifeln lässt. Am Tage erschienen dann die uns zugeteilten Lehrer in unserer Flakstellung und erteilten uns Schulunterricht in den wichtigsten Fächern wie Deutsch, Mathe, Geschichte und Erdkunde. Wenn es dann schon mal während des Unterrichts zum Alarm kam, so wurde eben unterbrochen. Die Lehrer mussten in den Splittergraben, wir an die Geschütze und Geräte. So einfach war das. 

Einmal die Woche durften wir, deren Angehörige noch in Hamburg waren, mit Urlaubsschein ausgerüstet, unsere Familien besuchen. Die bereits ausgebombten Klassenkameraden bekamen, wenn sich die Familien außerhalb Hamburgs befanden, Wochenendurlaub, aber beileibe nicht jede Woche. Und wenn man sich etwas hatte zu Schulden kommen lassen, wurde der Urlaub auch schon mal gestrichen. Als wir unseren Dienst begannen, waren noch alle Schlüsselpositionen mit regulären Soldaten besetzt. Im Verlaufe des Jahres 1944 wurde auch hier immer mehr eingespart und in unsere Hände gegeben. Gefragt, ob wir dies alles wollten, wurden wir nie. Die Anzahl der Angriffe und deren Heftigkeit nahm im Verlaufe des Jahres immer mehr zu. Unsere Nächte wurden immer kürzer und die Zeiten für den Unterricht auch. Schließlich mussten wir ja nach den nächtlichen Angriffen unsere Kanonen wieder gebrauchsfertig herrichten, volkstümlich ausgedrückt. Und etwas Schlaf brauchten wir ja auch. 

Und nach einem Plan mussten wir auch nachts, mit einem Gewehr bewaffnet, Wache gehen und unsere Stellung bewachen und unsere russischen Hilfskräfte. Dies waren gefangene Soldaten, die, um dem sicheren Hungertod in einem Gefangenenlager zu entgehen, sich freiwillig für solche Hilfsdienste gemeldet hatten. Wir Flakhelfer hatten zu diesen Menschen ein ausgesprochen gutes Verhältnis, auch wenn wir damals noch nicht die wahren Gründe ihrer Hilfswilligkeit kannten. Jedenfalls haben wir unser Brot mit ihnen geteilt, weil wir als Jugendliche für damalige Zeiten reichlich davon bekamen. Und heimlich musste es auch geschehen. Vielleicht war das auch der ganze Widerspruch, dass diese Menschen uns halfen, unsere Batterie einsatzfähig zu halten und andererseits wie Gefangene unter etwas besseren Bedingungen gehalten wurden. 

Da beim Militär nichts beständiger ist als der Wechsel, so mussten auch wir von Hamburg-Neugraben nach Hamburg-Rönneburg und dann noch einmal von dort nach Hamburg-Sülldorf umziehen. Mit allen Kanonen und allem Gerät, was man denn so braucht, um Menschen zu verteidigen oder umzubringen. Ab Sommer 1944 nahmen die Angriffe, wie bereits erwähnt, in erheblichem Maße zu, auch die Tagesangriffe. An einem Sonntag, Anfang Juni, es sollte der Alsterstaffellauf stattfinden und ich lief für den Luftwaffensportverein Hamburg, gab es Fliegeralarm. Wir hatten eine Mannschaftsbesprechung im Hotel „Europäischer Hof“, als es Alarm gab. Wir suchten den heute noch bestehenden Bunker am Hamburger Hauptbahnhof auf. Als Uniformträger mussten wir im vorderen Teil des Bunkers für mögliche Hilfeleistungen bleiben. Im Verlaufe dieses Angriffes wurde der Platz im Hotel, wo wir unsere Besprechung durchgeführt hatten, völlig zerstört. Bunker und Schadensort waren nur eine Straßenbreite auseinander. Entsprechend heftig waren auch die Bewegungen innerhalb des Bunkers. 

Und jetzt muss ich von einem Phänomen berichten : In diesem geschlossenem Raum hatte ich Angst. Vor dem Verschüttet werden, vor dem Tod, Brand oder Ersticken und ich weiß nicht was noch. In der Batterie waren wir ja schutzlos dem Ganzen ausgeliefert, aber man konnte sehen, was um einen herum vorging, und man hatte eine ablenkende Aufgabe. Ich habe einmal einen Angriff im Flakbunker in Hamburg-Wilhelmsburg miterlebt. Diese Flakbunker waren für damalige Verhältnisse nicht zu knacken, also auch sicher. Als dieser Koloss anfing zu schwanken, ich stelle mir so heute Erdbeben vor, kam wieder dies ungute Gefühl Angst auf. An dieser Stelle sollte ich vielleicht hinzufügen, dass nach der Beendigung des Alarms der Alsterstaffellauf erneut ausfiel. Der Tagesangriff hatte diesmal wieder enorme Schäden angerichtet. 

