Dieser Eintrag stammt von Dina Kienke(*1991)

Kindheit und Jugend in einer sozialdemokratischen Familie

Ergebnisse eines Interviews mit Frau Helga S. (*1928)

Widerstand
Helga S. erfuhr schon als Kind wie es war, wenn die Eltern nicht in der Partei waren. Ihr Vater war arbeitslos und das sollte sich so schnell auch nicht ändern. Seine Meinung stimmte nicht mit der der Nazis überein und deshalb lehnte er es auch ab, in die Partei einzusteigen und gegen seine Überzeugung zu handeln. Dies änderte sich während seines ganzen Lebens nicht, auch nicht, als die Nationalsozialisten ihre Macht schon weit ausgedehnt hatten.
Doch das Leben im Widerstand und mit einer Meinung, die nicht mit der der Regierung übereinstimmte, war damals gefährlich.

Eines Tages kamen Verwandte und Bekannte der Familie, darunter auch ihre beiden Onkel, bei ihnen zu Hause unter. Sie mussten aber auch von dort fliehen, da sie verfolgt wurden. Sie waren gegen den Nationalsozialismus und lehnten sich auch gegen ihn auf. Den Nazis war es allerdings egal, ob sie sich nur mit Worten gegen sie auflehnten oder mit Taten. Über Umwege nach Dänemark fliehen mussten die Widerständler trotzdem, da sie sonst zweifellos ins Gefängnis gekommen wären.

Noch gut erinnern kann sich Helga S. daran, dass ihr schon als Kind beigebracht wurde, niemandem etwas zu erzählen. Sie erinnert sich an die Männer mit Schlapphüten und langen Mänteln, die sie fragten, wo denn ihr Onkel sei. Auch bei ihren Großeltern und bei ihr zu Hause tauchten diese Männer des Öfteren auf, um herauszufinden, wo sich die gesuchten Personen befänden. Post musste deshalb, nachdem sie gelesen wurde, sofort vernichtet werden, um kein Risiko einzugehen. Auch gesprochen wurde dann über diese Post nicht mehr.

An einen Besuch kann sie sich noch besonders gut erinnern:
Die Männer kamen und wollten den Keller und die ganze Wohnung durchsuchen. Der Zufall wollte es so, dass sich ausgerechnet an diesem Tag Flugblätter ihres Vaters in der Wohnung befanden. Wo sollte man nun also hin mit einem Stapel Flugblätter, während die SS die Wohnung durchsuchte? Glücklicherweise lag ein Buch des arbeitslosen Vaters auf dem Küchentisch. Kurzerhand packte Helgas Vater also den Stapel Flugblätter unter das Buch auf dem Tisch und hoffte, sie würden diese nicht entdecken. Anscheinend war dies zu offensichtlich - die SS übersah tatsächlich die Flugblätter! „Das hätte aber auch schief gehen können, man konnte ja gar nicht vorsichtig genug sein“, sage Helga S., als sie uns von diesem Erlebnis berichtete.

1939 fuhr Helga S. mit ihren Großeltern noch einmal nach Dänemark, um die Geflüchteten dort noch für 14 Tage zu besuchen. Auch hier erinnerte sie sich noch an einige Kleinigkeiten. Um den Geflohenen Geld zukommen zu lassen, entfernten ihre Großeltern  das weiche Innere aus den Brötchen und legten Fünf-Mark-Stücke hinein. Dann wurde das Weiche wieder hineingestopft. Auf diese Weise schafften sie es, das Verbot Geld mitzunehmen, zu umgehen.

Ein besonders aufregendes Erlebnis war für sie auch, als sie an einem Tag in Dänemark auf ein Gebäude mit hohem Turm gestiegen waren. Ausgerechnet in dem Moment, in dem sie oben standen, warf ein ihnen Unbekannter Propagandazettel herunter. Aus Angst vor der Gefangennahme, konnten sie gar nicht schnell genug von diesem Turm herunter kommen.

Als später die Deutschen auch in Dänemark einmarschierten, mussten die Verwandten von  Helga S. noch einmal fliehen. Einer ihrer Onkel konnte nicht flüchten, wurde geschnappt und kam nach Deutschland in ein Gefängnis, in dem er bis Ende des Krieges bleiben musste. Die anderen waren mit dem Schiff bis nach Schweden und Norwegen gefahren, aber sie durften nicht ganz bis an die Küste heran fahren. Der Rest musste geschwommen werden. Zwei dieser Männer schafften es nicht und ertranken auf dem Weg zu Schwedens Küste.

Kindheit und Jugend in einer nicht nationalsozialistischen Familie
Sehr im Gedächtnis geblieben sind die vielen Luftangriffe. Eine Sache war für Helga S. besonders schockierend: Einmal wurde bei ihnen in der Nähe ein Flugzeug der Engländer abgeschossen, welches dann auch dort bei ihnen im Weidenbaumsweg „runter ging“. Die Insassen lagen dann tot neben dem kaputten Flugzeug. Besonders erschreckend ist hierbei allerdings die Tatsache, dass einige Menschen zu den Leichen hingingen, um sie zu treten. So drückten sie ihre Verachtung für die Engländer aus.

Eine weitere Erinnerung ist das Bild der vielen Männer, die ins KZ geführt wurden. Während diese durch die Straßen getrieben wurden, durfte man sie nicht angucken. Aus Mitleid und da sie sowieso gegen die Regierung waren, ließen Helgas Opa und andere Menschen immer unauffällig Zigaretten fallen, damit die KZ Häftlinge eine Zigarette rauchen konnten, denn sie hatten ja sonst nichts. Schnell mussten die Häftlinge sich dann bücken, um nicht dabei erwischt zu werden, wie sie Zigaretten vom Boden aufhoben.

Die Schulzeit begann für Helga S. 1935. Auch hier waren allerdings Sozialdemokraten und deren Kinder nicht gern gesehen. Gegen die eigene Überzeugung musste sie dann Hitlerlieder singen und sich die Judenverhetzung anhören. Sofort wurde ihnen eingetrichtert, dass sie mitmachen mussten und keine Kritik üben durften.

Als dann die Zeit der Kinderlandverschickung kam, gingen die Kinder der Sozialdemokraten (unter anderem auch Helga S.) nicht mit, da ihre Eltern die Nazis nicht bei ihrem Tun unterstützen wollten. Ob sie in den BDM eintreten wollte, wurde sie allerdings gar nicht erst gefragt, also ging sie dorthin und hörte sich an, was die Menschen dort zu sagen hatten. Besonders engagiert hat sich Helga S. im BDM aber nicht.

Helga war nicht die einzige Tochter von Sozialdemokraten aus ihrer Klasse. Viele andere aus ihrer Klasse, vor allem vom Weidenbaumsweg, waren auch Anhänger der SPD. Dafür war diese Straße auch bekannt. Manchmal wurden die Kinder deswegen auf dem Weg zur Schule von nationalsozialistisch eingestellten Kindern abgefangen und von ihnen geschlagen. Ernstere Vorfälle gab es jedoch, soweit sich Helga erinnern kann, nicht.
Es war besonders praktisch, dass in ihrer Straße viele Gleichgesinnte wohnten, denn so konnten sie zusammen Völkerball und andere Spiele spielen.

Ein weiteres verstecktes Auflehnen gab es noch, wenn zu besonderen Anlässen die Fahnen herausgehängt werden sollten. Aus Angst dafür bestraft zu werden keine Fahne rauszuhängen, hängten sie dann die kleinste Hakenkreuzfahne heraus, die sie finden konnten.