Dieser Eintrag stammt von Kevin Heckel

Meine organisierte Jugend im Dritten Reich
(Heinz Schaeffer, Jahrgang 1926 († 2009)

Ich bin in der hinterpommerschen Stadt Stolp aufgewachsen. Der von den nationalsozialistischen Machthabern begonnene unselige 2. Weltkrieg hat letztlich zum Verlust meiner Heimat geführt. Schon meine Großmutter, eine Kriegerwitwe aus dem 1. Weltkrieg mit feinem Gespür für das Redliche, versuchte mir in den Kinderjahren vorsichtig verständlich zu machen, dass die Mächtigen der NSDAP und ihre Helfershelfer keine aufrichtigen Menschen seien, die es mit dem Deutschen Volk wirklich ehrlich meinten. 

So von der häuslichen Umgebung geprägt, erfüllte ich die denkbar schlechtesten Voraussetzungen für den Eintritt in die Hitler-Jugend, der einzigen Jugendorganisation im Dritten Reich. Kinder sind ja besonders schnell lern- und anpassungsfähig. Darauf bauten auch die damaligen Machthaber und haben entsprechend gehandelt. Alle bestehenden Jugendorganisationen wurden in die HJ übernommen oder einfach aufgelöst oder verboten. Nur so war es möglich, die Jugend gegen den Willen ihrer Eltern staatstragend zu erziehen und politisch einseitig zu schulen. Für alle Kinder bestand die Pflicht, der Hitler-Jugend beizutreten. Wer sich nicht freiwillig der Aufnahme stellte, wurde in die sogenannte Pflicht-HJ (auch Zwangs-HJ genannt) eingegliedert und zwangsweise zum "Dienst", wie unsere Ausbildung genannt wurde, von zu Hause abgeholt, und zwar von zwei Führern dieser Einheit. 

Die Pflicht-HJ wurde besonders streng beaufsichtigt. Ich bin mit 10 Jahren als Pimpf in ein Lehrfähnlein aufgenommen worden. Es erfasste alle 10-jährigen Jungen unserer Stadt. Hier wurden wir 6 Monate ausgebildet und auf die Pimpfenprobe vorbereitet. Nach Abschluss dieser Ausbildung wurden wir an das für unseren Wohnbezirk zuständige Fähnlein weitergereicht. Ein Fähnlein umfasste je nach Größe des Wohnbezirks 100 bis120 Jungen, bestehend aus 3 bis 4 Jungzügen, mit wiederum 3 bis 4 Jungschaften. Bei den14- bis 18- jährigen Hitlerjungen wurde aus dem Fähnlein eine Gefolgschaft. Auf dem Überweisungsweg zu meinem zuständigen Fähnlein muss meine Karteikarte verloren gegangen sein, denn ich habe keine Aufforderung erhalten, meinen Dienst im Fähnlein 10 anzutreten. Damit war ich durch die Maschen der totalen Erfassung gefallen. Ich fand diese unverhofft geschenkt beklommene kindliche Freiheit ganz prima. Für mich war es kein Problem, meine Freizeit auch ohne "Dienst" sinnvoll zu gestalten. 

Nach 1 ½ Jahren war es jedoch mit der eigenen Freizeitgestaltung endgültig vorbei. Unser NS-Lehrer, Herr Tietze, er war der Vertrauenslehrer der Partei in der Schule, hatte erfahren, dass ich nicht in der Hitler-Jugend war. Binnen einer Woche musste ich ihm eine Bescheinigung vorlegen, dass ich der HJ beigetreten war. Ich meldete mich im Fähnlein 10 an und hatte ab sofort zweimal in der Woche HJ-Dienst, und zwar mittwochs und sonnabends. Ich muss die Sache gleich zu ernst genommen haben, denn nach einer Woche wurde ich schon zum Hordenführer vorgeschlagen. Er war der Vertreter des Jungschaftsführers und hatte die unangenehme Aufgabe, vor jedem "Dienst" alle 12 zur Jungschaft gehörenden Jungen zu benachrichtigen. Es musste jeweils ein Elternteil in einem Benachrichtigungsbuch durch Unterschriftleistung bestätigen, dass es von der nächsten Dienstveranstaltung ihres Sohnes Kenntnis genommen hatte. Das waren schon sehr strenge Sitten, denn nun hatten die Eltern dafür Sorge zu tragen, dass sie ihren Sohn rechtzeitig zum "HJ-Dienst" in Marsch setzten. 