Also, was tut man in so einem Falle mit einem Urlaubsschein für den Tag in der Tasche ? Man fährt selbstverständlich nicht sofort in die Stellung zurück. Ich beschloss für mich einmal nach unserer Wohnung zu sehen. Meine Mutter war mit meinen Brüdern nicht mehr in Hamburg, sondern in Mecklenburg, auf dem Lande, bei einer Schwester, die dort einen Bauernhof hatte. Es hatte mir viel Mühe bereitet, meiner Mutter diesen Aufenthalt dort schmackhaft zu machen. Die Angriffe nahmen ja ständig zu. Also machte ich mich auf den Weg. 

Erste Feststellung : Es fuhr keine Straßenbahn Richtung Harburg und damit auch nicht zur Veddel. Kein gutes Vorzeichen. Da wir ja zwangsläufig Marschieren gelernt hatten, nahm ich meine Beine in die Hand und los ging es. Durch Hammerbrook, einen Stadtteil, der schon 1943 bei den großen Angriffen vollständig ausradiert worden war. Auch Rothenburgsort, auch dieser Stadtteil bestand eigentlich nur noch aus dem Namen und den Trümmern, die einmal Häuser gewesen waren. Von den vielen Toten und Verletzten gar nicht zu reden. Die Elbbrücken standen noch unbeschädigt. Ich hatte die Veddel erreicht. Meine Schritte wurden immer schneller, denn dem Anschein nach, oder war es nur eine Ahnung, hatte es die Veddel diesmal erwischt. Ich näherte mich unserem Wohnblock, einem Ende der 20er Jahre errichteten Gebäude. Es war wie ein Würfel um einen begrünten Innenhof herum erbaut. Der uns gegenüberliegende Gebäudeteil war zerstört und ich konnte von hinten unser unbeschädigtes Haus erkennen. Als ich jedoch der Vorderseite unseres Hauses ansichtig wurde, musste ich erkennen, dass es auch uns erwischt hatte. Die Bombe hatte den vorderen Teil unseres Hauses erwischt, und vom Flur der Wohnungen hingen alle Fußböden übereinandergeklappt nach unten. Ein gespenstisches Bild. Ich kam gerade noch rechtzeitig, um die Leiche unseres im Nebenhaus wohnenden Gemüsehändlers bergen zu helfen. Er bot keinen sehr erfreulichen Anblick. 

Danach erklomm ich über die herabhängenden Fußböden unsere Wohnung. Der Flur, in der Mitte der Wohnung gelegen, war noch begehbar. Kinderzimmer und Küche nebst Speisekammer waren noch erhalten. Ob man es glaubt oder nicht, aber in der Speisekammer stand alles noch in Reih und Glied. Wieder eines dieser nicht zu fassenden Wunder oder seltsamen Begebenheiten, für die es rational keine Erklärung gibt. Ich benachrichtigte die Familie und erhielt selbst von meiner Einheit eine Woche Bombenurlaub (so nannte man die Zeit zur Erledigung der Angelegenheiten). Mein Vater war damals nicht erreichbar, entweder in Russland oder Norwegen. 

In dieser Woche habe ich dann mit fremder Hilfe die restlichen Möbel und sonstiges aus der Restwohnung und aus dem Keller geborgen und sichergestellt. Während dieser Zeit habe ich zusammen mit einem Bekannten in unserer Schule genächtigt. Unsere Schule war zu einem Hilfs- und Verpflegungsmittelpunkt für die Ausgebombten und die Hilfskräfte umfunktioniert worden. Danach begann wieder der Alltag in der Flakbatterie. Viel Alarm und wenig Unterricht. Hauptziel der Angriffe waren unter anderem immer wieder die Ölraffinerien in Harburg. Immer wenn die Werke nach der Zerstörung wieder anfingen zu arbeiten, konnten wir sicher sein, dass wieder Angriffe geflogen wurden, um die Produktion zu stören. Im Oktober 1944 wurde dann Harburg endgültig platt gemacht. Bei tief hängender Wolkendecke, also ohne Sicht für uns, wurde abgeladen, was explodieren konnte. Der Flugzeuglärm über den Wolken war so gewaltig, dass allein diese Geräusche einem die kalten Schauer über den Rücken jagten.

