Dieser Eintrag stammt von Lucie Kinscher

Erinnerungen einer Kindheit im Nationalsozialismus 

Lucie Kinscher wurde am 9.März 1922 im Kreis Jericho in Deutschland geboren. Sie heiratete noch vor dem Krieg und begann eine Kaufmännische Lehre, später arbeitete sie als Angestellte des Oberbürgermeisters der Provinz Hannovers.
Als die NSDAP an die Macht kam war sie bereits 11 Jahre alt. Ihre Erinnerungen an Begegnungen mit Nazis sind allerdings ein wenig verschwommen. Sie konnte mir jedoch noch berichten, wie sie zu der Zeit in einer Mietwohnung in Hannover wohnte. In dem Haus wohnten viele Familien, unter anderem auch eine SPD-Funktionär mit seiner Familie. Und als die Nazis an die Macht kamen, wurde dieser SPD-Funktionär von einen auf den anderen Tag in ein Umerziehungs- Lager gesteckt.

Zum Glück musste sie aber nicht zu den Jungmädchen, dies wurde aber später Pflicht und da sie mit ihren 14 Jahren zu alt war, musste sie zum Bund Deutscher Mädchen. Sie kann sich noch erinnern, dass sie oft von Tür zu Tür durch die Nachbarschaft gehen musste um Geld für den Bund zu sammeln, sie hat aber keine wirklich schlechten Erinnerungen daran. Sie erzählte mir, dass es eher wie bei den Pfadfindern war, und dass nur manchmal über Politik geredet wurde.

Sie kann sich noch haargenau an den Anfang des Krieges 1939 erinnern. Sie arbeitete damals in einer Polsterwatte- Fabrik, und jedes Mal wenn Hitler eine Rede hielt mussten sich alle Arbeiter auf dem Hofplatz versammeln, um gemeinsam vorm Radio dem zuzuhören, was Hitler verkündete. Sie erinnert sich genau an die Worte: „Ab 4.30 Uhr wird zurückgeschossen!“

1945

Niemand in Hannover wusste im April 1945, wie es weitergehen sollte, die Stadt kapitulierte im Gegensatz zu Berlin bereits im April 1945, und die Amerikaner besetzten es. Zuvor gab es den Befehl aus Berlin, alle Akten im Büro des Oberbürgermeisters zu verbrennen.

Am schwersten war es, für jeden Tag etwas zu Essen zu haben. Meine Großmutter ist oft mit ihrer Schwester losgegangen und hat Bucheckern gesammelt oder Kartoffeln von Feldern aufgesammelt. Sie hatte aber auch viel Glück, denn der Freund einer guten Freundin hatte einen Feinkostladen, aus dem sie oft Essen bekommen hat und ihr Haus wurde während der Bombardierung Hannovers nicht zerstört. Oft musste sie mit einer Karre los in den nächsten Wald um Holz zum Heizen des Hauses zu sammeln. Ein Mal kam ihr währenddessen ein amerikanischer Jeep auf Patrouille entgegen, der sie anhielt und nach Waffen untersuchte, wobei ihr das Herz in die Hose rutschte. Die Amerikaner haben sich aber nicht immer korrekt verhalten. Zum Beispiel sind sie in viele Häuser eingebrochen und haben viel Eigentum einfach mitgenommen.
Der Mann meiner Großmutter kam im Mai 1945 wieder. Er wurde wegen seines Medizin Studiums als Sanitäter an der Front eingestellt. Am Ende des Krieges kam er in amerikanische Gefangenschaft, wo er aber sehr bald freikam. Viele Soldaten haben ihre Eheringe in den Hosenschlitz genäht, sonst wäre dieser von den amerikanischen Soldaten abgenommen worden.
Außerdem gab es im Mai auch sehr viele Gedenkmärsche der Alliierten in Gedanken an die Todesopfer des Krieges an denen man als Passant gezwungen war teilzunehmen. Sie erinnerte sich auch daran, dass der Zusammenhalt unter den Menschen niemals so groß war wie zu dieser Zeit. Jeder hat dem anderen geholfen, weil alle in derselben Lage steckten.

„So etwas kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, sagte sie.