Ich habe mich persönlich gesträubt, diesen unbeliebten Posten anzunehmen. Als Grund hatte ich die Versorgung unserer Kleintiere am Haus angeführt und mich dabei auf meine Mutter berufen. Der Fähnleinführer ist zu uns ins Haus gekommen, um mit meiner Mutter über meine Hinderungsgründe zu sprechen. Er erschien in Uniform, trat sehr selbstsicher auf und war entsprechend redegewandt, so dass meine Mutter schließlich einwilligte. Mein unmündiger Widerspruch war damit aufgehoben. So kam ich, schneller als mir lieb war, zu meiner ersten Führungsposition in der Hitler-Jugend. Fortan war ich ins Räderwerk eingespannt und habe am Karren fleißig mitgezogen. Ich habe meinen Job wohl zu gewissenhaft ausgeführt, denn nach einem Monat wurde ich schon Jungschaftsführer, dekoriert mit einer dünnen rot-weißen Kordel. Die Rangabzeichen und zusätzlichen Schnüre, die die ausgeübte Dienststellung wiedergaben, sollten zusammen mit der Uniform für uns Kinder einen zusätzlichen Anreiz bieten, sich der Sache mit Begeisterung zu widmen. 

Es dauerte wiederum nur ein halbes Jahr, und ich wurde zum Jungzugführer befördert. Nun trug ich an meiner Uniformjacke eine dicke grüne Kordel. Mit jedem Stück mehr an Verantwortung wuchs auch die Begeisterung oder besser, das kritiklose Mitmachen. Damit hatte ich neben der Schule einen "Fulltimejob" übernommen, denn nun war für mich fünfmal in der Woche Dienst angesagt. Mit der Vollendung des 14. Lebensjahres bin ich nicht, wie es allgemein üblich war, von dem Deutschen Jungvolk in die Hitler-Jugend übergewechselt. Dort hätte ich ja meine Führungsposition verloren, weil die Gefolgschaften der Hitler-Jugend nach vormilitärischen Fachsparten gegliedert waren, wie z.B. Flieger-, Marine-, Reiter-, Motorgefolgschaft oder der HJ-Streifendienst. Inzwischen war ich zum Hauptjungzugführer befördert worden und damit Vertreter des Fähnleinführers. Ein weiterer Grund, meine Einheit nicht zu verlassen. Auch der Eintritt in das Berufsleben, als Dienstanfänger in der Stadtverwaltung, erforderte keine Veränderung, weil ich mittwochs und sonnabends nachmittags nicht zu arbeiten brauchte.                                                       

 Leider trat hier sehr bald eine Änderung ein, da die Kriegsfolgen auch für die Stadtverwaltung eine längere Arbeitszeit erforderte. Trotzdem blieb ich im Fähnlein 10 als Hauptjungzugführer zbV. - zur besonderen Verwendung -. Meine Teilnahme "Dienst" wurde kriegsbedingt immer seltener, da auch sonnabends länger gearbeitet werden musste. Nachdem bereits zwei unserer Fähnleinführer zum Kriegsdienst einberufen worden waren, bin ich durch den Führungswechsel und die seltene Teilnahme am "Dienst" ohne Überweisung an eine HJ-Gefolgschaft aus dem Fähnlein 10 ausgeschieden. So angenehm es vorerst war, brachte es mich doch in arge Schwierigkeiten, denn nun bekam ich meine Bescheinigung über die Zugehörigkeit zur Hitler-Jugend nicht mehr ausgehändigt, die ich alle 6 Monate meinem Arbeitgeber und dem Sportverein vorlegen musste.