 Wir schossen bei diesem Inferno Dauerfeuer in einen bestimmten Sektor des Luftraumes über uns. Da ich als kräftiger junger Mann schon seit dem Sommer 1944 als Ladekanonier tätig sein musste, hatte ich in so einem Fall Schwerstarbeit zu leisten und daher, wie wir alle, keine Zeit, uns um unsere Befindlichkeiten zu kümmern. Ein Geschoss wog immerhin 30 Pfund und bei einer Rohrerhöhung (Neigungswinkel des Geschützrohres) von mindestens 65 bis 75 Grad war für den Ladevorgang immer eine Kniebeuge mit der Granate im Arm notwendig. Wie ich heute noch meine, eine für einen 16jährigen reife Leistung. Gleichwohl möchte ich anmerken, dass wir uns nicht als Helden fühlten. Heute würde man sagen, dass man seinen Job gemacht hat. 

Eines Tages bekamen wir sogar Frauen in unsere Batterie. Flakhelferinnen, die bestimmte - heute würde man sagen frauenspezifische - Aufgaben zu erledigen hatten. Zum Beispiel bedienten sie u.a. bei uns den Würzburger Riesen, ein ortsfestes Funkmessgerät mit einer sehr großen Reichweite. Dieses Gerät barg aber auch für uns die große Gefahr, als besonderes Angriffsziel zu gelten, um dieses Messgerät auszuschalten. Wir haben es zu spüren bekommen und die Bombardierung unserer Stellung nur mit viel Glück überstanden. Nach der Erklärung des totalen Krieges durch den Propagandaminister Göbbels, wurden wir wiederum durch Künstler verstärkt. Die Theater wurden geschlossen und die wehrfähigen Künstler zu den Fahnen befohlen. 

Wir haben dann trotz der Schwere der Zeit noch so manche frohe Stunden mit diesen zum Teil sehr bekannten Menschen verbracht. Da unsere Zeit als Flakhelfer bald ablief, bekamen wir unseren Ersatz, sogenannte Flak-V-Soldaten zur Ausbildung. (Es waren Leute im wehrfähigen Alter, die nicht frontverwendungsfähig waren). Wir haben diese Menschen an ihre neuen Aufgaben herangeführt, um letztlich auch bei ihnen festzustellen, was es bedeutet, wirklich Angst zu haben. Am 1. Januar 1945, das neue Jahr war gerade mal 10 Stunden alt, bekamen wir Alarm. Es war ein sonniger aber sehr frostiger Tag. Die Sicht war gut, und so konnten wir durch unsere Ferngläser sehr bald, von Stade heranfliegend, Flugzeuge sehen, so weit das Auge reichte. Es wimmelte silbrig am Himmel und doch in einer straffen Ordnung. Bevor sie in Schussweite kamen, konnten wir sehen, wie die Bombenschächte geöffnet wurden. Es herrschte angespanntes Schweigen, während gleichzeitig die Vorbereitungen unsererseits liefen. Auch uns war sehr mulmig, gelinde ausgedrückt. Als dann der Feuerbefehl kam, waren wir scheinbar erleichtert. Die Ablenkung setzte ein. Vor unserer Stellung ging ein Bombenhagel nieder und wir schossen und schossen. Man meinte, die Flugzeuge mit der Hand vom Himmel holen zu können. Wir trafen auch, aber das Gros dieser unvorstellbaren Masse zog weiter nach Hamburg. Was waren die 2 oder 3 abgeschossenen Flugzeuge gegen die anderen Hunderte? 

Als dieser Spuk vorüber war, mussten wir feststellen, dass unsere Auszubildenden in der Mehrzahl das Weite gesucht hatten und sich hinter Knicks oder wo auch immer in "Sicherheit" gebracht hatten. Sie hatten gleich die volle Härte erlebt und nicht wie wir das Glück einer langsamen Eingewöhnung gehabt. Wir haben nicht gelästert und gefrotzelt und auch nicht von Feiglingen gesprochen. Mitte Januar erhielt ich meinen Entlassungsschein und kehrte zu meiner Familie nach Mecklenburg zurück, froh diesem Inferno entronnen zu sein. Aber der Bürgermeister des Dorfes, ein strammer Nazi, hatte etwas gegen mich. Ich sollte die Heimat verteidigen und mich nicht verdrücken. Da die Macht dieser Leute damals noch ziemlich groß war, blieb es mir nicht erspart, wieder eine Uniform anzuziehen. Ich landete als ausgebildeter Flak-Artillerist bei der Heeresflak und damit auch noch im Endkampf gegen die Russen. Da wurde die Angst dann riesengroß, oder war es die Vorsicht? Na ja, sicherlich von jedem etwas. Ich habe mich in meinem späteren Leben nicht als Verdränger empfunden, sondern mich bemüht, die Vergangenheit anzunehmen und aufzuarbeiten. Ich hatte zwar keine Schuld auf mich geladen, war aber doch ein Rädchen in diesem Spiel. 

Meine ganze Kraft galt und gilt noch heute zu verhindern, dass sich so etwas wiederholt.