Dieser Eintrag stammt von Johanna Gabriel

Klassenreisen (1939-1943)

I.
Ostern 1939 kam ich in die Oberschule (Gymnasium) in Hamburg. Bereits im Juni machte ich meine erste Klassenreise, wir fuhren vergnügt und neugierig per Holzklasse Eisenbahn in unser Schullandheim nach Bad Harzburg.

II.
Nach Kriegsausbruch im September 1939 gab es fast jede Nacht Fliegeralarm bis Mai 1945, das bedeutete, dass wir nachts nicht durchschlafen konnten, sondern bei Voralarm aufstehen und bei Vollalarm in den Luftschutzkeller gehen mussten. Je nach Alarmende fielen mehr oder weniger Unterrichtsstunden aus.

Also reiste meine Klasse zusammen mit Lehrkräften und HJ-Führern nach Bayreuth. Zweimal in der Woche und am Sonntagmorgen war Hitlerjugenddienst Zwang. Wir blieben 1941 vier Monate dort und wohnten in einer ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt. Bedrückend war, wenn uns die Nachricht vom Soldatentod oder Bombentod einiger Familienangehöriger erreichte.

III.
Nach einem Zwischenaufenthalt im Elternhaus kam die dritte Reise; denn die Luftangriffe wurden noch intensiver und die Schulen im inneren Stadtbereich wurden geschlossen. Dieses Mal ging die mehrtägige Reise nach Kac in Südungarn (heute Serbien) nahe Novi Sad an der Donau. Wir 40 Mädchen wurden bei volksdeutschen Familien untergebracht.

In dem Ort - ohne elektrischen Strom - wohnten überwiegend Serben, außerdem noch Ungarn und Russen.

Zu den vielen eindrucksvollen Erlebnissen gehörte besonders der Zug der Hirten morgens mit Kühen und Schweinen in die Pussta und die Weinernte.

Aber die alliierten Truppen rückten am Ende unseres einjährigen Aufenthalts über den Balkan näher, wir mussten zurück nach Bayern.

Auch die Volksdeutschen mussten bald darauf Haus und Hof verlassen, viele wurden von den Serben unter grausamen Bedingungen interniert, das Pastorenehepaar und mehrere andere Flüchtlinge wurden ermordet.

Weitere Klassenreisen habe ich bis zum Ende meiner Schulzeit im Jahr 1948 nicht mehr gemacht.

Verlorene Jugendzeit

Ein Schulkamerad berichtet:

Im Juli 1943 schwerste Bombardierung Hamburgs, ungefähr 40.000 Tote verbrannt, verschüttet, erstickt in Luftschutzkellern, erschlagen von Mauerbrocken.

Wir 14-jährigen Schuljungen aus Halstenbek erhielten den Befehl, als Hilfsfeuerwehrleute in die gesperrten Stadtgebiete zu fahren. Per LKW wurden wir in die von Rauch und Qualm bedeckten Stadtteile transportiert (auch ältere Jungen - ab Jahrgang 28 - waren von der Wehrmacht als Luftwaffenhelfer eingezogen, d.h. tagsüber Unterricht und fast jede Nacht bei Fliegeralarm in den Abwehrstellungen die Scheinwerfern bedienen und den Soldaten Hilfsdienste leisten.)

Wir Feuerwehrhelfer mussten tagelang verkohlte und verstümmelte Leichen bei hochsommerlichen Temperaturen bergen.

Aus Kindern wurden in wenigen Tagen ernste Erwachsene, viele von uns trauerten auch noch um nahe Angehörige, die auf dem "Felde der Ehre" gefallen waren.