Da ein Klassenkamerad der Verwaltungsschule Gefolgschaftsführer in der Reiter-HJ war, lag es nahe, dort einzutreten. Als er zum Reichsarbeitsdienst einberufen wurde, habe ich mich von der Reiter-HJ abgesetzt, weil ich die letzte Angst vor den Pferden nicht ganz ablegen konnte. Bis zur Vorlage der nächsten Bescheinigung musste ich mir wieder eine Gefolgschaft suchen. Diesmal war es der Gefolgschaftsführer des HJ-Streifendienstes, der mir aus Freundschaft das lebensnotwendige Papier ausstellte. Er war ebenfalls Schulkollege der Verwaltungsschule und hatte darum für meine Nöte Verständnis. Dem HJ-Streifendienst waren für die gesamte Hitler-Jugend alle Kontrollfunktionen übertragen worden. So überwachte er u.a. die Einhaltung des Rauchverbots, die Eingänge an den Kinos und Gaststätten sowie alle übrigen Veranstaltungen. Was dagegen nicht auf dem Dienstplan stand und worüber offiziell nicht gesprochen werden durfte, waren die Spitzeltätigkeiten für die Partei und den Geheimen Staatssicherheitsdienst. Mit diesen üblen Methoden wurden vermeintliche Regimegegner und unliebsame Bürger, denen staatsfeindliches Verhalten unterstellt wurde, unschädlich gemacht, wie es im damaligen Sprachgebrauch hieß. 

So hatte ich hautnah miterlebt, wie mein Pastor, der mich konfirmiert hatte, abgeholt und völlig grundlos verhaftet worden war. Ihm wurden staatsfeindliche Äußerungen vorgehalten. Zwei BDM-Mädchen hatten an seiner Bibelstunde teilgenommen und über ihn einen vernichtenden Bericht geschrieben, der in keiner Weise den Tatsachen entsprach. Nach Bekanntwerden der Verhaftung hatten sich die Gemeindebürger vor das Gefängnis gesetzt und waren nicht eher abgezogen, bis sie ihren Pastor wieder mitnehmen konnten. Eines Tages erhielt ich im HJ-Streifendienst einen strengvertraulichen Auftrag. Ich sollte den Gottesdienst in der katholischen Kirche besuchen und über den Pfarrer möglichst über seine parteischädigenden Äußerungen berichten. Ich war zu Hause gläubig erzogen worden, so dass ich in meiner Gewissensnot mit meiner Mutter und Großmutter über meinen Auftrag gesprochen habe, obwohl es mir streng untersagt worden war. Beide waren empört über die Schmutzarbeit des HJ-Streifendienstes und verboten mir ausdrücklich, mich an dieser gottlosen Aktion zu beteiligen. Meine Weigerung hatte keine Konsequenzen, denn mit dieser Wühlarbeit bewegte sich der HJ-Streifendienst außerhalb der Legalität. Mein Gastspiel im HJ-Streifendienst hat nur knapp 5 Monate gedauert. 

Der Führer hatte befohlen, den Jahrgang 1926 so rechtzeitig zum RAD (Reichsarbeitsdienst) einzuberufen, damit aus den "zarten Jungs" durch Verpflegung und sportliche Ertüchtigung "ganze Kerle" würden, natürlich für den Kriegsdienst. Obwohl die Gefolgschaft des HJ-Streifendienstes die Vorstufe zur Waffen-SS bildete, traf ich meinen Gefolgschaftsführer als Soldat in einer ganz schlichten Infanterie-Einheit wieder. Über seine Beweggründe haben wir nicht gesprochen. FAZIT: Auch eine straff gelenkte Jugendorganisation in einer Diktatur bot gelegentlich Schlupflöcher und hatte auch bei "linientreuen" Führungskräften der Jugend, wenn sie unkontrolliert handeln konnten, nicht zwangsläufig gedankenloses Mitmachen zur Folge!